Kaffee Abheben mit der Kapsel

Um die Konkurrenz zu überholen, hat die frisch fusionierte Delica einen mehrstelligen Millionenbetrag in Anlagen investiert, die Aluminium-Kaffeekapseln in außergewöhnlichem Tempo produzieren.

Sonntag, 12. September 2021 - Sortimente
Elena Kuss
Artikelbild Abheben mit der Kapsel
Bildquelle: Michael Kunz

In den 50ern war es ein kleiner Flughafen in Birsfelden. Heute fahren über die ehemaligen Landebahnen Silo-Lkw der Delica, einer 100-prozentigen Tochter der Migros. Geladen haben die großen Transporter grüne Kaffeebohnen, Trockenfrüchte oder Nüsse. „Kaffeesäcke, wie manche sie vielleicht noch im Kopf haben, sind schon lange passé“, sagt Raphael Gugerli, Geschäftsführer des frisch fusionierten Unternehmens.

Die Firmen Chocolat Frey, Delica, Midor, Riseria und Total Capsule Solutions haben sich seit 1. Juni zu Delica AG unter dem Dach der Migros Industrie zusammengeschlossen. Fünf Standorte in der Schweiz sowie zahlreiche Niederlassungen im Ausland, unter anderem auch in Düsseldorf und Berlin. 2.360 Mitarbeitende, 42 belieferte Länder, Produkte aus den Bereichen Kaffee, Schokolade, Snacks und Kochprodukte: Das Schweizer Unternehmen stellt Eigenmarken für den Handel her und vertreibt im Bereich Kaffee unter anderem Produkte unter den Marken Café Royal und Schwiizer Schüümli.

Von den LKW in die Silos
Die Trockenfrüchte lagern unterirdisch, der Rohkaffee in einem unauffälligen Gebäude mit 170 verschiedenen Speichern. Sortiert wird nach Qualität und Ernte. Die Kaffeebohnen sollen möglichst frisch geröstet werden. Insgesamt bietet der ehemalige Flughafen Platz für 7.000 Tonnen Kaffee.

Über Rohrleitungen, die an eine weniger farbenfrohe Variante des Filmes „Charlie und die Schokoladenfabrik“ erinnern, kommt der Rohkaffee in die Rösterei. Weißlich-grüne Kaffeebohnen drehen sich in der schweren Rösttrommel unterm Dach des Gebäudes. Die Kaffeebohnen werden getrocknet und erhitzt, bis der in den Kernen enthaltene Zucker karamellisiert und den Bohnen ihre typisch braune Färbung verleiht. Ganz leise im Hintergrund ist ein kleines Knistern und Knacken zu hören, der sogenannte Crack, der Moment, in dem die Bohne aufbricht und auch der letzte Anteil Feuchtigkeit aus ihr entweicht. Die Temperatur wird automatisch reguliert. Nur so kann garantiert werden, dass die Bohnen immer exakt gleich geröstet sind und dann auch auf den Verbraucher das gleiche Geschmackserlebnis in jeder Tasse wartet.
Eine Etage tiefer wird der frisch geröstete Kaffee verpackt: Ganze Bohne und gemahlener Kaffee in diversen Packungsgrößen. Über 60 verschiedene Produkte bietet die Delica an, die von zahlreichen Maschinen, oft speziell angefertigt, mit nur wenigen Handgriffen regalfertig produziert werden.

Eine exakte Waage bestimmt die Kaffeepulvermenge pro Kapsel, die entscheidend für die Milliliter ist, die am Ende in die Tasse des Verbrauchers fließen. Das Pulver wird mit Stickstoff begast, um die Oxidation zu verhindern. Dann wird die Hülse luftdicht verschlossen. Ein Kamerasystem kontrolliert die Qualität jeder einzelnen Kapsel. „Fehlerhafte landen bei uns im Pausenraum“, erzählt Standort- und Produktionsleiter Birsfelden Martin Clemen.

Die Delica verarbeitet Kunststoff-Kapseln hauptsächlich für Delizio, eine Marke, die in Deutschland unter dem Namen Cremesso bekannt ist und über Netto Markendiscount national vertrieben wird.

Ferrari unter den Anlagen
Gugerli ist von der Zukunft der Aluminium-Kapsel überzeugt: „Aluminium ist das Beste für das Nespresso-System.“ Alu sei das beste Material, um den Kaffee in der Kapsel vor Sauerstoff zu schützen. Wesentlich sei jedoch auch die Möglichkeit, den Recycling-Kreislauf durch Sammelstellen zu schließen. Seit 2019 ist die Delica-Marke Café Royal auf reine Aluminium-Kapseln umgestiegen.

Wie ernst der Punkt Nachhaltigkeit dem Unternehmen ist, zeigt sich in der Produktion. Selbst winzige Überschüsse werden weiter genutzt. Es gibt eine hauseigene Recyclingstelle, und seit etwa einem Jahr kümmert sich eine Person in Vollzeit ausschließlich darum, anfallende Abfälle und Reste wieder- und weiterzuverwenden. Selbst der Kaffeestaub, der bei der Kapselproduktion in der Maschine aufwirbelt, wird aufgefangen und einer Biogas-Anlage zugeführt.

Gleichzeitig geht es der Delica um Tempo und Menge. Wie sehr, zeigt eine kleine Besonderheit, fast ein bisschen versteckt eine Etage höher: Der Ferrari unter den Kapselanlagen schafft die dreifache Menge der vorangegangenen Anlagentypen. Ziel ist es dieses Jahr, mehrere Hundert Millionen Aluminium-Kapseln zu produzieren. Kleinere Herausforderungen wie die Anbindung an die hauseigene Logistik müssen dafür noch optimiert werden. Die Maschine ist hoch automatisiert und so leise, dass die Mitarbeitenden direkt neben der Anlage in Zimmerlautstärke miteinander reden können. Ein Punkt, der ebenfalls große Wichtigkeit für das Schweizer Unternehmen hat.

Ressource Mitarbeiter
„Für die Mitarbeitenden haben wir uns in den letzten Jahren viel einfallen lassen“, sagt Clemen. Sie wurden besser geschult, um Fehler, die durch falsche Bedienung in der Produktion noch zu häufig auftraten, zu vermeiden. Kombiniert wurde die spezielle Ausbildung mit technischer Unterstützung zum Beispiel durch innovative Höhentransportmittel, die die Mitarbeitenden um das Hochheben von den zuvor verwendeten Kunststoffboxen befreiten. „Eine Erfolgsgeschichte“, sagt Clemen.

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