Convenience Convenience trotzt Corona

Die Hersteller in der Convenience-Branche sind von der Corona-Krise weniger betroffen, wie die Recherche unter führenden Firmen ergab.

Freitag, 06. November 2020 - Sortimente
Jens Hertling
Artikelbild Convenience trotzt Corona
Bildquelle: Anna Schnauss

Convenience-Produkte haben in der Corona-Krise an Relevanz gewonnen, da sie Antworten auf veränderte Ansprüche in der Gesellschaft geben – so lautet das Ergebnis einer Studie des Kölner Marktforschungsinstituts Rheingold. Ziel der Studie war es, die Nutzung der verschiedenen kulinarischen Lebensmittel – unter anderem Suppen, Eintöpfe, Saucen, Backmischungen, Desserts, Feinkost, Salate, Essig, Senf – tiefgreifend zu untersuchen und die Auswirkungen der Corona-Krise auf Ernährung, Kochen und Essen (Trends, neue Anforderungen, Wünsche, Bedürfnisse etc.) zu analysieren.

Während im ersten Lockdown insbesondere die Vorratshaltung von hoher Bedeutung war, befänden wir uns nun in einer „Zwischenwelt“, die noch eine ganze Weile andauern wird und in der sich neue Routinen etablieren und festigen, sagen die Marktforscher. Die gestiegene Verbreitung und Akzeptanz von Home-office werde erhalten bleiben und die kulinarische Versorgung zu Hause weiterhin von hoher Relevanz sein. Die Grunderfahrung einer „stärkeren Erdung der Ansprüche“ und Offenheit für Vereinfachung (zum Beispiel mit kulinarischen Produkten) wirke auch über den Lockdown hinaus. Für die Veränderung von Ernährung, Kochen und Essen in Zeiten von Corona lassen sich demnach sechs zentrale Treiber differenzieren: Versorgung sichern, Alltag strukturieren, Gemeinschaft pflegen, Tristesse kompensieren, aktiv bleiben und Perfektionsansprüche lockern.

Der Remscheider Hersteller Steinhaus setzt auf den sich weiter entwickelnden Convenience-Markt. „Die für uns relevante Warengruppe der frischen Teigwaren konnte sich in den ersten neun Monaten 2020 mit einem Absatzplus von 16,8 Prozent und einem Umsatzplus von 16,1 Prozent weiter sehr gut entwickeln. Davon lagen Pasta bei +18,3 Prozent im Absatz und +15,7 Prozent im Umsatz. Das Wachstum wird in allen Vertriebslinien sowie bei Marken und Handelsmarken erzielt“, sagt Oliver Frielingsdorf, Marketing Leitung bei Steinhaus. In den Zeiten der Hamsterkäufe waren Convenience-Produkte die Alternative für leer geräumte Vorratskäufe. In den letzten Monaten zeigte sich vor dem Hintergrund des rückläufigen Außer-Haus-Konsums und der Zunahme an Homeoffice-Tagen, dass die Verbraucher auch in diesen Lebenssituationen frische und bequeme Lebensmittel verstärkt nachfragen, so Oliver Frielingsdorf.

Wie sieht der Marketingleiter Frielingsdorf die Marktentwicklung nach Corona? „Wir sind am Anfang der Pandemie davon ausgegangen, dass sich Chilled Food noch mehr in Richtung Preiseinstieg entwickeln wird und das Snacking durch Immobilität verlieren wird. Vor dem Hintergrund gestiegener Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit werden mehr Verbraucher auch über den Preis einkaufen oder wieder mehr selber kochen.“ Der Remscheider Hersteller hilft den Händlern mit individuellen Ordersätzen, Belegungsplänen, Aktionen und Produktinformationen für den PoS. „Aktuell dürfen wir leider keine Verkostungsaktionen durchführen – nach wie vor sehen wir diese Form der Verkaufsförderung als ideales Werkzeug, um neue Sortimente oder Produktinnovationen in den Märkten vorzustellen“, so Frielingsdorf.

Schnelle Küche
Auch beim Hersteller Henglein steht Convenience hoch im Kurs. „Unser Produktsortiment basiert seit jeher auf gekühlten Produkten aus dem Bereich ‚schnelle Küche‘. Dieses Segment verzeichnet ein konstantes Wachstum im hohen einstelligen bis niedrigen zweistelligen Bereich – jedes Jahr“, sagt Eckhard Voth, Geschäftsführer Marketing und Vertrieb. Durch Corona sind die Absätze im LEH-Bereich um rund 20 Prozent gestiegen. Durch fehlende Möglichkeiten des Außer-Haus-Verzehrs und den quasi nicht existenten GV-Absatz in der Corona-Hochphase 2020 sind neue Verbrauchergruppen an das Segment herangeführt worden. Solange das Thema Corona präsent ist, wird diese Entwicklung anhalten – zulasten des Großverbraucher-Bereichs, so Eckhard Voth. „Unser Marketing-Portfolio reicht unter anderem von Online-Kooperationen wie Chefkoch.de oder einem Instagram-Kanal mit vielen Fakten, Rezepten und Gewinnspielen hin zu einem Online-Rezepte-Archiv auf unserer Homepage mit Gratis-Rezepthefteversand und PR in der Publikumspresse“, sagt Voth.

Die Verantwortlichen beim Hersteller Rügenwalder Mühle haben ebenfalls einen wachsenden Trend nach Convenience-Produkten ausgemacht. „Wir gehen davon aus, dass der Wunsch der Verbraucher nach unkomplizierten Lebensmitteln wie Convenience-Produkten in Zukunft anhält. Und auch der Trend hin zu fleischfreien Alternativen wird sich noch verstärken“, sagt Claudia Hauschild, Leitung Unternehmenskommunikation bei der Rügenwalder Mühle.

Hohes Ernährungsbewusstsein
Durch die Corona-Pandemie habe sich der Trend nach Convenience-Produkten noch verstärkt. „Der Alltag wird vermehrt in den eigenen vier Wänden verbracht, zeitweise hatte die Gastronomie wochenlang geschlossen, und Familien- und Berufsleben mussten neu strukturiert werden. Mit Convenience-Produkten lässt sich im Handumdrehen auch im Homeoffice ein Essen zubereiten“, so Hauschild. Die Leiterin der Unternehmenskommunikation geht von einem Anstieg auf dem deutschen Markt aus. „Mit steigendem Ernährungsbewusstsein der Verbraucher wird jedoch nicht nur das Portfolio an Convenience-Produkten steigen, sondern auch der Anspruch an Qualität und Zutaten“, so Hauschild. Den Händlern stellt der Hersteller ausführliche Informationen zu den Bereichen Potenzialanalysen sowie Sortiments- und Platzierungsempfehlungen zur Verfügung. Darüber hinaus bietet der Hersteller aus Bad Zwischenahn den Händlern die Möglichkeit, an Themen-Promotions teilzunehmen.

Der Liechtensteiner Hersteller Hilcona stellt ebenfalls eine steigende Verbraucherakzeptanz für gekühlte Convenience fest. „Speziell in Deutschland ist das ein sehr stark wachsender Markt. Es gibt genügend Potenzial, den Markt zu entwickeln. Die Verbraucher erwarten frische, innovative, gesunde Produkte, und die Händler reagieren entsprechend“, sagt Markus Amann, Verantwortlicher der Unternehmenskommunikation beim Hersteller Hilcona. Nach Aussage von Amann haben die Konsumenten in den vergangenen Jahren die Pasta-Range wie Pasta Tradizionale und die Frischesegmente Müsli und Convenience-Salate gut angenommen.

Gekühlte Frische
Dabei hat nach Ansicht des Marketingverantwortlichen der Gesundheitsaspekt zugenommen. „Noch nie wurde so viel über gesunde Ernährung geredet wie heute. Während bei den klassischen Convenience-Produkten ein gutes Preis-Leistungs-Versprechen im Vordergrund steht, wird die nächste Generation durch Frische und Qualität bestimmt.“ Dabei sei Qualität bei Convenience-Produkten aber allein nicht genug. Die Verbraucher würden nach Lösungen suchen, die ihnen das Gefühl geben, den modernen Ansprüchen an eine „gesunde Ernährung“ gerecht zu werden. Zentrale Begriffe dabei seien Frische und Ausgewogenheit, so Amann.

Seit September ergänzen die Liechtensteiner ihr Portfolio um die gekühlte Mahlzeiten-Range Asia Meals. „Der Markt für gekühlte Fertigprodukte wuchs im vergangenen Jahr um 19 Prozent. Dabei liegen asiatische Rezepturen besonders im Trend“, so Amann. Mit einem Umsatzplus von 24 Prozent in diesem Jahr zeigt sich ein hohes Abverkaufspotenzial im Handel, so Amann. Die Liechtensteiner unterstützen den Handel mit PoS-Maßnahmen und stellen aufmerksamkeitsstarke PoS-Materialen zur Verfügung (Papp-Säulen, mobile Kühltruhen, Regalwobbler etc.).

Convenience: Noch viel Potenzial
Die Verantwortlichen beim Hersteller Burgis sind mit der Entwicklung des Convenience-Markts zufrieden, auch wenn es nach ihrer Ansicht noch Potenzial gibt. „Der Handel unterstützt den Trend zum Convenience-Produkt und kommt dem Wunsch der Verbraucher durch eine stetige Ausweitung des Convenience-Sortiments entgegen. Blickt man in unsere angrenzenden Nachbarländer, ist ersichtlich, wie viel ungenutztes Potenzial noch im Convenience-Markt steckt“, sagt Timo Burger, Geschäftsführung Burgis. Dabei hat der Geschäftsführer einen neuen Trend ausgemacht: „Die Corona-Krise hat uns allen vor Augen geführt, wie anfällig globale Lieferketten sind. In der Wahrnehmung der Verbraucher hat deshalb die heimische Landwirtschaft deutlich an Bedeutung gewonnen (BMEL Ernährungsreport 2020). Demnach wird der seit Jahren steigende Trend zu regionalen Lebensmitteln nun erheblich verstärkt.“ Regionalität wird beim Hersteller Burgis weiterhin ein wichtiges Verkaufsargument sein: „Dieser Trend zeichnet sich schon länger ab, wurde aber durch Covid-19 verstärkt. Die Kartoffeln für unsere Kartoffelknödel und Kloßteige beziehen wir bereits seit über 30 Jahren von langjährigen Vertragslandwirten aus unserer direkten Umgebung. Kartoffeln für unsere Knödel werden maximal 80 km entfernt angebaut.“

Beim Hersteller Settele spielt der Gesundheits- und Nachhaltigkeitsaspekt eine immer wichtigere Rolle. „Erst Anfang des Jahres eingeführt und bereits gut etabliert greifen wir diesen Trend mit unserem neuen Bio-Sortiment auf“, berichtet Bianca Häußler, Marketingverantwortliche bei Settele.

Den Boom bei Convenience-Produkten spüren auch die Verantwortlichen beim Hersteller Bürger. Für 2020 zeichnet sich nach dem ersten Halbjahr eine positive Marktentwicklung mit einem Umsatzplus von 15 Prozent ab. „Corona hat die ohnehin bestehenden Trends verstärkt: Wir bemerken, dass die Verbraucher noch häufiger als in den vergangenen Jahren zu vegetarischen und veganen sowie zu Bio-Varianten greifen. So haben wir jetzt schon doppelt so viel vegane Maultaschen verkauft wie 2019, und auch unser Neuprodukt Bio-Gemüsemaultaschen ist erfreulich gut gestartet“, sagt Ulrike Bebermeier, Projektmanagerin Marketing & PR beim Hersteller Bürger.

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