Branchendialog-Fleisch-Wurst 2021 „Fleisch(ersatz) – Was ist besser für das Tierwohl als gar keine Tiere schlachten?“

Der Branchendialog Fleisch + Wurst 2021 fand unter dem Motto „Fleisch(ersatz) – Was ist besser für das Tierwohl als gar keine Tiere schlachten?“ in diesem Jahr aufgrund der Corona-Pandemie virtuell statt. Ein Höhepunkt neben vielen Fachvorträgen war die Diskussionsrunde, von der wir hier auszugsweise berichten.

Sonntag, 22. August 2021 - Fleisch
Jens Hertling
Artikelbild  „Fleisch(ersatz) – Was ist besser für das Tierwohl als gar keine Tiere schlachten?“
Bildquelle: Lebensmittel Praxis

Bei dem Branchendialog Fleisch + Wurst 2021 diskutierten über aktuelle Themen: Nicolas Barthelmé, Mitgründer, Du bist hier der Chef; Jürgen von Rautenfeld, Initiator Tierwohl-TV; Uli Budnik, Geschäftsführender Gesellschafter, Rewe Markt Homberg & Budnik; und Ralph Langholz, Leiter Alternative Proteinquellen, Micarna.

Spielen die Themen „Tierwohl“ und „Alternative Proteine“ bei den Käufern eine große Rolle?
Uli Budnik: Unsere Kunden nehmen das Format „Tierwohl-TV“ gut an. Alternative Proteine sind in der Wahrnehmung beim Kunden und auch bei den Mitarbeitern noch weit weg. Dies wird noch viel Überzeugungsarbeit brauchen. Aber bei beiden Dingen ist dennoch Bewegung im Markt.

Die Initiative „Du bist hier der Chef“ handelt bisher nur mit frischer Milch. Werden Sie in Zukunft Produkte wie alternative Proteine anbieten?
Nicolas Barthelmé: Wir sind basisdemokratisch. Wenn genügend Verbraucher nach solchen Produkten wie veganen Produkten fragen, werden wir uns mit Partnern in Verbindung setzen und unsere Verbraucher wie bisher über Online-Frage‧bögen entscheiden lassen. Die Verbraucher entscheiden selbst, was ihnen wichtig ist.

Der Versuch, mit Insekten zu handeln, ist mehr oder weniger gescheitert. In welche Richtung geht die Entwicklung?
Ralph Langholz: Wir haben versucht, Insektenprodukte im Handel zu etablieren, die Zeit ist leider noch nicht reif. Am Schluss entscheidet der Konsument. Wir arbeiten schon im veganen Bereich mit dem Pflanzenprotein Erbse. Es werden zukünftig neue Proteinquellen kommen wie die Fababohne oder die Mungobohne, die im veganen Ei-Ersatz-Bereich als Proteinquelle dient.

Wie schnell wächst der Bereich?
Ralph Langholz: Dazu kann ich leider keine genaue Prognose abgeben. Schlussendlich wird es von verschiedenen Faktoren abhängen wie Preisentwicklung und Platzierung im Markt. Bevor bio gesellschaftsfähig wurde, hat es lange gedauert, und bio macht heute immer noch einen kleinen Anteil am gesamten Marktvolumen aus.
Uli Budnik: Der Knall beim Absatz von Bioprodukten kam in dem Moment, als die Supermarktketten und die Discounter eingestiegen sind. Das könnte ich mir hier ebenfalls vorstellen. Wenn jetzt der Handel beschließt, wir bringen beispielsweise Produkte mit Heuschrecken auf den Markt, dann gibt es eventuell einen Hype. Und alle Mitbewerber ziehen nach.

Wird es Tierwohl-TV langfristig auch beim Discounter zu sehen geben?
Jürgen von Rautenfeld: Ich glaube, am Schluss wird es jeder Händler einführen müssen. Durch unser System kommt Transparenz in den Markt. Die Livebilder werden vom Verbraucher in den Märkten als Entscheidungshilfe herangezogen. Die Discounter können im Moment damit noch nicht punkten, weil wir das Thema regional aussteuern.

Wie trägt Tierwohl-TV tatsächlich zum Tierwohl bei?
Jürgen von Rautenfeld: Die teilnehmenden Landwirte müssen uns schriftlich versichern, dass sie mit den Kameras den Durchschnitt ihrer Ställe abbilden. Wir selbst schauen uns die Ställe per Augenschein und mit gesundem Menschenverstand an. Landwirte, die nur die Haltungsformen 1 oder 2 betreiben, melden sich deshalb bei uns erst gar nicht.
Uli Budnik: Unser Supermarkt liegt im Ruhrgebiet und es gibt hier auch Stadtteile, in denen interessiert sich eventuell niemand für Tierwohl. Dort wird meiner Meinung nach Tierwohl-TV selten punkten. Dort tut sich selbst bio schwer. Der entscheidende Punkt ist leider das Einkommen. Zu Tierwohl-TV gehört ein Bewusstsein, aber am Ende des Tages auch der Geldbeutel. Ich bin aber dennoch optimistisch – es gibt inzwischen auch bei uns viele junge Leute, die die Botschaft zum Thema Tierwohl-TV aufnehmen.

Wollen die Verbraucher überhaupt beim Einkauf sehen, woher das Fleisch kommt?
Jürgen von Rautenfeld: Wir haben bislang ausschließlich positive Rückmeldungen. Jeder Verbraucher, der die Livebilder an der Fleischtheke sieht, kann damit gut umgehen. Bei Tierwohl-TV steht nicht die Absatzsteigerung im Mittelpunkt, sondern die Schaffung von Bewusstsein während des Lebensmitteleinkaufs und die damit verbundene Wertschätzung für mehr Tierwohl in der Nutztierhaltung. Tierwohl-TV motiviert den Verbraucher, mit dem Fachpersonal ins Gespräch zu kommen, um Empfehlungen zu hören und dann bessere Produkte zu probieren.

Was ist davon zu halten, dass es für die Kategorie Tierwohl ein Siegel von der Initiative Tierwohl (ITW) gibt und die Bundesregierung außerdem ein Siegel plant?
Jürgen von Rautenfeld: Wir bemerken, dass der Verbraucher durch die zunehmende Anzahl von Siegeln zunehmend verunsichert ist. Warum soll der Verbraucher nicht durch direkten Augenschein und mit Unterstützung anerkannter Siegel entsprechend seine Entscheidung treffen? Das gute Gewissen kauft mit.
Uli Budnik: Die Politik und Fußball haben oft mit der Realität nichts zu tun (lacht). Das staatliche Tierwohlsiegel brauchen wir nicht. Die Bundesregierung möchte alles regulieren, und das geht häufig auch am Markt vorbei. Immer wenn sich der Staat einmischt, kommt meistens das Gegenteil dabei raus. Der Kunde entscheidet an der Kasse oder an der Theke, was er will.
Ralph Langholz: Ein positives Beispiel, bei welchem ein staatliches Siegel mehr Marktanteile gebracht hat, war das Biosiegel. Unkompliziert und einfach zu beantragen, trotzdem können die privaten Labels weiter benutzt werden.

Liegt es nicht in der Natur der Sache, dass der Verbraucher das für ihn günstigste Produkt kauft und weniger auf Aspekte wie Tierwohl achtet?
Nicolas Barthelmé: Wir möchten Verbrauchern die Möglichkeit geben, zu entscheiden, was ihnen bei Lebensmitteln wichtig ist und wofür sie bereit sind mehr zu bezahlen. Das schafft Transparenz, sorgt für mehr Nachhaltigkeit und führt zu einer fairen Vergütung der Landwirte. Wenn man den Menschen erklärt, welche Verbesserungen mit einem höheren Milchpreis möglich sind, sind viele bereit, mehr zu bezahlen. Viele schließen sich auch unserer Bewegung an, werden Vereinsmitglied und investieren ehrenamtlich Zeit und Energie, um ihre Marke aufzubauen und Landwirte zu unterstützen. Das ist einmalig.

Geht das in die Breite und welche Erfahrung haben Sie damit gemacht?
Nicolas Barthelmé: Die Leute, die sich für uns interessieren, sind schon sehr stark am Thema Tierwohl interessiert. Wir sind erst vor kurzer Zeit am Markt gestartet. Der Weg ist das Ziel. Sie reden darüber und sind stolz darauf, dabei zu sein. Sie möchten etwas bewegen. Wir jagen weder nach Umsätzen oder nach Marktanteilen. Wir möchten einfach die Erzeugerbetriebe unterstützen. Es funktioniert und wir haben noch viel vor …

Herr Budnik, sehen Sie für diese Initiative ein großes Potenzial?
Uli Budnik: Mir fehlt ein bisschen der Glaube, aber ich würde es mir sehr wünschen. In Deutschland wurde der Discount erfunden. Viele Menschen kaufen fast nur im Discount. Viele jüngere Menschen glänzen manchmal mit einem Halbwissen über Ernährung an der Theke, und dann müssen wir ernsthaft aufklären. Wir müssen täglich daran arbeiten, dass hier etwas passiert. Ich höre die Botschaft der Initiative gern aus Frankreich.
Nicolas Barthelmé: In Frankreich gibt es für Lebensmittel eine andere Wertschätzung. Es wäre schön, wenn wir hier in Deutschland auch dazu kommen könnten. Wichtig ist, dass wir daran arbeiten, dass es den Tieren besser geht und dass die Erzeugerbetriebe auch noch eine Zukunft haben.

„Tierwohl-TV“ und „Du bist hier der Chef“

  • Tierwohl-TV
    Die Livestream-Lösung „Tierwohl-TV“ wird von Händlern genutzt, um ihr Engagement für mehr Tierwohl an die Kunden überzeugend und glaubhaft zu kommunizieren. Hierfür stellt der Anbieter „Tierwohl-TV“ eine Plattform für Landwirte und Händler bereit, welche die Übertragung eines Live-TV-Bildes aus dem Stall auf die Bildschirme im Laden des Händlers ermöglicht. https://tierwohl.tv/
  • Du bist hier der Chef
    Die Initiative „Du bist hier der Chef“ will Landwirte fair entlohnen und Kundenwünsche nach nachhaltigen Lebensmitteln erfüllen – unabhängig von politischen Entscheidungen. Wie viel Platz muss ein Huhn haben, wie viel Auslauf eine Kuh, und wann ist beim Preis die Schmerzgrenze erreicht? Das alles wird im Verein basisdemokratisch abgestimmt, dann werden Landwirte gesucht, die Lebensmittel wie gewählt herstellen. https://dubisthierderchef.de/

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