Zucker Gar nicht süß

Der Zuckerpreis in der EU wurde vom Weltmarktpreis überholt. Der Rohstoff ist knapp und teuer. Der weiterverarbeitenden Industrie galoppieren die Kosten davon.

Sonntag, 19. Juni 2011 - Sortimente
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Zentis-Geschäftsführer Karl-Heinz Johnen ahnt, dass dieser Herbst heiß wird. Sorgenvoll blickt er auf die Preisentwicklung bei Zucker. Der für Zentis zentrale Rohstoff wird seit Monaten stetig knapper und teurer und treibt die Produktionskosten in die Höhe. Der Zuckermarkt in der EU ist streng reguliert, besteht aus Quoten und Abnahmegarantien, ist ein Beispiel für Protektionismus und Abschottung vom Weltmarkt und wird genau deshalb von der Welthandelsorganisation (WTO) seit Jahrzehnten kritisch beäugt. Die Abschottung des EU-Marktes verhinderte lange, dass der üblicherweise nur halb so teure Rohrzucker aus Brasilien, Indien, Thailand, USA etc. dem europäischen Rübenzucker Konkurrenz machen konnte. 2005 stellte ein Schiedsurteil der WTO fest, dass die europäische Subventionspolitik für Zucker gegen WTO-Regeln verstoße.

2006 reformierte die EU ihre seit 1968 bestehende Zuckermarktordnung: Seither ist der Export von Zucker aus der EU auf 1,4 Mio. t jähr lich begrenzt. Außerdem wurde eine Importfreigabe für die ärmsten Exportländer von Zucker festgelegt, um sie bei ihrer wirtschaftlichen Entwicklung zu unterstützen. Bis zur Reform 2006 waren die EU und vor allem die Bundesrepublik Netto-Exporteur von Zucker. Inzwischen ist Deutschland längst Netto-Importeur. Auch weil bei den Kalkulationen der Brüsseler Bürokraten und EU-Politiker Szenarien als unvorstellbar galten, die unlängst Wirklichkeit geworden sind und Karl-Heinz Johnen und seinen Kollegen das Leben gar nicht versüßen.

Das Dilemma begann mit der Reform 2006: Die EU beschloss die bis dato üblichen 18,4 Mio. t Erzeugerquoten um 30 Prozent (auf 12 Mio. t) zu kürzen. Aktuell hat die EU einen Netto-Importbedarf von 3,7 Mio. t. Der Selbstversorgungsgrad wurde von 100 auf 85 Prozent und der Zuckerreferenzpreis um 36 Prozent auf 404,40 Euro pro t abgesenkt, in dem sicheren Glauben, dass dann die Binnenmarktpreise immer noch über den Weltmarktpreisen lägen. 2008, 2009 und 2010 sorgten jedoch Ernteausfälle, politische und wirtschaftliche Instabilität in zuckerproduzierenden Drittländern und eine global betrachtet stetig steigende Nachfrage (vor allem in Schwellenländern) dafür, dass Zucker knapp und damit teuer wurde. Im Dezember 2010 trat das ein, was jahrzehntelang als ausgeschlossen galt: Der Weltmarktpreis für Zucker (539 Euro/t) überstieg den festgelegten EU-Binnenmarktpreis (486 Euro/t). Mithin machte es für Lieferanten aus Drittländern keinen Sinn mehr, Zucker, den sie a uf dem Weltmarkt teuer verkaufen konnten, in die EU zu liefern. Das dolce vita des Protektionismus zeigte erstmals seine bittere Kehrseite. Im April stieg der Zuckerreferenzpreis in der EU auf 600 Euro pro t.

Bereits kritisch ist die Lage in Ost- und Mitteleuropa: Mit der Reform 2006 reduzierten Ungarn und Polen ihre Anbauflächen für Zuckerrüben drastisch. Ungarn muss inzwischen zwei Drittel seines Bedarfs zukaufen. In Polen verhält es sich ähnlich. Dort kostet ein Päckchen Zucker in den Supermärkten doppelt so viel wie in Deutschland. Ob Real, Edeka oder Tengelmann: In der Grenzgegend zu Polen wird Zucker nur noch rationiert in „haushaltsüblichen Mengen“ verkauft. Für Ende September rechnen Experten mit einem Zuckerendbestand in der EU von 1,3 Mio. t, was bei einem Verbrauch von 16 Mio. t, einer Quote von 8 Prozent entspricht. Alles unter 20 Prozent gilt bei global bedeutenden Agrarrohstoffen als preistreibend.

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