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Kaffee Händler, teilt euer Wissen!

Elena Kuss | 09. August 2020
Kaffee: Händler, teilt euer Wissen!
Bildquelle: Charlie Watson

Mit dem Zusammenschluss von UTZ und Rainforest Alliance haben die Organisationen ihre gemeinsame Zertifizierung neu aufstellt. Herzstück könnte die Rückverfolgbarkeitsplattform Multitrace werden, die das Know-how besser zugänglich macht.

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Aktuell nutzen UTZ und Rainforest Alliance insgesamt drei verschiedene Plattformen zur Rückverfolgung der zertifizierten Ware, die nun in der Softwarelösung Multitrace zusammengeführt werden. Anders als bei blockchainbasierten Technologien gehören die Multitrace-Daten der Rainforest Alliance. Die Software bildet ein geschlossenes System, auf das nur auf Handelsebene zugegriffen werden kann. Jeder Verkauf und Kauf zertifizierter Produkte wird über die komplette Lieferkette vom Farmer bis zum Hersteller oder Großhändler registriert. Autorisierte Personen pflegen die Daten ein.

Was ändert sich?
Durch den Zusammenschluss von UTZ und Rainforest Alliance wird die Datenbasis deutlich größer. Aber auch Zahlen und Satellitenbilder von der Weltraumbehörde ESA fließen ins System mit ein und werden ausgewertet. Dadurch wird die Geo-Kartierung der Betriebe sowie die Bestimmung von Risikogebieten vereinfacht.

Mit der Software Multitrace entsteht ein sehr komplexer Datensatz, der wichtige Fragen für den Anbau von Kaffee, Tee, Kakao und vielen weiteren Produkten liefern soll. Externe und unabhängige Audits tragen dazu bei, die Daten zu verifizieren.

Das große Kapital liege jedoch nicht in der Softwarelösung, betont Michael Spandern, Regional Lead Germany, Austria, Switzerland bei Rainforest Alliance, sondern im Know-how, das mit Multitrace besser zugänglich gemacht werden kann. „Es geht darum, Tee, Kaffee, Kakao und viele weitere Produkte so zu produzieren, dass sie in dieser Qualität auch noch in vielen Jahren zuverlässig geliefert werden können.“

Perspektivisch sollen die Daten auch dem Verbraucher helfen, nachzuvollziehen, woher die Rohstoffe kommen. Aktuell ist das nur auf der Handelsebene möglich. 

Perspektiven für Händler 
Auch der Einzelhandel soll zukünftig mehr teilhaben können. Aktuell wollen Händler einfach wissen, dass die Stoffströme sicher sind. „Da ist der LEH noch in einer passiven Rolle“, sagt Michael Spandern. Dabei können die Händler einiges dazu beitragen, um Ressourcenströme aufrechtzuerhalten. Mit Rainforest Alliance kann der Händler beispielsweise wichtige Informationen über die Marktentwicklung mit dem Landwirt teilen. Was wird in Zukunft gefragt sein? Wo lohnt es sich vielleicht, in eine Halle oder ein Gewächshaus zu investieren? Dabei gehe es nicht darum, konkrete Produzenten zu vermitteln. „Wir sind keine Makleragentur“, betont Spandern. Die Organisation halte sich vollständig aus der Preisentwicklung raus. „Auch wenn ein verpflichtendes Sustainability Differential gezahlt werden muss, gehört die Bezahlung der Landwirte nicht zu unseren Aufgaben. Wir veröffentlichen einen landwirtschaftlichen Standard.“

Und dieser Standard soll dynamischer werden. Rainforest Alliance arbeitet nicht nur mit Kleinbauern, sondern auch mit Großbetrieben zusammen. „Die Zertifizierung soll kein elitäres System sein, an dem nur wenige teilhaben können“, macht Spandern deutlich. Die Ziele: Schonung der Umwelt, langfristige Verträge, gute Bedingungen für die Arbeiter. Aber nicht überall sind die Probleme gleich. „Wir haben Mindestkriterien“, erklärt Spandern. „Kinderarbeit ist verboten. Ganz klar! Aber wir wollen, dass die Betriebe, die so mal gearbeitet haben, sich weiterentwickeln können.“ Während die Eltern arbeiten, müssen die Kinder zu Schule gehen können. Und manchmal müsse man Regierungen daran erinnern, dass sie sich dazu verpflichtet haben, Kindern den Zugang zur Schule zu ermöglichen. „Wir wollen Kinderarbeit nicht nur verbieten, sondern dabei helfen, sie tatsächlich abzuschaffen! Das ist ein aktiver Prozess.“

Rainforest Alliance bewertet bei der Zertifizierung zuerst die Risiken. Wie sieht die Situation der Arbeiter aus, nicht zuletzt auch speziell die der Wanderarbeiter? Verändert sich die Umwelt, das Wetter, das Klima? Wie kann nachhaltig gearbeitet werden, damit auch in fünf Jahren an diesem Ort noch Kaffeekirschen geerntet werden können? „Im zweiten Schritt überlegen wir, welche Ziele der Landwirt in den nächsten Jahren erreichen muss“, erklärt Spandern. „Vielleicht kann man es sich so vorstellen: Die Landwirte bekommen einen Führerschein, müssen aber in regelmäßigen Abständen zusätzlich zu einem Fahrsicherheitstraining.“

Zertifizierte Landwirte müssen also Mindeststandards erfüllen und gleichzeitig daran arbeiten, sich zu verbessern. Der neue Standart gilt ab September 2020.

Krisenfeste Lieferkette
Wichtig bleibt, dass alle von diesem System profitieren. Der Landwirt kann sich darauf verlassen, dass seine Ware abgenommen wird. Mit dieser Sicherheit kann er investieren – zum Beispiel in eine Halle, um die wertvollen Rohstoffe gegen extremes Wetter zu schützen oder auch in Weiterbildung, um mit den sich ändernden klimatischen Bedingungen zurechtzukommen. Der Händler kann sich bei diesem Landwirt darauf verlassen, dass er seine Ware bekommt – in der bei Kaffee, Tee und Kakao so wichtigen Qualität und mit dem gewünschten Geschmacksprofil. Händler und Hersteller sind so krisenfester aufgestellt. Und das ist gerade in einer Zeit, die mit dem Coronavirus gezeigt hat, wie fragil Lieferketten und Warenströme sein können, wertvoller denn je.