Fair gehandelte Blumen Die besseren Blumen

Blumen sind Wohlfühlprodukte. Die meisten stammen aus Ländern nahe des Äquators, wo Arbeitsrechtverletzungen und Umweltvergehen alltäglich sind.Welche Perspektiven bieten Ansätze zum nachhaltigen Blumenanbau?

Donnerstag, 06. Oktober 2011 - Sortimente
Heidrun Mittler
Artikelbild Die besseren Blumen
Bildquelle: Silke Peters

Inhaltsübersicht

In den vergangenen Wochen gab es besonders viel Negativpresse. Über 45 Minuten berichtet die NDR-Dokumentation „Die Rosen Story“ von erschreckenden Zuständen beim Rosenanbau in Kenia. Die Dokumentation verfolgt den Weg von der Züchtung bis zum Verkauf im deutschen Lebensmittel-Einzelhandel. Einige Zuschauer sind entsetzt: „Ich habe definitiv das letzte Mal Rosen, die 1,99 Euro kosten, gekauft!“, kommentiert eine Kundin. Sie ist geschockt über Zitate wie das folgende: „Im Februar 2009 war ich im zweiten Monat schwanger und eines Tages zwangen sie uns, in das Gewächshaus zu gehen und Blumen zu ernten, obwohl die Chemikalien auf den Blättern noch feucht waren“, erzählt eine Blumenarbeiterin aus Uganda. Sie ist 21 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Kinder. „Die Chemikalien stanken und ich bekam Kopfweh und Bauchschmerzen. (...) Einen Monat später hatte ich eine Fehlgeburt.“

In der Studie „Wir sterben“ über die Blumenproduktion in Uganda, die im Februar 2011 von der EU-geförderten Kampagne „Fair flowers – Mit Blumen für Menschenrechte“ herausgegeben wurde, sind weitere alarmierende Aussagen dokumentiert.

Die Arbeiter und Arbeiterinnen berichten von Kopfschmerzen, Schwindel, Augenreizungen und extremer Müdigkeit – Symptome, die sehr wahrscheinlich auf die Pestizidbelastung zurückzuführen sind. Die Studie, für die rund 100 Arbeiterinnen und Arbeiter befragt wurden, belegt ferner, dass sie die giftigen Stoffe oft auch nach Hause tragen: Nur ein Viertel der Befragten, die Pflanzenschutzmittel mischen oder ausbringen, wechseln ihre Arbeitskleidung unmittelbar nach diesen Tätigkeiten. So kommen Kinder und andere Familienangehörige in Kontakt mit den Pflanzenschutzmitteln. Es mangelt aber nicht nur an einer umfassenden Aufklärung über die Risiken, sondern auch an Schutzkleidung, Duschen und Zeit, um die Kleidung zu wechseln und separat zu waschen. Im Umgang mit den Pflanzenschutzmitteln ist eine solche Infrastruktur zwingend. Die Blumenexporteure in Uganda scheinen hier erheblichen Nachholbedarf zu haben. Glücklicherweise sehen die Bedingungen in den Ländern, die sich schon länger auf den Blumenexport spezialisiert haben, etwas besser aus.

Auf mit einem Umwelt- und Sozialsiegel ausgezeichneten Plantagen ist der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, deren Inhaltsstoffe nach Einstufung der Weltgesundheitsorganisation als hochgiftig gelten, verboten. Auch Produkte, deren Nebenwirkungen nachweislich krebserregend oder mutagen sind, dürfen nicht eingesetzt werden. Die Kontrolle ist jedoch schwierig: Da die Unternehmen unter extremen Preis- und Termindruck stehen, werden die Richtlinien insbesondere zu Spitzentagen wie Valentins- oder Muttertag immer wieder umgangen.

Pünktlich zum diesjährigen Muttertag gab es einen kritischen Bericht im Magazin Ökotest, bei dem auf allen getesteten Importrosen – unabhängig davon, ob mit oder ohne Zertifikat – giftige Pflanzenschutzmittelrückstände gefunden wurden. Nichtsdestotrotz bieten die Siegel eine Möglichkeit, die Umweltbedingungen in der Produktion zu verbessern. Die Blumenplantagen müssen Pläne vorlegen und nachweisen, wo sie beispielsweise die hochgiftigen Plastikplanen der Gewächshäuser entsorgen oder wie sie das Abwasser wiederaufbereiten.

Einige Beispiele: Viele Blumenplantagen in Kenia setzen mittlerweile auf stufenartig angelegte Teiche, in denen das Abwasser mittels spezieller Pflanzen biologisch wieder aufbereitet wird. In Ecuador wird das kontaminierte Wasser durch drei zementierte Becken geleitet. Im ersten ist Kiesel, im zweiten Sand und im dritten Aktivkohle. Danach kann es wieder als Gießwasser dienen.

Kunden, die gerne einen Strauß Blumen mitnehmen, sind durch Berichte wie „Die Rosen Story“ oder die aktuelle Studie aus Uganda abgeschreckt. Die Kampagnen der Menschenrechts- und Umweltorganisationen machen jedoch immer wieder deutlich, dass Boykott keine Lösung ist. Sie rufen vielmehr dazu auf, bewusst zu kaufen.

Mit offensichtlichem Erfolg: Fairtrade-Rosen sind nach Kaffee das zweitwichtigste fair gehandelte Produkt in Deutschland. Laut Jahresbericht 2010 wuchs der Absatz der Rosen gegenüber Vorjahr um 10 Prozent. Insgesamt wurden 2010, so die Angabe von Fairtrade Deutschland, 72 Mio. Stiele mit dem blau-grünen Siegel verkauft. Auch wenn es bei den zertifizierten Anbietern nachweislich eine Spannbreite zwischen „gerade noch tolerierbar“ und absolut vorbildlichen Betrieben gibt, bietet das Zertifikat eine gewisse Garantie und wird von Abnehmern als Sicherheit in der Zulieferkette genutzt.

Bessere Blumen müssen nicht zwangsläufig gesiegelte Blumen sein. Transparenz in der Zulieferkette, Sensibilität für Umwelt- und Sozialfragen und faire Preise können direkt zwischen Zulieferer und Abnehmer vereinbart werden.

Blumen sollen Freude schaffen. Die Verletzung von Arbeitnehmerrechten und eine Produktion auf Kosten der Umwelt vertragen sich damit einfach nicht.?


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