So entsteht... Wie in der Eiscremeproduktion Menschen und Maschinen zusammenarbeiten

Hintergrund

Lassen sich Handwerk und moderne Technologie in der Eiscreme-Produktion zusammenführen? Ein Blick in die Manufaktur von Florida-Eis.

Montag, 15. September 2025, 07:40 Uhr
Hedda Thielking
Speiseeis-Produktion
Die Grundmasse für Milcheis besteht aus Vollmilch, Butter, verschiedenen Zuckerarten, Eigelb und Salz.
Im 24 Meter langen Gefriertunnel kühlt das Eis innerhalb von 20 Minuten auf Minus 20 Grad Celsius. Bildquelle: Sebastian Pfütze

Mittwochvormittag in Berlin. Der bislang heißeste Tag des Jahres steht bevor. Schon um neun Uhr morgens zeigt die Temperaturanzeige am Hoteleingang 26 Grad Celsius an. Bis zum Nachmittag soll die Temperatur auf 35 Grad klettern. Ein Tag, an dem jede Abkühlung willkommen ist. Doch anstatt sich in einem klimatisierten Büro zu verkriechen, führt der heutige Termin an einen Ort, der an diesem heißen Sommertag wie gerufen kommt: zur Florida-Eis Manufaktur in Berlin.

Der Termin mit Geschäftsführer Olaf Höhn, 75 Jahre, verspricht spannend zu werden. „Ich habe nichts zu verbergen“, sagt er voller Energie und Tatendrang. Das Unternehmen produziert nicht nur CO2-neutral, sondern hier ist – wie der Name Eismanufaktur verrät – Handarbeit angesagt – mehr, als man ahnt. Aber der Reihe nach.

Bei Florida-Eis herrscht an diesem Tag Hochbetrieb. „Die Hitze fordert uns heraus. Normalerweise arbeiten wir im Zwei-Schicht-Betrieb von 5 bis 23 Uhr“, sagt der Chef. „Überstunden sind aktuell nicht zu vermeiden. Gestern haben wir 66.000 Becher à 500 Milliliter produziert. Rekord in diesem Jahr! Normalerweise sind es 50.000 Becher.“

Promi-Sorten im Programm

Für Besucher heißt es zunächst: Schutzkleidung anziehen. Weißer Kittel, weiße Kopfhaube und blaue Schuh-Überzieher – alles Einweg. Das grau melierte, volle Haar von Olaf Höhn verschwindet unter einer blauen Kopfhaube, während er im weißen Kittel und in Sicherheitsschuhen in den Produktionsbereich führt – ein wohltuender Ort mit angenehmen 21 Grad. An diesem Vormittag stehen die Sorten Franzbrötchen und Pistachio White Choc auf dem Programm. Das sind aber keine Sorten von Florida-Eis. „Stimmt“, sagt Olaf Höhn. „Wir produzieren auch für die Marke Mälzer & Fu, also von dem TV-Koch Tim Mälzer und dem Streetwear-Pionier ‚Fu‘. Gemeinsam haben wir separate Sorten kreiert, deren Rezepturen nicht wesentlich von Florida-Eis abweichen.“

„Für alle Milcheissorten benötigen wir dieselbe Eis-Grundmasse“, erklärt Olaf Höhn und zeigt auf mehrere 350-Liter-Edelstahlbehälter. Darin fließt gerade die Eis-Grundmasse durch ein Edelstahlrohr: Sie sieht aus wie Milch, die Oberfläche leicht schaumig. „Unsere Eis-Grundmasse besteht aus Vollmilch, verschiedenen Zuckerarten, Eigelb, etwas Salz und Butter – kein Palmfett“, betont der Geschäftsführer. Ganz ohne Zusätze wie Johannisbrotmehl als Bindemittel kommt aber auch Florida-Eis nicht aus. „Wir verwenden allerdings nur 0,1 Prozent Bindemittel. Unsere Mitbewerber geben bis zu 5 Prozent dazu“, weiß Höhn – man spürt den Stolz in seiner Stimme.

Zweites Werk in Schönebeck

Olaf Höhn will expandieren. Nach zwei Jahren bekam er endlich die Baugenehmigung für ein Werk in Schönebeck bei Magdeburg – ein 25-Millionen-Projekt. Allein die Planung der Produktionshalle – zur besseren Isolierung mit Bambusholz verkleidet – war herausfordernd.

Erfinder der smarten Truhe

Der Florida-Eis-Chef hat die smarte Eistruhe erfunden: Seine Eisbecher kann er mit RFID-Chips und die Eistruhen mit Antennen ausstatten. So muss sich der Händler um keine Bestellungen mehr kümmern, alles läuft „smart“. Die Nachfrage ist riesig, Höhn kommt mit der Lieferung kaum hinterher.

Pasteurisieren und dispergieren

In dem Edelstahlbehälter muss die Grundmasse zehn Minuten bei 80 Grad Celsius pasteurisieren, um mögliche krankheitserregende Keime abzutöten. Anschließend schiebt ein Mitarbeiter den Edelstahlbottich mit der Eis-Grundmasse in den nächsten Raum, die Abfüllhalle. Dort stehen 26 runde Edelstahltanks, die fast bis an die Decke ragen. Die Eis-Grundmasse wird in diese Tanks gepumpt, dann steht das Dispergieren an. Olaf Höhn erklärt: „Die Masse kühlt innerhalb von 45 Minuten von 82 auf 4 Grad Celsius ab. Dabei gleiten viele eng anliegende Messer durch die Eismasse, wodurch das Eis eine besonders cremige Konsistenz bekommt. Schließlich wollen wir keine Eiskristalle im Eis haben.“ Auf großen digitalen Anzeigen können die Mitarbeiter den kompletten Prozess verfolgen. Danach wird das Eis in riesige Reifetanks gepumpt, wo es zwei bis drei Stunden unter ständigem Rühren reift, bis sich alle Zutaten gut miteinander verbunden haben. 26 Reifetanks stehen dafür bereit.

Mischen und abfüllen

Einer der wohl spannendsten Momente: An jedem Reifetank befindet sich ein Arbeitsplatz. Wie aus einem Fleischwolf gleitet hier langsam das helle Vanilleeis für das Franzbrötchen-Eis, aus anderen Tanks das hellgrüne Pistazieneis in Edelstahlbehälter, wie man sie aus Eisdielen kennt. Das Eis ist jetzt 4 Grad Celsius kalt, es ist dadurch schön cremig und gut zu portionieren. Ein Mitarbeiter füllt mit einer Suppenkelle die selbst hergestellte hellbraune Karamellsauce in das Vanilleeis und rührt sie mit einem Teigschaber grob unter. Nun setzt er mit einem Eiskugelportionierer zwei große „Kugeln“ in den runden 500-Milliliter-Becher, klopft den Becher zweimal auf die Arbeitsfläche, damit sich das Eis besser im Becher verteilt. Ein Löffel Krokant darüber – ebenfalls aus Eigenproduktion – Deckel drauf und ab damit auf das Transportband, das hinter ihm zum Schockfroster führt. In diesem 24 Meter langen Tunnel kühlt das Eis innerhalb von 20 Minuten auf –20 Grad Celsius herunter.

Stimmt beim Abfüllen von Hand denn die Füllmenge? „Ja, unsere 500-Milliliter-Becher enthalten mindestens 460 Gramm Eis. Wir überfüllen sogar eher“, sagt Höhn. Er betont: „Trotz Inflation betreiben wir keine Shrinkflation. Im Gegenteil: Wir produzieren Eis ohne Luftaufschlag und verwenden keine Tricks. Ich will ehrliches Eis. Probieren Sie mal.“ Und schon reicht ein Mitarbeiter einen Probierbecher. Das Franzbrötchen-Eis ist schön cremig, die Karamellsauce harmoniert mit dem Vanilleeis. Das hellgrüne Pistazieneis mit selbst gemahlenen Pistazien schmeckt sehr natürlich.

Beim täglichen Gang durch die Produktionshalle klopft Höhn den Mitarbeitern – sie kommen aus 18 Nationen – wertschätzend auf die Schulter und spricht mit manchen. Die Stimmung ist gut. Seine Wertschätzung dankt ihm die Belegschaft: Sie sind zuverlässig, und der Krankenstand beträgt nur fünf Prozent.

Eis-Boom: Marken und Single-Packs sind gefragt

Von frostiger Stimmung kann im Speiseeis-Markt keine Rede sein, wie die Daten von Circana zeigen. Im Zeitraum MAT Juni 2025 zeigt er im gesamten Lebensmitteleinzelhandel (über 200 Quadratmeter, einschließlich Discounter und Drogeriemärkte) ein kräftiges Umsatzwachstum von 9,6 Prozent. „Dieser Trend wird durch eine gestiegene Nachfrage mit einem Absatzplus von 4,3 Prozent und ein höheres Preisniveau von 5,1 Prozent angetrieben“, erläutert Daniel Schieren, Marktexperte und Kundenberater bei Circana.

Marke legt zu

Vor allem Markenhersteller können sich über satte Zuwächse freuen. Sie steigern ihren Umsatz um 11,8 und ihre Verkaufsmenge um 7,2 Prozent, während ihr Preistrend mit 4,3 Prozent auf Augenhöhe mit dem der Eigenmarken des Handels liegt. Die können bei den ersten beiden Punkten nicht ganz mithalten: Mit einem wertmäßigen Anstieg von 6,1 Prozent und einem leichten Absatzplus von 1,7 Prozent schneiden sie unterdurchschnittlich ab. Und: Ihr Umsatzanteil geht im Vergleich zum Vorjahr um 1,3 Prozentpunkte auf 38 Prozent zurück.

Speiseeis im Aufwärtstrend

Single-Packs boomen

Ein Blick auf die Teilmärkte: Multi-Packs dominieren mit einem Umsatzanteil von 56,8 Prozent. Obwohl dieser um 0,3 Prozentpunkte leicht rückläufig ist, zeigen sie ein solides Wachstum von 9 Prozent im Wert und 4 Prozent in der Menge. Familienpackungen, das zweitgrößte Segment, glänzen mit einem Umsatzplus von 15,2 Prozent und einem Absatzwachstum von 4,5 Prozent.

Klare Gewinner sind jedoch die Single-Packs. Sie erleben einen zweistelligen Umsatzsprung von 15,2 Prozent und einen Verkaufsanstieg von 8,4 Prozent. Daniel Schieren von Circana dazu: „Angetrieben wird dieser Boom durch eine erweiterte Sortimentsbreite, die um 6,9 Prozent auf durchschnittlich 25,9 Artikel pro Geschäft zunimmt. Im Vergleich dazu führt jedes Geschäft im Schnitt 78 Multi- und 73 Familienpack-Artikel.“

Vertriebsschienen

Verbrauchermärkte bilden weiter den führenden Vertriebskanal. Sie steigern ihren Wert um 10,9 Prozent und ihre Menge um 4,8 Prozent. Discounter wachsen mit einem Umsatzplus von 8,6 Prozent und einem Absatzplus von 4,2 Prozent etwas langsamer. Dennoch beträgt ihr Umsatzanteil 45,7 Prozent, damit ist er gegenüber dem Vorjahr leicht rückläufig. hth

Handarbeit in der Saucenküche

Bevor es zur Verpackungsstation geht, zeigt Olaf Höhn stolz die Saucenküche. Seine Augen leuchten. Hier kommen Küchenmaschinen, Backbleche und Schneebesen zum Einsatz, wie man sie aus jeder Küche kennt. Eine Mitarbeiterin mengt gerade aufgeschlagenen Eischnee in den frisch angerührten Biskuitteig, verteilt ihn auf mehreren Kuchenblechen und schiebt sie in den Backofen. Den Biskuit zerkleinert sie später für die Cookie-Einlage.

Ihre Kollegin nebenan lässt Schokoladendrops im Wasserbad schmelzen, sodass ein schokoladiger Duft entsteht. Aber warum streicht sie die flüssige Schokolade hauchdünn auf ein Blech? Höhn erklärt: „Wir lassen die Schokolade schockfrosten. Dann brechen wir sie von Hand in kleine Stücke. Die Schokoladedrops wären sonst viel zu hart fürs Eis. Da bricht man sich die Zähne.“

Auch spannend: Für den Vanillegeschmack fermentiert die Eismanufaktur ganze Vanilleschoten in einem Backofen – sechs Stunden bei 80 Grad Celsius. Olaf Höhn zieht ein Backblech aus dem Ofen – dicht belegt mit dunkelbraunen duftenden Vanilleschoten. „Das ist indonesische Vanille, beste Qualität“, erklärt er. „Für 180 Kilogramm habe ich 27.000 Dollar bezahlt.“ Nach dem Fermentieren mahlen die Mitarbeiter die ganzen Schoten im Thermomix. Die echte Vanille sorgt für ein natürliches Vanillearoma.

Während des Gesprächs kann Olaf Höhn seine Begeisterung für Technik nicht verbergen. Wie auch, er ist Maschinenbau-Ingenieur. Aber warum setzt er dann auf Handarbeit? „Die Eis-Qualität ist besser, wenn wir viele Arbeitsschritte von Hand erledigen. Hinzu kommt: Das maschinelle Abfüllen, beispielsweise mit Cookie-Stücken, wäre eine zusätzliche Herausforderung.“

Frostig verpacken

In der eiskalten Packstation endet der Frosttunnel. Hier packen drei Mitarbeiter – sie sind alle mit dicken Winterjacken, Mützen und Handschuhen bekleidet – die Becher für das Streckengeschäft in Kunststoffkörbe, wie man sie von Bäckereien kennt. „So lassen sich die Becher ruckzuck in die Tiefkühltruhen der Märkte verräumen“, weiß Olaf Höhn aus Erfahrung. Die Zentralen bekommen die Waren in Kartons geliefert. Der Unternehmer stellt fest: Immer mehr Händler im Streckengeschäft buchen den Full Service. „Unsere Fahrer kümmern sich dann auch um die Regalpflege und Bestellungen im Markt. Die Fahrer sind deshalb meine Visitenkarte“, schmunzelt er. Von der Packstation geht man in die Versandstation für die Online-Bestellungen. Hier packen Mitarbeiter die Eisbecher in Kartons und bestücken sie mit Trockeneis. So bleibt das Eis bis zu 36 Stunden gefroren.

Transport mit Zukunft

Zum Schluss geht es raus in die Hitze – Fuhrpark ansehen. Die 30 Tiefkühl-Fahrzeuge sind größtenteils mit E-Antrieb und einer eutektischen Plattenkühlung ausgestattet. Höhn hat diese Kühlung mit entwickelt. „Sie fungiert wie ein aufladbares Kühlspeichersystem“, erklärt er stolz. „Das Fahrzeug hat eine Reichweite von fast 200 Kilometern, die Kühlung reicht bis zu zwei Tage. Dabei entstehen weder Emissionen noch laute Geräusche. Dies sind weltweit die ersten Tiefkühl-Lkw mit E-Antrieb.“ Olaf Höhn denkt noch nicht ans Aufhören, im Gegenteil: Er will expandieren und beginnt im Spätherbst mit dem Bau eines zweiten Werks in Schönebeck. Das braucht er auch, wenn er mehr veganes Eis sowie Bio-Eis produzieren und mit Discountern ins Geschäft kommen möchte. Eine Testphase mit Lidl ist bereits gestartet.

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Bild öffnen Die Grundmasse für Milcheis besteht aus Vollmilch, Butter, verschiedenen Zuckerarten, Eigelb und Salz.
Bild öffnen Damit die Schokoladenstücke im Eis nicht steinhart sind: Geschmolzene Schokolade auf ein Blech streichen, schockfrosten und von Hand in Stücke brechen.
Bild öffnen Für die Cookies wird der Biskuitteig auf haushaltsüblichen Backblechen gebacken.
Bild öffnen Die Karamellsauce bereiten Mitarbeiter aus Zucker, Sahne und Sirup selbst zu. Die rühren sie kurz vor dem Portionieren durch die frische Eiscreme.
Bild öffnen Zwei große „Kugeln“ Eis in Becher füllen, einen großen Esslöffel Streusel darüber verteilen, Deckel drauf – alles Handarbeit.