Interview „Lieferkettengesetze sind Werkzeuge zum Bündeln der Kräfte“

Das deutsche Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz ist in der erste Stufe seit Anfang 2023 in Kraft, das europäische Gesetz ist in Vorbereitung. Wie ist die Sicht der Produzenten im Süden? Wie verändert sich ihre Arbeit und die von Zertifizierungsorganisationen wie Fairtrade? Die Lebensmittel Praxis sprach hierzu mit Claudia Brück (Foto links), Vorständin Fairtrade Deutschland, und Aida Portillo, Human Rights Coordinator CLAC (Fairtrade Latein Amerika, Foto rechts).

Samstag, 09. September 2023 - Sortimente
Bettina Röttig
Artikelbild „Lieferkettengesetze sind Werkzeuge zum Bündeln der Kräfte“

Welchen Einfluss haben das deutsche Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz sowie die Vorbereitungen auf das EU-Lieferkettengesetz bereits auf die Arbeit von Fairtrade?

Claudia Brück: Das deutsche Lieferkettengesetz ist das erste seiner Art und ein Beispiel dafür, gibt einen Anhaltspunkt, was in der EU-Gesetzgebung kommen kann. Für das LkSG ist die Risiko-Analyse zentral. Daher haben wir Risk Maps für die einzelnen Lieferketten für Kaffee, Tee, Bananen etc. erstellt. Aktuell gehen wir jeden unserer Standards durch und passen unsere Arbeitsweise an, um den ganzheitlichen Anforderungen des geforderten Regel- und Berichtszyklus zu entsprechen. Wir sind inmitten der Beratung zur Revision des Händler-Standards. Alle vier übergeordnete Standards sollten bis Ende 2024 überarbeitet sein.

Welche konkreten Veränderungen gibt es?

Brück: Die allermeisten Ziele des Gesetzes adressieren wir bereits seit 30 Jahren, auch haben wir bereits Beschwerdemechanismen eingeführt. Neu ist es, unsere Arbeit in die Logik des Lieferkettengesetzes zu bringen und die Dokumentation der Maßnahmen anzupassen. Nehmen wir das Beispiel Kinderarbeit: Wir bekämpfen dieses Risiko seit Jahrzehnten, haben Vorkehrmaßnahmen eingeführt. Ganz lässt sich das Risiko aber nicht vermeiden, gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Neu ist, dass wir künftig sicherstellen, dass wir weltweit immer dem gleichen Protokoll folgen, wenn es zum Beispiel um Verstöße gegen Kinderarbeit geht.

Mit welchen Herausforderungen ist dies verbunden?

Aida Portillo: Im Fairtrade-System haben die Produzenten zur Hälfte das Sagen. Das ist die Besonderheit von Fairtrade, denn damit sind wir nah an den Produzenten und ihren Problemen und Bedürfnissen. Dies bedeutet aber auch, dass alle Veränderungen der Standards gemeinsam mit den Produzenten verabschiedet werden. Sie müssen also die Hintergründe des Lieferkettengesetztes verstehen, bevor sie notwendigen Anpassungen zustimmen können. Ein zentrales Element unserer Arbeit ist daher, an der Basis Aufklärungsarbeit zu leisten.

Wie kann ich mir diese Arbeit vorstellen?

Portillo: Auch wenn die Produzenten im Süden sehr gut die Bedeutung von Menschenrechten verstehen, in vielen Ländern fehlt das Verständnis, warum sie Gesetzen aus fremden Ländern folgen sollen. Wir müssen die Hintergründe und Anforderungen durch die Lieferkettengesetze richtig übersetzen und in verdaulichen Dosen erklären. Unsere Botschaft dabei: Keine Panik! Ihr setzt die Maßnahmen bereits um, es geht vor allem darum, diese in die HRDD-Logik zu bringen und richtig zu dokumentieren. Es geht aktuell vor allem um die Bewusstseinsbildung, den Aufbau von Kapazitäten und die Entwicklung von Werkzeugen, um die Produzenten zu unterstützen.

Wie viele zusätzliche Kapazitäten haben Fairtrade-Produzenten und die Organisation für die Anpassung an die Lieferkettengesetze bereits benötigt?

Brück: Wie viele Stunden aufgewendet wurden und werden, um die Anforderungen des deutschen Lieferkettengesetzes in den Fairtrade-Standards zu verankern, ist unmöglich zu sagen. Für die Erstellung der Risk Maps für die einzelnen Lieferketten beispielsweise wurden alle verfügbaren Informationen aus den einzelnen Regionen zusammengetragen. Dann haben wir mit den Produzenten gesprochen, um die Risiken auf dem Papier zu verifizieren. Der Aufwand für solche Pilotprojekte ist enorm, muss aber im gleichen Maße nicht immer wieder neu geleistet werden.

Die ersten Handreichungen zum LkSG wurden mittlerweile veröffentlicht. Wo sehen Sie Lücken?

Portillo: Was wir vom deutschen Gesetz lernen, ist, dass der Aufwand proportional zur Größe der Organisation sein sollte. Das künftige EU-Gesetz sollte dies gewährleisten.

Brück: Auch muss klar sein, dass nicht nur die Produzenten Anpassungen vornehmen müssen, sondern auch die Händler und Abnehmer. Eine faire Kostenteilung ist zwingend nötig. Wenn mehr Unternehmen nach den Gesetzen handeln, und in die Lieferketten investieren, werden diese resilienter und wir werden in den Produzentenländern mehr erreichen. Die größte Herausforderung dabei ist: Wie können wir zu einer fairen Kostenteilung kommen, wenn wir nicht den Preis des Zusatzaufwands kennen?

Portillo: Zudem müssen sich auch die Staaten im Globalen Süden anpassen. Sonst laufen europäische Lieferkettengesetze gegen regionale Gesetze und rechtlichen Alltag.

Können die Lieferkettengesetze dazu beitragen, dass existenzsichernde Löhne gewährleistet werden?

Brück: Das deutsche Gesetz ist dahingehend zu unklar. Das europäische wird voraussichtlich klarer sein. Dann werden entsprechende Vorgaben auch im deutschen Gesetz nachgebessert werden.

Portillo: Der Punkt der existenzsichernden Löhne und Einkommen beschäftigt die Produzenten sehr. Sie befürchten, dass sie ihre zu knappen finanziellen Ressourcen noch weiter strapazieren müssen und sich ihre Situation verschlechtert statt verbessert. Das ist die Gefahr eines schwachen Gesetzes: Es kann nach hinten losgehen. Es muss daher eine faire Verteilung der Risiken geben.

Wie groß ist das Risiko, dass Unternehmen ihr Sourcing ändern und weniger im Globalen Süden beziehen?

Portillo: Auch dies ist eine große Sorge der Produzenten. Die Gesetze müssen auch dahingehend klar sein, dass die Händler eine indirekte Verantwortung haben und ein sogenanntes Cut and Run nur die letzte Option sein darf.

Verzeichnet Fairtrade im Zuge des Lieferkettengesetzes ein größeres Interesse von hiesigen Unternehmen?

Brück: Noch nicht. Ich erwarte jedoch einen Zulauf, sobald wir alle Kriterien im Standard verankert haben und die EU-Regelung greift, voraussichtlich 2025/26. Bis dahin werden wir auch mehr Erfahrung gesammelt haben.

Wie wirkt sich das Lieferkettengesetz bisher auf Farmen außerhalb des Fairtrade-Systems aus?

Portillo: Wie ich bisher mitbekommen habe, haben die gleichen Sorgen: allen voran zur fairen Kostenteilung und existenzsichernden Einkommen. Sie heben zudem hervor, dass es nötig ist, dass auch die lokalen Gesetze angepasst werden müssen, damit die Vorgaben der Lieferkettengesetze erfüllt werden können. Die Angst vor dem Lieferkettengesetze teilen alle am Anfang und am Ende der Lieferkette - Produzenten wie Händler und Verarbeiter. Meine Message: Habt keine Angst! Alle haben das gleiche Ziel: Die Menschenrechte zu sichern. Aber keine Seite kann dieses allein erreichen. Die Gesetze sind ein Werkzeug, um die Kräfte zu bündeln und die Probleme zu lösen.

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