Haltungsform Mehr Tierwohl bald auch für SB-Käse

Während die Erzeuger noch über die Finanzierung debattieren, hat der Handel bereits mit den Tierhaltungsstufen 1 und 2 für Trinkmilch Fakten geschaffen. Die Molkereien finden eine Kennzeichnung grundsätzlich positiv und rechnen auch beim SB-Käse bald damit.

Freitag, 11. März 2022 - Molkereiprodukte
Wibke Niemeyer und Elke Häberle
Artikelbild Mehr Tierwohl bald auch für SB-Käse
Bildquelle: Carsten Hoppen

„Ein Mehr an Tierwohl ist wichtig und gewinnt auch beim Verbraucher zunehmend an Bedeutung“, unterstreicht Peter Stahl, Vorsitzender des Milchindustrie-Verbandes (MIV), die Position der Branche. Der deutsche Lebensmitteleinzelhandel hat mit seinem System „haltungsform.de“ nun auch den Milchmarkt in sein vierstufiges Kennzeichnungssystem einbezogen.

„Durch die Ankündigung des deutschen LEH, ab 1. Januar 2022 auch Milchprodukte mit der Haltungsform zu kennzeichnen, kam eine neue Dynamik ins Spiel“, sagt Werner Giselbrecht, Kaufmännischer Leiter und Leiter Milchboard bei Hochland Deutschland, und erwartet eine hohe Durchdringungsquote der Haltungsformkennzeichnung bei Milchprodukten, wodurch das Thema Tierwohl in der Breite des Sortiments ankommen wird. Doch welches Mopro-Segment wird das nächste sein? Frank Forstmann, Geschäftsführer von Bergader, geht davon aus, „dass das Thema Haltungsformkennzeichnung über kurz oder lang für SB-Käse relevant wird“.

Dabei gibt es auf den Käseverpa‧ckungen mittlerweile viele verschiedene Auslobungsmöglichkeiten mit Labels. Bei den Tierwohl-Programmen können folgende genannt werden: das Tierschutzlabel „Für mehr Tierschutz“ des Deutschen Tierschutzbundes, das Vier-Stufen-Milchprogramm der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) und das QM-Milchprogramm. Da‧neben gibt es Programme für die Beibehaltung und den Ausbau von Weidegang, wie „Pro Weideland“ und „Stichting Weidegang“.

Allerdings müssten Labels auch leicht zu erfassen und zu verstehen sein, meint Martin Schygulla, Geschäftsführer von Lactalis: „Nur so kann der Verbraucher den jeweiligen Mehrwert am Regal erkennen.“ Leerdammer (Lactalis) beispielsweise informiert die Konsumenten mit dem „Unser Beitrag“-Störer auf der Vorderseite. „Ergänzend dazu nehmen Info-Kästen auf der Packungsrückseite nochmals Bezug auf die entsprechenden Programme“, so Schygulla.

QM-Milch seit 2002
„Ein Haltungsformsiegel auf der Milchpackung ist neu“, sagt Oliver Bartelt, Sprecher der DMK Group. Er gibt aber zu bedenken, dass es einen verbindlichen Qualitätsstandard für die Milchproduktion schon seit 2002 gibt. „Vor knapp 20 Jahren hat eine Arbeitsgruppe der Branchenverbände, also auch der Milchviehhalter und Molkereien, die Grundlagen für ein bundeseinheitliches Qualitätsmanagement Milch (QM-Milch) erarbeitet.“ Daraus resultierte der QM-Standard, zu dem sich mehr als 90 Prozent der Milchviehhalter in Deutschland verpflichtet haben.

Für Bergader-Chef Frank Forstmann ist das Thema Haltungsform der Milchkühe „ein wesentlicher Aspekt bei der Bewertung des Tierwohls und liegt daher auch im Fokus der Beratungen“. Seit 2018 bietet die Molkerei ihren Landwirten die „Berg‧ader Haltungs- und Tierwohlberatung“ an. „Im Rahmen dieses Programms werden gemeinsam mit den Landwirten Maßnahmen zur Verbesserung des Tierwohls erarbeitet, die speziell auf den einzelnen Betrieb mit seinen jeweiligen Möglichkeiten zugeschnitten sind“, erklärt Forstmann das Konzept.

Milcherzeuger und Molkereien stehen für eine Weiterentwicklung im Sinne des Tierwohls und sind bereit, auch zu investieren, heißt es aus dem MIV. Ein hohes Maß an Tierwohl kann es aber nicht zum Nulltarif geben. Werner Giselbrecht (Hochland) weist auf die Finanzierung als eine der zentralen Herausforderungen hin: „Die ist nicht für alle Stufen geklärt.“ Es entstehen nicht nur Mehrkosten für die Erzeuger, sondern auch für die Molkereien „durch eine hundertprozentige Warenstromtrennung“. Denn auch ohne die vier neuen Stufen gibt es bereits heute eine große Menge an verschiedenen Milchsorten. Sammelwagen fahren deshalb für Kleinstmengen ins gleiche Gebiet. Es müssen mehr kleine Tanks gebaut werden.

Dass es Tierwohl für die Verbraucher nicht umsonst geben kann, meint auch Bergader-Manager Forstmann: „Wenn eine offizielle Zertifizierung zur Haltungsform ein Kauf‧argument sein soll, dann muss auch eine spürbare preisliche Differenzierung für entsprechend gekennzeichnete Produkte gemacht werden. Nur dann ist es auch möglich, die Landwirte mit einem Preisaufschlag bei der Milch dafür zu gewinnen.“ Allerdings ist laut Forstmann auch festzustellen, dass die Transparenz und das Verbraucherverständnis bei einschlägigen Auslobungen mit dem Anstieg des Verarbeitungsgrades tierischer Lebensmittel (z. B. Käse) abnehmen. Sprich: Der Käse auf der TK-Pizza braucht derzeit kein Tierwohl. „Dies macht sich auch dadurch bemerkbar, dass die erforderlichen Mehrerlöse bei der Vermarktung kaum zu erreichen sind.“

Neben der Finanzierung macht Werner Giselbrecht (Hochland) noch auf eine weitere Herausforderung aufmerksam: die strukturellen Gegebenheiten innerhalb der Landwirtschaft. „Nicht alle Betriebe können innerhalb kurzer Zeit auf eine höhere Haltungsstufe angehoben werden, weil die baulichen Voraussetzungen für den Stall nicht gegeben sind.“ Ein Anfang ist gemacht, doch bis bei den Kühen mehr Tierwohl ankommt, wird es dauern. Ist der Verbraucher dann auch bereit, für mehr Tierwohl beim Käse zu zahlen?

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