Tönnies „Das sind Markt-Spekulationen“

Die Gerüchte über einen möglichen Verkauf der Tönnies-Gruppe kamen das erste Mal vor einem Monat auf. Maximilian Tönnies, Geschäftsführer der Zur-Mühlen-Gruppe und Gesellschafter der Tönnies-Gruppe, im Interview über die weitere Ausrichtung des Unternehmens.

Freitag, 30. April 2021 - Fleisch
Jens Hertling
Artikelbild „Das sind Markt-Spekulationen“
Bildquelle: Peter Eilers

Herr Tönnies, vor kurzem gab es große Schlagzeilen. Verschiedene Medien hatten auf einen möglichen Verkauf des Tönnies-Unternehmens hingedeutet. Was ist an den Gerüchten daran?
Maximilian Tönnies:
Das sind Marktspekulationen, zu denen ich mich nicht äußern möchte. Aber lassen sie mich eines betonen: Mein Vater und mein Onkel Bernd haben vor 50 Jahren ein Unternehmen gegründet, dessen Entwicklung in Deutschland seines gleichen sucht. Wir arbeiten heute mit einem tollen Team daran, dass Unternehmen in die nächste Generation zu führen und ich trage meinen Teil dazu bei.

Dann wechseln wir zu den handfesten Themen. Stichwort Corona. Wie hat die zur Mühlen Gruppe die Pandemie bislang verkraftet?
Die Corona-Pandemie ist für uns alle in der Gesellschaft wie auch der Wirtschaft extrem herausfordernd. Es ist aber bemerkenswert, wie unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mitziehen, wie sie unsere Maßnahmen akzeptieren. Wir haben ein Multibarrieren-Konzept entwickelt: Abstände, Masken, regelmäßige Tests, um nur einige zu nennen.

Und das funktioniert?
Ja hervorragend sogar. Wir haben es geschafft, innerbetriebliche Infektionsketten weitestgehend zu verhindern. Wir testen die Mitarbeiter bis zu drei Mal die Woche. Dadurch haben wir keine Dunkelziffer. Wir wissen immer, was los ist, und können entsprechend reagieren, in dem wir infizierte Mitarbeiter in Quarantäne schicken. Insgesamt liegt die Positiv-Quote im Promillebereich.

Wenn Mitarbeiter 14 Tage ausfallen, leidet dann nicht auch die Auslastung Ihrer Werke?
Das ist von Werk zu Werk unterschiedlich. Das hat aber eher mit anderen Corona-Effekten zu tun: Wir spüren den Wegfall der Gastronomie und der Großverbraucher. Dafür haben wir aber auch Standorte, wo wir zum Beispiel mit der Konserve eine Renaissance erleben. 

Wie wird sich die Fleischbranche durch Corona verändern?
Das Konsumverhalten wird vielfältiger. Viele Verbraucher ernähren sich seit dieser Pandemie bewusster. Es wird mehr selbst gekocht, weniger außer Haus verzehrt. Dafür müssen wir dem Konsumenten passende Angebote machen.

Corona hat auch Themen wie Werkverträge, Leiharbeit und Co. auf den Plan gebracht. Wie hat sich das auf Ihre Gruppe ausgewirkt?
Wir haben ja im Januar 2020 unsere Nachhaltigkeitsagenda t30 verabschiedet und veröffentlicht. Dieser Prozess wurde durch die Corona-Ereignisse maßgeblich beschleunigt. Zum Jahreswechsel haben wir bei Tönnies über 6.000 Werkarbeiter übernommen. Bei gut 30 Prozent der Angestellten haben wir auch die Wohnraumbewirtschaftung übernommen. Dafür haben wir mehr als 700 Wohnungen und Häuser gekauft oder gemietet und so mehr als 3.800 Wohnplätze geschaffen.

Seit dem 1. April ist auch die Leiharbeit verboten. Welche Auswirkungen hat das für Sie?
Das sind schon wahnsinnige Einschränkungen im Personaleinsatz, die aber vor allem den Mittelstand treffen. Ein mittelständisches Unternehmen hat nicht mehr die Flexibilität, gleichzeitig aber auch nicht die Größe wie wir, Auftragslastenbreiter zu verteilen. Dennoch ist es auch für uns erschwert, Saisonschwankungen wie die Bratwurstproduktion zu planen.

Zahlreiche Veränderungen also für die Branche. Wird die „Zur Mühlen Gruppe“ aus dieser Corona-Krise gestärkt hervorgehen?
Daran arbeiten wir jeden Tag. Die Pandemie fordert natürlich alle Bereiche des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens. Doch wir sind überzeugt, dass wir unserer Verantwortung als Lebensmittelproduzent, der die Verbraucher mit Fleisch und Wurst versorgt, gerecht werden.

Aber ist der Fleischverzehr in Deutschland nicht eher rückläufig?
2020 war kein normales Jahr. Gastronomie und Kantinen waren größtenteils geschlossen, große Feiern und Geburtstage fielen weg. Klar, dass dadurch der Verbrauch sinkt. Aber: Die SB-Wurst ist um 4 Prozent gestiegen, der Convenience-Bereich sogar um 12 Prozent. Und auch der Bereich Geflügelwurst hat um 7 Prozent zugelegt.

Deckt sich das mit Ihrer Entwicklung?
Die Verbraucher lehnen sich gerade in der Krise an starke und bekannte Marken an. Das sehen wir vor allem bei Gutfried, Zimbo und Böklunder. Die haben sich gut entwickelt und wachsen sehr dynamisch.

Gutfried wird dieses Jahr 50 Jahre alt.
Seit der Übernahme durch die ZMG ist Gutfried um 83 Prozent gewachsen. Im vergangenen Jahr allein um 28 Prozent. Das ist mehr als doppelt so stark wie der Markt.

Wie sieht Ihre weitere Investitionsstrategie in Deutschland aus?
Wir wollen Lebensmittel made in Germany produzieren. Hochwertige und nachhaltige Lebensmittel, deren Rohstoffe von deutschen Landwirten stammen, die wir verarbeiten und veredeln. Dafür richten wir unsere Werke aus, denn im europäischen Wettbewerb haben wir als deutsche Produzenten deutliche Nachteile.

Welche Rolle spielt der Bio-Bereich?
Hier ist richtig Schwung im Markt, den wir weiter vorantrieben. Wir sind schon heute Marktführer im Bio-Bereich und freuen uns, dass dieser Markt weiter wächst.

Sind die Verbraucher denn auch bereit, für Bio mehr zu zahlen?
Ja, wenn sie den Mehrwert sehen. Und wenn es nicht zu aufgesetzt wirkt. Die Verbraucher merken schnell, was glaubwürdig ist.

Man merkt, der Fleischbranche setzen demographische Veränderungen und geänderte Ernährungsgewohnheiten zu. Was denken Sie über die Zukunft?
Wir sehen eine Verschiebung in Richtung eines bewussten, anspruchsvollen Wurstkonsums. Diesem Trend tragen wir entsprechend Rechnung, indem wir wir mehr Produkte mit höherer Haltungsstufe und mehr Bio-Produkte produzieren. Wir wollen die Initiative Tierwohl weiter entwickeln und sehe in der Außenstallhaltung den Stall der Zukunft.

Sprich, Sie sind Befürworter des Borchert-Papiers?
Ja klar. Wir wollen mehr Tierwohl in der Haltung. Die Betonung liegt aber auf „noch mehr“. Ein Landwirt, der in Deutschland Tiere hält, tut dies nämlich schon heute auf der Grundlage von allerhöchsten Standards. In Deutschland werden europaweit, sogar weltweit Maßstäbe gesetzt. Aber es ist mehr möglich.

Der Verbraucher fordert das auch laut Umfragen. Allerdings zeigt sich an der Ladenkasse derzeit noch ein anderes Bild.
Mehr Tierwohl ist immer mit Mehrkosten verbunden. Doch die Verbraucher sind oft nicht bereit, diese mitzutragen. Sprich: Viele möchten nicht mehr Geld für höherwertige Produkte ausgeben, solange sie keinen persönlichen Vorteil für sich erkennen können. Hier besteht eine Diskrepanz zwischen angegebenem und realem Verhalten.

Sollten Fleisch und Wurst aus Ihrer Sicht also teurer werden?
Das ist doch schon Realität. Die Verbraucherpreise sind in den vergangenen Monaten erheblich gestiegen. Das ist angesichts der veränderten gesellschaftlichen Erwartungshaltung an die Kette unumgänglich.

Wie sieht für Sie die Tierhaltung der Zukunft aus?
Sie liegt vor allem in Deutschland. In unseren Familienbetrieben gibt es viele junge motivierte Landwirte, die ihre Höfe und die Tierhaltung weiterentwickeln wollen. Ich bin ein großer Fan von Offenhaltung. Ich glaube, dass wir den Verbraucher auch mitnehmen müssen. Wir müssen ihm zeigen, wie die Tiere leben.

Einige Verbraucher schwenken aber auf Fleischersatzprodukte um. Wie ist die ZMG hier aufgestellt?
Wir haben die Verbrauchermarken „Vevia“, „es schmeckt“ und „Gutfried veggie“ in den Geschäftsbereich Vevia 4 You GmbH & Co. KG eingebracht. Wir wollen dafür auch das in Böklund errichtete Werk für Veggie-Produkte stark erweitert. Die Herstellung von Veggie-Lebensmitteln ist für uns aber keine interne Konkurrenz zur Fleischproduktion, sondern eine ideale Ergänzung unseres Portfolios.

Das ist eine Kehrtwende….. Ihr Vater hat vor vier Jahren verkündet: „Ich glaube nicht an diesen Markt.“
Vater und Sohn müssen ja nicht immer dieselbe Meinung haben. Unsere Entwicklung überzeugt aber auch meinen Vater.

Wie denken Sie über In-Vitro?
Das ist ein spannendes Thema, an dem wir dran sind. Ich bin sehr gespannt, wie die weitere technische Entwicklung sein wird.

Aber Fleisch bleibt für Sie weiterhin das Kerngeschäft?
Ja, das ist unser Kerngeschäft. Aber wir sind schon heute Lebensmittelproduzent.

Wie wollen Sie trotzdem auf den Wandel reagieren?
Unser Ziel ist es, Deutschland als nachhaltigsten Standort für die Fleischproduktion auszubauen. Das haben wir so auch in unserer t30-Nachhaltigkeits-Agenda verankert. Produkte „Made in Germany“ haben schon jetzt international einen guten Ruf. Ich glaube, dass Deutschland mit seinen Strukturen den idealen Standort darstellt, um Fleisch nachhaltig zu produzieren.

Können Sie kurz auf die Agenda t30 eingehen?
Die Agenda t30 zeigt unsere Maßnahmen für die nächsten zehn Jahre. Also bewusst nicht irgendwann in der Zukunft, sondern zu einem greifbaren Zeitpunkt wollen wir der nachhaltigste Lebensmittelproduzent Europas sein. Das gilt für alle Bereiche der Kreislaufwirtschaft: Tierwohl, Emissionen, aber auch Verpackungen und vieles mehr.  

Fleisch und Wurst sollen also nicht nur umweltschonender hergestellt, sondern auch verpackt werden?
Genau. Ein großer Erfolg ist Flowpack – eine umweltschonende Frischfleischverpackung. Damit reduzieren wir Plastik bei der Verpackung von Hackfleisch um bis zu 70 Prozent und setzen eine zu 100 Prozent recycelfähige Folie ein. Das Konzept wollen wir auf weitere Produkte ausdehnen.

Was war Ihre Motivation für die neue Charta?
Wir sind ja ein junges Team. Viele haben Kinder, so wie ich auch. Wir stellen uns natürlich Fragen zur Zukunft: Es ist eine große Eigenmotivation, das nachhaltigste Produkt der Welt hier in Deutschland zu produzieren.

Sie sind seit 2014 Geschäftsführer der Zur Mühlen Gruppe. Wie fällt Ihr Fazit aus?
Ich habe vor sieben Jahren gemeinsam mit Axel Knau und einem tollen Team damit begonnen, die zur Mühlen Gruppe, weiterzuentwickeln. Wir haben vor allem die Digitalisierung und die Automatisierung vorangebracht. Wir haben verstärkt in Innovationen und Marken investiert. Damit haben wir die Gruppe breit aufgestellt. Und die Erfolge zahlen sich aus. Aber wir sind auch bei weitem noch nicht am Ende.

Wann war Ihnen klar, dass Sie bei Ihrem Vater in das Unternehmen einsteigen wollen?
Wenn man von Kindesbeinen mitgenommen wird und erlebt, wie sein Vater für das, was er tut, brennt, dann lassen sie sich auch dafür begeistern. Ich habe mich früh dafür interessiert und dann sind wir jeden Sonntag zusammen durch den Betrieb gegangen. Es war aber nie so, dass ich in irgendwelche Fußstapfen treten musste. Aber ich wollte es. Es macht Spaß, mit ihm zu arbeiten. Wir ergänzen uns gut, diskutieren aber auch mal kontrovers. Er ist nicht nur mein Vater, sondern auch ein super Kollege.

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