Brot in SB Kunststoff ist noch die erste Wahl

Gut zu recyceln, hygienisch, verhindert Food-Waste: Die Plastikverpackung hat beim Brot im SB-Regal derzeit keine Konkurrenz. Neue Maßstäbe bei den Verbundfolien für Aufbackprodukte setzt nun Harry-Brot.

Freitag, 08. April 2022 - Sortimente
Susanne Klopsch
Artikelbild Kunststoff ist noch die erste Wahl
Bildquelle: Carsten Hoppen

Kunststoff, wohin man schaut: In den Brot- und Backwarenabteilungen im Lebensmitteleinzelhandel (LEH) dominiert diese Verpackung weiterhin. Was auf den ersten Blick wenig nachhaltig oder fortschrittlich aussieht, entspricht doch in den allermeisten Fällen der obersten Zielsetzung des deutschen Verpackungsgesetzes: 100-prozentige Recyclingfähigkeit der Verpackung, um Kreisläufe zu schaffen und Ressourcen zu schonen. Frischbrot im SB-Regal ist meist in den Monokunststoff-Verpackungen aus Polypropylen (PP) und PE (Polyethylen) verpackt, die sich problemlos wiederverwerten lassen.

Und es gibt weitere Gründe, auch 2022 auf Verpackungen aus Kunststoff zu setzen: „Sie sind nach wie vor unerlässlich, um die Hygiene und vor allem die Frischhaltung der Ware zu gewährleisten“, sagt Katharina Frerichs, Leiterin Marketing, Harry-Brot.

Alltag der Verbraucher im Blick
Im Alltag der Verbraucher bleibe Brot in Verpackungen mit Kunststoff wesentlich länger frisch als zum Beispiel in Papiertüten, „so leisten wir auch einen Beitrag dazu, Food-Waste zu verhindern“. Felix Neuberger, Head of Marketing bei Lieken, bringt einen weiteren Aspekt ins Spiel: „Der Kunde schätzt am PoS den ungehinderten Blick auf das Produkt. Die optische Wahrnehmung beeinflusst die Kaufentscheidung erheblich.“

Für Holger Wüpping-Sinnack, Mitglied der Geschäftsleitung bei Sinnack Backspezialitäten, ist es darüber hinaus einer der großen Vorteile der Kunststoffverpackung, dass diese lange Haltbarkeitsdaten und damit eine gute Bevorratung für Verbraucher ermögliche.Nun ist es ja nicht so, dass die Großbäckereien nicht an den Verpackungen gearbeitet hätten. Ein Fokus lag in den vergangenen Jahren auf der Reduzierung der Folienstärken. So ist es Harry-Brot gelungen, die Materialstärke von PP und PE für einen Großteil des Frische-Sortiments um 15 Prozent zu reduzieren. „Wir überprüfen regelmäßig, ob wir weiter reduzieren können“, sagt Frerichs.

Aber es gibt auch Grenzen. Diese setzen Lebensmittelsicherheit und Qualität. Schließlich soll das Produkt ja auch heil beim Verbraucher ankommen und frisch bleiben. „Im Moment setzen wir bereits das dünnstmögliche Material ein“, sagt Katharina Frerichs. Im Schnitt sind das, bezogen auf Harry-Schnittbrote, rund vier Gramm pro Verpackung.

„Für unsere Verpackung wählen wir grundsätzlich die geringstmögliche Stärke aus“, sagt Neuberger (Lieken). Wesentliche Kennwerte dafür seien Praxistests, Gefahrenanalysen, ökonomische Erwägungen und, nicht zu vergessen, die Kundenvorgaben. „Dank kontinuierlicher Weiterentwicklungen bei den Folienformulierungen sind die Grenzen für die Reduktion nie in Stein gemeißelt.“

Mehr Forschung nötig
Sind nachwachsende Rohstoffe auf Basis von „grünen“ Folien denn keine Alternative? Nein, noch nicht, sagen sowohl Katharina Frerichs als auch Holger Wüpping-Sinnack. Obwohl sich viel getan habe in den vergangenen Jahren, so Frerichs, „haben wir aktuell noch keine Folie aus nachwachsenden Rohstoffen gefunden, die unseren hygienischen Anforderungen entspricht“. Und auch bei Sinnack ist man nicht fündig geworden. „Wir sind aber im Zuge unserer Nachhaltigkeitsstrategie dabei, sämtliche Verpackungen auf recyclingfähiges Material umzustellen. Dieses Ziel werden wir kurz- bis mittelfristig erreichen.“

Der Blick von Lieken-Manager Neuberger richtet sich bei Folien aus nachwachsenden Rohstoffen auf den gesamten Lebenszyklus der Verpackung. Eine befriedigende Lösung hat das Unternehmen wohl noch nicht gefunden, „wir verfolgen die Entwicklungen hier genau“.

Die Frage nach nachhaltigen, „grüneren“ Verpackungen kontert Ralf Prange direkt mit einer Gegenfrage: „Was ist unter grün zu verstehen?“, sagt der Verkaufsleiter der Enol Folien GmbH aus Lübeck. Für das Unternehmen ist die Frage eigentlich schon beantwortet: „Wir betrachten auch Verpackungen aus Polyethylen (PE) sowie Polypropylen (PP) als nachhaltig, weil sie zu 100 Prozent recycelfähig sind.“ Das schließe auch die Verpackungen aus LDPE (Low Density Polyethylene, Weich-Polyethylen), MDPE (Medium Density Polyethylene, Polyethylen mittlerer Dichte) und HDPE (High Density Polyethylene, Polyethylen mit hoher Dichte) ein. Im Gespräch mit dem Kunden über nachhaltige Verpackungslösungen und Alternativen gehe es daher immer darum, „die Anforderungen, Wünsche wie auch die verschiedenen Möglichkeiten so neutral wie möglich zu betrachten und dann die passende ökologische wie auch ökonomische Lösung miteinander zu finden“.

Ein Beispiel für Beratungsbedarf sind für Vertriebsleiter Prange die als „biologisch abbaubar“ gelabelten Verpackungsfolien: Biologisch abbaubar bedeutet hier zumeist die Verrottung unter industriellen Kompostierbedingungen (DIN 13432). „Diese Verpackungen sind, anders als der Name dem Endverbraucher suggeriert, nicht für die Entsorgung auf dem heimischen Komposthaufen geeignet.“ Viele Kommunen verbieten zudem die Entsorgung solcher Folien über die Biotonne.

Alternativen stärker nachfragen
Potenzial sieht Prange in Folien aus Bio-PLA (Bio-Polylactid, umgangssprachlich Bio-Polymilchsäuren). Die Basis bildet Maisstärke. Die harte, nicht dehnbare Bio-PLA-Verpackung wäre bezüglich Transparenz und Seitennahtstabilität auch für einige Backwaren geeignet. Interessant ist laut Prange auch der Einsatz von Bio-PLA anstelle von PET als nachhaltige, nachwachsende Barrierefolie gegenüber MOSH und MOAH, also Kontaminationen durch mineralölhaltige Substanzen. Diese Folie wird laut Prange derzeit noch nicht so stark nachgefragt, „sodass aufgrund des zu geringen Aufkommens im Markt bislang kein Recycling in Deutschland stattfindet – trotz der vom Fraunhofer Institut bestätigten Recycelbarkeit“.

Eine Besonderheit im Bereich Brot und Backwaren – und damit auch eine Herausforderung für die Verpackungshersteller – sind die Verpackungen für Aufbackprodukte. Sie sind zu Verkaufshits geworden in der Pandemie: länger haltbar und damit gut zu bevorraten. Um die längere Haltbarkeit der nicht fertig gebackenen Brote, Brötchen und Co. zu gewährleisten, muss die Verpackung hohe Barriere-Eigenschaften haben. In der Regel kommen Verbundfolien, kombiniert aus unterschiedlichen Rohstoffgruppen, zum Einsatz: etwa PET mit PE oder PA (Polyamid) mit PE kombiniert. Gut für die Haltbarkeit, schlecht für die Wiederverwertung. „Eine Einstofflösung ist für das Recycling essenziell wichtig“, sagt Ralf Prange (Enol Folien). Dabei könne die Verpackung aber durchaus ein Verbundstoff sein, „die Folienlagen müssen aus einer Gruppe von Rohstoffen stammen“.

„Intensive Entwicklungsarbeit“ steckte Lieken mit seinem Folienhersteller in eine Monokunststofflösung für diese Produkte, wie Neuberger sagt: „Es konnten bereits sehr gute Fortschritte erzielt werden.“ Weitere Tests liefen.

Neue Kombination entwickelt
Eine für sich passende neue Lösung für Verbundfolien hat Harry-Brot gefunden. Seit April werden die Verpackungen sukzessive umgestellt. Für den Verbraucher gleich erkennbar, tragen die Packungen oben den sich wiederholenden, grünen Aufdruck „recyclingfähig“. Die Verpackung besteht aus LDPE, PE und als Barrierefolie EVOH. Letzteres ist ein Copolymer aus Ethylen und Vinylalkohol, ein schon lange bewährtes Sperrschichtmaterial im Verpackungsbereich.

Ralf Prange von Enol Folien nennt eine weitere Möglichkeit: PET beziehungsweise PA außen könne ersetzt werden durch biaxial orientiertes, vorgedehntes PE (BOPE). „Im Zusammenspiel mit der klassischen LDPE-Folie innen und zusätzlicher EVOH-Beschichtung ergibt sich hieraus eine 100-prozentig recycelbare Alternative mit guter Feuchtigkeits- und Gasbarriere.“ Diese Einstoffverbundlösung bilde eine steife, siegelbare, robuste Folie mit guter Transparenz, die zudem auch frostfest ist. „Eine ökologisch wie auch ökonomisch nachhaltige Alternative zum attraktiven Verpacken von haltbaren Aufbackwaren“, sagt Prange.

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