Die Bio-Anbaufläche soll sich bis 2030 nahezu verdreifachen. Das Ziel ist nur mit dem konventionellen Handel und neuen Absatzwegen zu erreichen. Das wissen auch die Bio-Anbauverbände. So erlaubt Biokreis seit 2023, dass auch Eigenmarken klassischer Händler und Discounter das Biokreis-Siegel tragen dürfen, wenn sie Mitglied sind. Der Verband will wachsen, auch mit anderen Verbänden. Im Juni 2025 gründeten Biokreis, Bio Austria, Bioland, Bioland Südtirol, Biolandwirtschaft Ennstal, Gäa sowie Demeter Österreich die „Bio-Allianz“. Ziele: gemeinsames Rohwarenmanagement, einheitliche Qualitätssicherungsmaßnahmen und Verbandsstandards, die „wo möglich und sinnvoll“ angeglichen werden.
Ein neuer Kurs bringt auch Reibung. Dokumente, die der Lebensmittel Praxis vorliegen, sowie Gespräche mit Insidern werfen jedoch Fragen auf, ob der Verband die Erwartungen der Verbraucher noch voll erfüllt. 78 Prozent der Bio-Kunden nennen laut Öko-Barometer 2024 den Punkt Einhaltung sozialer Standards und faire Einkommen als Kaufgrund für Bio. Doch: Der neue Führungsstil von Biokreis erinnere mitunter an die „Trump-Administration“, schreibt ein Informant. Es ist die Rede von abgerissenen Informationsflüssen, Entscheidungen, die teils ohne Einbindung der jeweils Zuständigen gefällt werden, und ein Betriebsrat sei „verhindert“ worden, so der Eindruck von Insidern. In den vergangenen knapp zwei Jahren hätten sieben Mitarbeiter den Verband verlassen, berichten Informanten. Früher habe es so gut wie keine Fluktuation gegeben. Laut Verband arbeiten aktuell 20 Personen für Biokreis, davon fünf Neueinstellungen in diesem Jahr. Auf LP-Anfrage äußern sich Vorstand und Geschäftsführung nicht zu den einzelnen Kritikpunkten wie abgerissenen Informationsflüssen oder dazu, wie sie zu einem Biokreis-Betriebsrat stehen.
Auch der Umgang mit Mitgliedern habe sich verändert, heißt es. Auf seiner Internetseite schreibt Biokreis: „Wir sind basisdemokratisch. Auf unseren Mitgliederversammlungen kann sich jeder einbringen.“ Doch: Bekamen Mitglieder in der Vergangenheit auch ohne vorherige Anmeldung Zutritt zu Mitgliederversammlungen, habe der neue Geschäftsführer Simon Krischer für die Versammlung im Frühjahr 2025 wiederholt einen Polizeieinsatz in Aussicht gestellt, sollten Mitglieder Einlass fordern, die zuvor nicht angemeldet waren, erfährt die LP aus diversen Quellen.
Auf LP-Anfrage erwidert Biokreis-Geschäftsführer Simon Krischer schriftlich, der Verband sei auf einem guten Weg: „Wir sind schnell, wir befinden uns in einer starken Wachstumsphase.“ 2025 zähle Biokreis knapp 5 Prozent mehr Mitglieder. Zudem verweist er auf die Bio-Allianz, die „unsere gemeinsamen Anliegen wirksam stärkt“. Dies rufe auch Neid hervor. „Man kann auf solche Erfolge mit eigenen Anstrengungen und viel Kreativität reagieren, man kann aber auch den Weg wählen, zu versuchen, den Konkurrenten zu diskreditieren“, so Krischer.
Sorge vor Aufweichen des Profils
Doch nicht alle Bestandsmitglieder scheinen zufrieden. „Wir haben von dem Zusammenschluss zur Bio-Allianz über die Presse erfahren. Es gab keine Abstimmung unter den Mitgliedern“, bedauert Gerlinde Wagner, Biokreis-Mitglied und Geschäftsführerin der Biohennen AG. Laut Protokoll wurde auf der letzten Versammlung am 15. März über Gespräche zu Kooperationen mit anderen Bio-Verbänden berichtet. Von Gründung der Bio-Allianz ist im Protokoll nicht die Rede. Auch seien Richtlinien punktuell verändert worden, ohne die Mitglieder vorab in die Entscheidung einzubeziehen, kritisiert ein Insider. So hatte Biokreis bisher im Vergleich zu EU-Bio und dem Verband Naturland zum Beispiel strengere Regeln für die Haltung von Legehennen. Pro Gebäude durften maximal zwei vollständig voneinander getrennte Ställe mit je bis zu 3.000 Legehennen untergebracht sein. In der Neufassung der Biokreis-Richtlinien vom Oktober 2024 sind nun 12.000 Tiere, also doppelt so viele Hennen, pro Gebäude erlaubt. Tatsächlich müssen solche Änderungen nicht zur Abstimmung gebracht werden, früher wäre dies jedoch anders gehandhabt worden, so die Meinung mehrerer.
„Wenn Biokreis seine Richtlinien aufweicht und sich damit EU-Bio annähert, verliert der Verband an Profil“, fürchtet Wagner. Einige ihrer Eier-Lieferanten hätten Biokreis den Rücken gekehrt, berichtet sie. Denn: „Immer mehr Erzeuger fragen sich, was sie von der Biokreis-Zertifizierung und -Mitgliedschaft haben.“ Was ihr Sorgen macht: „In meiner Wahrnehmung sind die Bio-Verbände zunehmend mit sich selbst beschäftigt.“
Ihre Sorgen teilt Prof. Jan Niessen, Experte für strategische Marktbearbeitung in der Ökobranche der TH Nürnberg. Bio-Anbauverbände stünden in zunehmender Konkurrenz, nicht nur um Händler als Lizenzpartner für deren Bio-Eigenmarken, sondern auch um Mitglieder oder gar Bestandsmitglieder, die entsprechende Rohwaren anbieten. Zusammenschlüsse wie die Bio-Allianz könnten diesen brancheninternen Wettbewerb entschärfen, jedoch auch dazu führen, dass sich die Verbände auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen, wenn Richtlinien angeglichen werden. „Mit weniger strengen Regeln erhöhe ich die Wettbewerbsfähigkeit, weil die Produktion günstiger werden kann, und ich gewinne leichter konventionelle Landwirte für die Umstellung auf Bio.“ Aber: „Wenn sich die Verbände immer weniger voneinander und von EU-Bio unterscheiden, verlieren die einzelnen Verbandsmarken an Kraft“, so Niessen. Er erklärt, worin sich Biokreis bisher von anderen Verbänden abhebt: „Der Verband wurde von Erzeugern und Verbrauchern gegründet, die Positionierung war ‚authentisch bäuerlich‘, fair und regional – und ein wenig rebellisch.“ Mit den neuen Beschlüssen zur engen Zusammenarbeit mit dem Discount und im Rahmen der Bio-Allianz scheine Biokreis nun jedoch „nicht Fisch und nicht Fleisch“. Mit ausschlaggebend für den Erfolg der Bio-Allianz sei, ob Doppelstrukturen und Kosten eingespart werden können oder ob mehr koordinierende Strukturen erforderlich seien. Dies könne Verbands-Bio teurer machen.
Es gibt also viel zu tun. Doch intern scheint es bei Biokreis zu knirschen. Im Dezember 2024 übernahm Simon Krischer den Geschäftsführerposten bei Biokreis. Der langjährige Geschäftsführer Josef Brunnbauer soll sich zuvor mit dem Vorstand überworfen haben und wechselte zu Naturland Österreich.
Reaktion auf Kritik
Statt des bisher intern gewohnten „familiären“ Miteinanders herrsche nun ein „Gegeneinander“, beklagen Insider. Gegen den frisch gegründeten Betriebsrat wurden rechtliche Schritte eingeleitet. Krischer erläutert, die Gründung eines Betriebsrats im Biokreis e. V. sei ein Vorgang, „den ein klarer, verbindlicher und lang bewährter gesetzlicher Rahmen in Deutschland regelt“. Diesen respektiere die Geschäftsführung und halte diesen zu 100 Prozent ein. „Das Arbeitsgericht Passau, das mit der Prüfung der Betriebsratswahl betraut war, hat diese unter anderem wegen eines kritischen Verstoßes gegen vorgeschriebene Fristen, der geeignet war, das Wahlergebnis zu beeinflussen (Wortlaut des gerichtlichen Beschlusses), klar für unwirksam erklärt.“ Der Beschluss des Gerichts habe bestätigt, „dass es notwendig war, hier zum Wohle des Verbands sowie der Mitarbeiter genau hinzuschauen“. Eine Neuwahl eines Betriebsrats bei Biokreis gab es bis Redaktionsschluss nicht.
