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Seit 1. Januar 2012 ist aufgrund einer EU-Richtlinie aus dem Jahr 1999 die Käfighaltung von Legehennen in der EU verboten. Zwölf Staaten (Belgien, Bulgarien, Italien, Frankreich, Griechenland, Ungarn, Litauen, Polen, Portugal, Rumänien, Spanien, Zypern) haben sich daran nicht gehalten. Derzeit leben von insgesamt ca. 330 Mio. Legehennen nach Schätzungen von Marktexperten noch zwischen 46 und 100 Mio. in den von der EU verbotenen Käfigen. Deren Eier dürfen seit Januar nur noch im eigenen Land vermarktet werden, weshalb auf dem EU-Markt bis zu einem Drittel der benötigten Ware fehlt. Verschärfend kommt hinzu, dass bis einschließlich Mai EU-weit der Legehennenbestand um 8 Prozent kleiner ist als 2011. Auf dem freien Markt sind Eier seit Jahresbeginn innerhalb weniger Wochen doppelt so teuer geworden. Betroffen sind vor allem Großhandel, Packstellen und die Industrie. Ein sächsischer Eiprodukte-Hersteller hat bereits Insolvenz angemeldet.
Wegen langfristiger Verträge, die die deutschen Handelsketten mit ihren Lieferanten abgeschlossen haben, werden die Eier für Endverbraucher im deutschen Einzelhandel noch nicht teurer oder knapp. Deshalb decken Großverbraucher wie Hotels und Restaurants derzeit ihren Eier-Bedarf im Supermarkt oder Discount. Sie kaufen dort um bis zu 50 Prozent billiger ein als im Eierhandel bzw. auf dem freien Markt. Im LEH gibt es 10 Eier schon für 1,09 Euro, in Tschechien kosten sie mehr als das Doppelte, in Bulgarien und Rumänien sind sie sogar noch teurer.
Weil Tschechen sich in grenznahen deutschen Märkten ganze Autos voll Eier geladen haben, wurde der Verkauf von Eiern in grenznahen Filialen von Netto und Kaufland bereits rationiert. Deutsche Händler wiederum haben laut der österreichischen Kronen-Zeitung in Österreich die Ställe von Ökobauern leergekauft. Ein deutsches Bio-Ei ist derzeit oft billiger als ein tschechisches konventionelles Ei. In Frankreich wurden im März wöchentlich 21 Mio. Eier zu wenig produziert, klagt der Eier-Verband Snipo, dem auch Brot- und Kuchenhersteller angehören. Grund: Höfe, auf denen trotz EU-Verbots noch immer Legehennen in Käfigen gehalten wurden, mussten zeitweise den Betrieb einstellen. Von Oktober bis Februar wurden Eier in Frankreich um 75 Prozent teurer.
Nun will die EU-Kommission die Verarbeitung der in diesen Staaten in Käfighaltung erzeugten Eier zu Eipulver zulassen. In Deutschland erfolgte der Ausstieg bereits zum 1. Januar 2010 – trotz Vorreiterrolle zählt Deutschland nun dank der aktuellen Lage inklusive aller Nachteile zu den „Verlierern“. 211 Eier (bzw. 12,8 kg) isst jeder Deutsche im Schnitt im Jahr, einschließlich Eiern in verarbeiteten Produkten. Die LEBENSMITTEL PRAXIS hat sich im Markt umgehört:
Bei Kathi in Halle gibt es nur wenige Produkte, für deren Herstellung Eiweiß- bzw. Volleipulver verwendet werden. In diesen Fällen ist man jedoch durchaus von der Verknappung der Eier und den Preissteigerungen betroffen.
„Ölz der Meisterbäcker hat 2009 zu 100 Prozent auf Eier aus Bodenhaltung umgestellt. Unser jährlicher Bedarf liegt bei ca. 30 Mio. Bodenhaltungseiern. Die Warenverfügbarkeit ist aktuell aufgrund unserer langjährigen partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit unseren Lieferanten noch gewährleistet, allerdings sind wir von massiven Preissteigerungen stark betroffen. Diese Kostensteigerungen machen eine Erhöhung unserer Abgabepreise leider unumgänglich.“
Bernhard Ölz, geschäftsführender Gesellschafter der Rudolf Ölz Meisterbäcker GmbH & Co KG
„Unsere Lieferantenverträge haben wir langfristig abgeschlossen, sodass wir die derzeitige Situation noch nicht negativ spüren. Eine Umstellung auf Ei-Ersatzstoffe oder Änderungen der Rezepturen ziehen wir nicht in Erwägung.“
André M. Steeg, Hauptabteilungsleiter Marketing Nährmittel, Dr. August Oetker Nahrungsmittel KG
Die deutsche Eierwirtschaft appelliert an den deutschen Lebensmittelhandel, umgehend die Kontraktbindung zu lockern und den Erzeugern einen „angemessenen und fairen Preis“ zu zahlen. „Die ruinöse Marktsituation muss so schnell wie möglich beendet werden“, fordert Dr. Thomas Janning, Geschäftsführer des Zentralverbandes der Deutschen Geflügelwirtschaft.
In den Lieken -Produktionsstätten wurde zum Jahresbeginn komplett auf Eier aus Bodenhaltung umgestellt. Die durch die Umstellung bedingten Mehrkosten tragen die Konsumenten der Produkte laut Unternehmensangaben bereitwillig. Das bestätige Lieken in seinem nachhaltigen Handeln.
„Momentan rechnen wir aufgrund der bestehenden Verträge mit Erzeugern nicht mit Versorgungsengpässen. Aber es ist davon auszugehen, dass im Jahresverlauf nachfragebedingt die Preise anziehen. Steinhaus hat bereits 2010 in der Produktion auf Bodenhaltungs- und Freilandeier umgestellt. Die Entscheidung zur Verwendung von Eiern aus alternativen Haltungsformen sehen wir nicht als rein werbliche Maßnahme, sie ist vielmehr unserem Anspruch nach hochwertigen Zutaten für qualitätsorientierte Frischeprodukte geschuldet.“
Oliver Frielingsdorf, Leitung Marketing, Steinhaus
„Wir haben Mitte 2011 komplett auf Eier aus Bodenhaltung umgestellt. Dahinter steht neben der Erfüllung des Verbraucherwunsches auch eine entsprechende Erwartungshaltung vieler Handelspartner: Zudem wollen wir die Komplexität in der Produktion nicht durch zwei unterschiedliche Rohstoffbasen zusätzlich erhöhen. Da sich aus unserer Sicht Eier aus Bodenhaltung, zumindest im Frischei-Segment, zum Marktstandard entwickelt haben, loben wir bei unseren Marken die eingesetzten Eier aus Bodenhaltung nicht explizit aus. Viele unserer Handelspartner weisen bei ihren Handelsmarken allerdings auf diese Rohware hin. Im Moment verfügen wir noch über laufende Kontrakte, die unsere Versorgung sicherstellen. Einzelne Produkte wie Eier-Salate, Eier-Aufstriche oder Kartoffelsalate mit hohen Ei-Anteilen werden natürlich auch für uns kalkulatorisch schwieriger zu bewerten. Ob ein Upgrading in Richtung „Freiland“ oder „Bio“ etwas bringt, ist fraglich. Unsere Erfahrungen mit Bio-Eiersalat beispielsweise zeigen, dass die Bereitschaft des Verbrauchers dafür mehr zu zahlen, schnell an Grenzen stößt.“
Oliver Krück, Marketing Manager, Kühlmann
Kuchenmeister teilt mit, man sei von der Eierverknappung und den dramatisch gestiegenen Beschaffungspreisen betroffen. Man suche im gesamten Produktionskreislauf nach Optimierungsmöglichkeiten, um die Folgen der Preissteigerungen abzumildern. Dennoch müsse man sich damit auseinandersetzen, dass die Produkte durch steigende Rohstoffpreise verteuert würden. Es sei unvermeidlich, die Preissteigerungen für Eier an die Kunden weiter zu geben.
