Nach der Zustimmung des Kartellamts hat sich zum 1. Februar ein Detail am Werkstor des Schinkenherstellers Hermann Wein in Freudenstadt sichtbar verändert: der Name. Wo bislang der Schwarzwälder-Schinken-Spezialist Wein firmierte, steht nun „Bell Deutschland“. Drinnen laufen die Anlagen weiter, die Belegschaft bleibt – und doch beginnt für den Standort ein neues Kapitel. „Es geht ganz klar um den Fortbestand und die Weiterentwicklung des Standorts – und darum, das Know-how der Mitarbeiter einzubinden“, sagt Stephan Holst, Leiter des Bereichs Marketing und Produktentwicklung bei Bell Deutschland, im Gespräch mit der Lebensmittel Praxis.
„Wein“ wird bei Bell integriert
„Damit baut Bell Deutschland seine Marktführung im Rohschinkenmarkt weiter aus“, sagt Holst. Er ergänzt: „Mit dem Zukauf setzt das Unternehmen seine strategische Fokussierung auf das Rohschinkengeschäft konsequent fort.“ Zum Sortiment von Bell zählen unter anderem regionale Spezialitäten wie Schwarzwälder Schinken, Ammerländer Schinken und Katenschinken sowie internationale Produkte wie spanischer Serranoschinken.
Mit der Übernahme des Standorts Freudenstadt stärkt Bell insbesondere seine Position im Segment des Schwarzwälder Schinkens. Das Unternehmen aus Freudenstadt produziert seit 1966 Rohschinken und zählt zu den größten Herstellern Deutschlands mit einem klaren Schwerpunkt auf Schwarzwälder Schinken. Holst spricht von einem „logischen Schritt“. Bell war in diesem Segment bereits mit einer kleineren Einheit und einem Werk im nahe gelegenen Schiltach vertreten. Nun bündeln zwei etablierte Akteure ihre Kräfte. „Wir werden das Portfolio gründlich überprüfen, jedoch ohne bestehende Kapazitäten abzubauen“, so Holst.
Für Bell Deutschland ist dieser Schritt ein Balanceakt: Einerseits geht es um die Integration in eine neue Unternehmensstruktur, andererseits gilt es, die Stärken und Besonderheiten des neuen Standorts zu wahren. Für die Beschäftigten in Freudenstadt bedeutet die Übernahme vor allem eines: Stabilität im laufenden Betrieb. Der Wandel soll für die Mitarbeiter so reibungslos wie möglich ablaufen. „Die gleichen Menschen machen die gleiche Arbeit – nur jetzt für Bell Deutschland“, beschreibt Holst den Anspruch. Das Werk bleibt als Produktionsstandort mit eigener Logistik bestehen.
Zwei Marken nebeneinander
Der Eigentümerwechsel soll für Handel und Verbraucher zunächst möglichst geräuschlos verlaufen. Die Kunden von Wein werden weiterhin beliefert und die bekannten Produkte bleiben im Sortiment. Im Markenauftritt setzt Bell auf ein Nebeneinander statt auf einen Bruch: Abraham im Norden, Wein im Süden. „Das ist eher eine Ergänzung als ein Konflikt“, sagt Holst. Schwarzwälder Schinken, Bauern- und Landschinken sowie weitere Spezialitäten sollen auch künftig unter beiden Markennamen vertrieben werden – jeweils dort, wo sie traditionell stark im Regal vertreten sind.
Für das Geschäftsjahr 2026 setzt Bell zwei zentrale strategische Schwerpunkte: die Integration des Wein-Standorts Freudenstadt in den Bell-Verbund und eine Regionalitätskampagne für die Marke Abraham im Segment deutscher Rohschinken, die parallel zur Übernahme startet. Laut Unternehmensangaben bevorzugen 70 Prozent der Verbraucher Produkte aus der eigenen Region und 58 Prozent sind bereit, dafür einen höheren Preis zu zahlen.
Mit dem Regionalkonzept setzt Bell Deutschland laut Holst einen neuen Branchenstandard – und das noch bevor die staatliche Kennzeichnungspflicht für Schweinefleischverarbeitungsprodukte greift. Herzstück der Kampagne ist die Rückbesinnung auf regionale Rohware für alle deutschen Schinkenspezialitäten der Hauptmarke Abraham. Deshalb wird die Marke Abraham umgebaut. Alle deutschen Rohschinkenspezialitäten – Schwarzwälder Schinken, Ammerländer Schinken und Katenschinken – sollen dann ausschließlich aus Rohware aus den jeweiligen Produktionsregionen stammen. Schwarzwälder Schinken wird dann nur noch mit Fleisch aus Baden-Württemberg und Bayern hergestellt, Ammerländer und Katenschinken mit Rohstoff aus Niedersachsen, jeweils mit der Haltungsform 2 („Stall + Platz“). Die Auslieferung der nach dem neuen Regionalitätsprinzip hergestellten Produkte startet im März.
„Mit diesem Schritt wollen wir die Regionalität und Authentizität der Produkte noch stärker hervorheben“, so Holst. Allerdings stößt das Konzept auf Marktrealitäten: In Süddeutschland gibt es insgesamt weniger Schweinemast, was die Beschaffung erschwert. Eine Umstellung der Handelsmarken auf das gleiche Regionalitätskonzept ist derzeit nicht geplant. Die dafür notwendigen Rohstoffmengen stehen aktuell nicht in ausreichender Form zur Verfügung.
Welche Botschaft soll mit Ihrer neuen Regionalkampagne vermittelt werden?
Die Botschaft ist bewusst einfach gehalten. Wer zu diesen Schinkenprodukten greift, kann sicher sein, dass sie aus regionalen Wertschöpfungsketten stammen.
Warum zählt spanischer Serranoschinken zu den Gewinnern im Handel?
Zum einen ist Spanien das wichtigste Urlaubsland der Deutschen. Zum anderen punktet Serranoschinken mit einem sehr guten Preis-Leistungs-Verhältnis.
Wo sehen Sie Bell Deutschland in fünf Jahren?
Die starke Marktposition im Segment der Rohschinken soll mit den beiden Marken Abraham und Wein gesichert und behutsam ausgebaut werden. Gleichzeitig möchte Bell ein verlässlicher und sicherer Partner des Handels bleiben.
Neue Rezepturen
Parallel zur Umstellung auf regionale Rohstoffe überarbeitet Abraham auch die Rezepturen. Die Traditionsprodukte bleiben ihrem Charakter treu, werden aber zeitgemäß gestaltet: Die Zutatenlisten werden verkürzt, der Salzgehalt reduziert und ein konsequenter Clean-Label-Ansatz verfolgt. So wird der Schwarzwälder Schinken beispielsweise von acht auf fünf Zutaten reduziert und der Salzgehalt von 5,0 auf 4,5 Gramm pro 100 Gramm gesenkt.
Bell kommuniziert die Regionalität auf der Verpackung mit dem Hinweis „Fleisch von deutschen Höfen“ und begleitet dies mit der Kampagne „Iss nicht egal – Iss regional“. Dieser Claim steht laut Holst für das, was Bell künftig im Kern ausmachen soll. „Wir wollen zeigen, dass wir regionale Wertschöpfungsketten aufbauen und dass dies für alle Beteiligten sinnvoll ist“, sagt Holst. Ab Frühjahr 2026 soll die Kampagne im Fernsehen, in den sozialen Medien, im Radio und am Point of Sale laufen. Der Zeitpunkt ist bewusst gewählt: Spargelzeit, Hochsaison für Rohschinken.
