Personalisierte Ernährung Essen, was den Genen schmeckt

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Immer mehr Unternehmen bieten maßgeschneiderte Ernährungstipps auf der Basis von DNA-Analysen an. Ist diese Art der personalisierten Ernährung praxistauglich?

Freitag, 18. Oktober 2024, 07:52 Uhr
Hedda Thielking
Bildquelle: Novogenia

Es galt als wissenschaftliche Sensation, als im Jahr 2003 das menschliche Genoms entschlüsselt wurde. Seitdem sind immer mehr kommerzielle Anbieter frei verkäuflicher Lifestyle-Gentests auf den Markt gekommen. Mithilfe einer Speichelprobe und der Angabe einiger persönlicher Daten wie Geschlecht, Alter, Größe und Gewicht sollen die Verbraucher beispielsweise erfahren können, wie ihr Körper Kohlenhydrate, Fette oder Eiweiß verstoffwechselt und welche dieser Nährstoffe eher zum Übergewicht beitragen. Daraus leiten die Anbieter individuelle Ernährungsempfeh­lungen und Ernährungspläne ab. Manche Firmen bieten zusätzlich personalisierte Nahrungsergänzungsmittel an. Laut Gendiagnostikgesetz sind Gentests zu medizinischen Zwecken Ärzten vorbehalten. Lifestyle-Gentests fallen nicht unter dieses Gesetz. Auch wenn die Daten nur verschlüsselt verarbeitet werden, sollte man sich gut überlegen, seinen persönlichen Fingerabdruck preiszugeben.

Das Interesse an dieser Art der personali­sier­ten Ernährung ist groß, wie eine repräsentative Umfrage der TU München im Jahr 2021 gezeigt hat (siehe Zahlenspalten links und rechts). Keine schlechte Ausgangslage für Un­ternehmen, die die personalisierte Ernährung zu ihrem Geschäftsmodell gemacht haben. Auch die Ernährungsindustrie wittert hier Marktchancen.

Mymuesli hat Gentest wieder eingestampft

So begann Mymuesli im Jahr 2019 eine Kooperation mit Lykon. Das Berliner Start-up bietet Blut- und DNA-Tests, um – ausgehend von darauf basierenden Stoffwechseltypen – Ernäh­rungs­empfehlungen aussprechen zu können. Die Kunden konnten bei Mymuesli den myDNA-Slim-Test zum Preis von 189 Euro online bestellen und ihre Speichelprobe ins Labor von Lykon schicken. Daraufhin erhielten sie einen Bericht mit Ernährungs- und Lifestyle-Tipps inklusive konkreter Müsli-Empfehlungen sowie einen Gutschein für die individuelle stoffwech­selbasierte Mymuesli-Mischung. Nach rund anderthalb Jahren stellte Mymuesli den Test allerdings ein. Der Grund: „Kundenrückmel­dun­gen haben ergeben, dass die Testergebnisse von Lykon für Kunden sehr tiefgründig und zum Teil auch erklärungsbedürftig sind. Wir halten es deshalb für sinnvoller, den Test mit einer Ernäh­rungsberatung zu kombinieren. Das lässt sich durch unseren Kundenservice aktuell nicht abbilden“, erläutert Unternehmenssprecherin Wenke ­Blumenroth. Sie ergänzt: „Die Kunden können bei uns nach wie vor ihre persönliche Müsli­mischung über unseren Online-Mixer selbst zusammenstellen. Dafür benötigen wir keine Gentests.“ Das Beispiel zeigt: Ohne eine fachliche Beratung ist eine personalisierte Ernährung nur bedingt erfolgreich.

Novogenia setzt auf Beratung

Das sieht auch Dr. Daniel Wallerstorfer, CEO des Biotechnologie-Unternehmens Novogenia in Salzburg, so: „Wir vermarkten unsere Lifestyle-DNA-Tests fast ausschließlich an Ernährungs­berater, Fitness-Coaches, Physiotherapeuten und Heilpraktiker. Sie bieten die Gentests wiederum ihren Klienten an. Wenn unser Tool deren ­Klienten nicht hilft, ist das das Ende unseres ­Geschäftsmodells.“ Zumal die Gentests je nach Umfang zwischen 300 Euro (zur Gewichtsreduk­tion) und 900 Euro (für Leistungssportler) kosten. Die Versicherung Uniqa Österreich erstattet ihren Versicherten je nach Vertrag die Kosten für die Lifestyle-DNA-Analyse. „Langfristig wollen wir die Tests aber auch in Drogerien und im Lebensmitteleinzelhandel anbieten“, berichtet Wallerstorfer. Umso wichtiger sei es, dass der mittlerweile 400-seitige Ergebnisbericht mit Ernährungsplänen und Rezepttipps auch für Laien verständlich ist. Daran arbeite das Team fortlaufend.

2 Fragen an

Dr. Johanna Conrad, Leiterin des Referats Wissenschaft bei der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE)

Wie bewerten Sie die genbasierte persona­lisierte Ernährung?
Ein möglicher Vorteil ist, dass sich die Menschen mit ihrer Ernährung beschäf­tigen. Aus wissenschaftlichen Studien lassen sich moderate Effekte durch eine verstärkte Motivation erkennen. Gen- und Blutanalysen ergaben aber meist keine statistisch sicherbaren Verbesserungen des Ernährungsverhaltens und des Lebensstils. Bis heute ist nicht bewiesen, dass Personen aufgrund genbasierter Ernährungsempfehlungen ihr Körpergewicht besser reduzieren und sie stärker vor einer Stoffwechselerkrankung geschützt sind. Hier besteht noch großer Forschungsbedarf.

Welches Potenzial bietet die personalisierte Ernährung der Ernährungsindustrie?
Für die Ernährungsbranche birgt das sicherlich Potenzial für neue Produktlinien, die auf individuelle Bedürfnisse zugeschnitten sind, wie es sie schon heute gibt. Dazu zählen beispielsweise glutenfreie, laktosefreie oder High-Protein-Produkte.