Im Halbdunkel einer Werkstatt rascheln Tabakblätter wie trockenes Pergament. Geübte Hände prüfen sie gegen das Licht, schneiden die Mittelrippe heraus und rollen die Einlage fest zusammen. Ein scharfes Messer gleitet über das Holzbrett, ein seidiges Deckblatt wird millimetergenau zugeschnitten und straff gewickelt. Aus den braun glänzenden Blättern entsteht eine Zigarre – makellos, schwer von Duft und Tradition, geformt in stiller Konzentration. Eine solche Szenerie kann man beobachten in Kuba, Honduras, Nicaragua, der Dominikanischen Republik und sogar vereinzelt noch in Deutschland, beispielsweise bei der Zigarrenmanufaktur Wolf & Ruhland im niederbayerischen Perlesreut.
Zigarren und Zigarillos fristen in Deutschland ein Nischendasein. Seit 2007 hat sich der Markt halbiert, unter anderem aufgrund von Steuererhöhungen. Rund 2,3 Milliarden Stück wurden laut Statistischem Bundesamt im vergangenen Jahr hierzulande noch verkauft. Zum Vergleich: Im selben Jahr wurden in Deutschland 66,2 Milliarden Zigaretten versteuert. Zigarren stehen für Exklusivität, Genuss, Fachwissen. Etwas für Insider und kein Massenprodukt. Umso mehr zeigen sich die wenigen Hersteller in Deutschland schockiert von einer geplanten EU-Reform der Tabaksteuerrichtlinie, die nicht nur Zigaretten und deren Alternativen, sondern eben auch Zigarren und Zigarillos massiv verteuern würde. Bislang gilt die Mindeststeuer in diesem Bereich als niedrig, künftig soll sie aber von 12 auf 143 Euro pro 1.000 Stück in die Höhe gehen. Hinzu kommt noch ein Kaufkraftaufschlag.
Die in Deutschland hergestellten Zigarillos kosten derzeit pro Packung grob gesagt zwischen 8 und 14 Euro. „Wir müssten die Verbraucherpreise mindestens verdoppeln. Aber wer kauft das dann noch? Das kann man nach den ganzen anderen Preissprüngen der vergangenen Jahre ja keinem vermitteln“, fürchtet beispielsweise die Geschäftsführung des Herstellers Arnold André in Bünde (Nordrhein-Westfalen). Auch andere Branchenvertreter laufen Sturm gegen die Pläne aus Brüssel. Die mittelständisch geprägten Hersteller und Importeure von Zigarren und Zigarillos seien in ihrer Existenz bedroht, so die einhellige Meinung.
Ringen um das richtige Maß
Bodo Mehrlein, Geschäftsführer beim Bundesverband der Zigarrenindustrie, hat versucht, seine Branche bei der Debatte um höhere Steuern bestmöglich zu unterstützen. „Unser Verband hat seine Bereitschaft erklärt, eine Mindeststeuer von 60 Euro umzusetzen, was immerhin noch einer Steigerung von 400 Prozent entspricht“, erzählt er gegenüber der Lebensmittel Praxis über die Verhandlungen in Brüssel. Dass die Kommission nun mehr will, hält er für unverantwortlich. Solch eine hohe Steuerbelastung müsste an die Verbraucher weitergegeben werden. Die Folge: ein Einbruch des Marktes und eine Bedrohung der über 1.600 Arbeitsplätze in Deutschland. Die geplante Steuererhöhung kommt zu einer Zeit, in der sich die Produzenten eigentlich eine Verschnaufpause erhofft hatten. Insbesondere von noch mehr bürokratischen Hürden. „Wir hatten eigentlich den Eindruck, dass sich in der EU-Kommission etwas bewegt. Es war viel von Mittelstandsförderung, mehr Wettbewerbsfähigkeit und weniger Bürokratie die Rede. Seit der Richtlinienveröffentlichung wissen wir: Das waren leere Versprechen“, so Mehrlein.
Auch Paul Varakas, der den europäischen Zigarrenverband leitet, sagt: „Die Erhöhung des EU-Mindestsatzes um 1.100 Prozent für Nischenprodukte, die auf dem Tabak- und Nikotinmarkt bereits am wenigsten erschwinglich sind, ist realitätsfremd.“ Diese Vorschläge stünden im Widerspruch zu dem Versprechen der Kommission, den Mittelstand zu entlasten.
Schon im letzten Jahr wurde die Zigarrenindustrie von der EU zu hohen Millioneninvestitionen verdonnert, damit Zigarren und Zigarillos lückenlos nachverfolgt werden können. Bei diesem „Track and Trace“ genannten System enthalten Zigaretten, Zigarren und Zigarillos eine einzigartige digitale Kennzeichnung, welche die gesamte Lieferkette erfasst. 5,5 Millionen Euro etwa hat Arnold André für die Umsetzung investieren müssen. „Eine Maßnahme, die den Willen des Unternehmens zur Zukunftssicherung zeigt“, heißt es aus dem Unternehmen. Umso mehr ärgert man sich über die aktuellen Steuerpläne. „Wir leben hier in Bünde in der Zigarrenstadt. Das ist historisch so gewachsen. Natürlich machen sich die Mitarbeiter jetzt Gedanken“, so die Geschäftsführung weiter. Für ein Unternehmen wie Arnold André, das mit rund 200 Beschäftigten am Stammsitz in Bünde und weiteren 200 Mitarbeitenden am Standort Königslutter tief in der regionalen Struktur verwurzelt ist, stehe viel auf dem Spiel.
Darüber hinaus weist der Zigarrenhersteller auf die weitreichenden Folgen für die gesamte Wertschöpfungskette hin: Schließlich hängen auch Zulieferbetriebe, beispielsweise in Mittelamerika, an dieser Industrie. Und auch für Teile des Handels – wie Kioske, Einzelhändler oder Tabakfachgeschäfte – sei der Vorschlag der EU-Kommission existenzbedrohend. Diese Betriebe leben von den guten Margen bei Pfeifentabak oder Zigarren.
Kleiner Wirtschaftszweig
Zigarren und Zigarillos werden in Deutschland sowie in anderen europäischen Ländern und Drittstaaten hergestellt. In Europa widmen sich rund 6.000 Beschäftigte der Herstellung. Weltweit ist die Zahl um ein Vielfaches höher.
Längst nicht nur aus Kuba
Besonders in Staaten der Karibik wie Kuba, Dominikanischer Republik, Honduras, Nicaragua und auch in Ländern wie Brasilien, Indonesien und Sri Lanka verdienen Zehntausende Menschen ihren Lebensunterhalt mit der Herstellung von Zigarren, aber auch mit dem Anbau und der Veredelung von Tabak. Wichtige Hersteller in Deutschland sind unter anderem Arnold André, Dannemann und Davidoff of Geneva.
Egal ob von Maschinen gerollt oder in Handarbeit: Der Herstellungsprozess von Zigarren und Zigarillos ist mit dem von Zigaretten nicht zu vergleichen. Während 20.000 Kippen in der Minute maschinell hergestellt werden können, sind es bei Zigarillos zwischen 60 und 120 Stück die Minute. Nicht zu vergessen, dass dabei noch viele Schritte in der Vorproduktion anfallen, wie Fermentierung und der händische Zuschnitt des Deckblattes. Es vergehen über 800 Tage, bis ein Zigarillo vom Samenkorn bis zum Endprodukt fertig ist. Bei handgerollten Produkten ist die Herstellung noch arbeitsintensiver. Auch die eingesetzten Materialien sind wesentlich hochwertiger.
Da Zigarren und Zigarillos meist über den Fachhandel vertrieben werden und sehr beratungsintensiv sind, wird auch eine höhere Marge gezahlt als bei Zigaretten. „Mit anderen Worten benötigen diese Produkte einen wesentlich höheren Wirtschaftsnutzen – dies alles muss nach dem fiskalpolitischen Ansatz der Belastbarkeit berücksichtigt werden“, sagt Verbandschef Mehrlein. Branchenspezifisch unterliege man auch immer wieder neuen Regelungen. Das gelte insbesondere für den Export. „Da unsere Branche sehr stark exportorientiert ist, müssen wir hier auch auf bürokratische Belastungen im Ausland schauen.“
Politischer Sprengstoff
Die geplante Verteuerung betrifft nicht nur Zigarren, sondern auch andere Tabakprodukte. „Das Vorhaben würde dazu führen, dass der Preis für eine Packung Markenzigaretten in Deutschland von derzeit etwa 8,50 Euro auf mehr als 12 Euro steigt“, sagte Jan Mücke vom Bundesverband der Tabakwirtschaft und neuartiger Erzeugnisse. Der 30-Gramm-Beutel mit Feinschnitttabak zum Selberdrehen würde demnach künftig statt 10 Euro mehr als 18 Euro kosten. Nach Branchenangaben hat der Bund im vergangenen Jahr 15,6 Milliarden Euro an Tabaksteuern eingenommen.
Von solchen nationalen Einnahmen möchte Brüssel künftig etwas abbekommen, und zwar 15 Prozent. Das ist noch nicht entschieden und stößt in den Hauptstädten der Mitgliedstaaten auf Widerstand. Auch in Deutschland wird das Thema kontrovers diskutiert. „EU will Tabaksteuer erhöhen – und Einnahmen für linke Agenda missbrauchen“, titelt etwa das rechtspopulistische Nachrichten-Portal Nius um den ehemaligen „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt. Die Pläne hätten sogar das Potenzial, das „Machtgefüge innerhalb Europas“ zu gefährden, da sich die EU Einnahmen erschließe, für die ihr die Steuerhoheit fehlt. Auch die schwedische Finanzministerin Elisabeth Svantesson sagt, dass sich die Kommission langfristig unabhängiger von den Beiträgen der Mitgliedstaaten mache.

Andere Kritiker sorgen sich eher um die Wettbewerbsfähigkeit der eigenen Wirtschaft. „Wer die Steuerschraube zu stark anzieht, riskiert, dass sich immer mehr Geschäft in die Schattenwirtschaft verlagert“, glaubt etwa der CSU-Europaabgeordnete Markus Ferber. „Die Kommission muss hier mit Augenmaß vorgehen – sonst schadet sie ehrlichen Unternehmen und hilft den Schmugglern.“
Nach Einschätzung des Branchenvertreters Mücke würden Kriminelle ihre Anstrengungen erhöhen, in Deutschland unversteuerte illegale Zigaretten zu verkaufen, schließlich würde ihr Geschäft wegen der höheren Preise in Läden lukrativer: „Viele Raucher, die bislang ganz legal Zigaretten gekauft haben, würden auf illegale Warenströme ausweichen.“ Der drohende Schwarzmarkt-Boom könnte auch zum Anstieg der Raucherquote unter Jugendlichen führen, glaubt Mücke, denn: „Dealer nehmen schließlich keine Altersüberprüfung vor.“
Der SPD-Europaabgeordnete Tiemo Wölken wertet höhere Steuern auf Tabakprodukte hingegen positiv: „Mit der vorgeschlagenen Erhöhung der Tabaksteuer macht die Kommission einen richtigen Schritt in Richtung Gesundheit und Krebsvorsorge.“ Zustimmung signalisierte auch die Grünen-Bundestagsabgeordnete Linda Heitmann. Das Anpassen von Preisen sei eine notwendige Präventionsmaßnahme, damit die Menschen weniger Suchtmittel kaufen. „Wir sehen leider, dass Rauchen in Deutschland im europa- und weltweiten Vergleich immer noch vergleichsweise günstig ist. Zu günstig!“
Auch Gesundheitsexperten warnen vor dem krebserregenden Tabakkonsum, sie sehen das Vorhaben der EU-Kommission positiv. „Deutliche Tabaksteuererhöhungen sind die wirksamste Maßnahme, um rauchende Menschen zum Nichtrauchen zu motivieren und nicht rauchende Menschen – vor allem Jugendliche – von dem Einstieg ins Rauchen abzuhalten“, sagt Katrin Schaller vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ). „Eine Preiserhöhung um 10 Prozent senkt in Ländern mit hohen Einkommen den Tabakkonsum um etwa 4 Prozent.“
Das Argument Gesundheitsschutz lässt der Lobbyist Mehrlein zumindest für seine Branche nur bedingt gelten: „Zigarren und Zigarillos sind reine Genuss- und Kulturgüter, welche nur gelegentlich von erwachsenen Konsumenten geraucht werden. Wir haben hier kein Jugendschutzproblem.“