Salzige und herzhafte Snacks Nüsse im Proteinboom – wo Vollsortimenter noch Potenzial verschenken

Hintergrund

Nüsse kombinieren zwei wesentliche Verbraucherbedürfnisse: Snacken und Proteine. Was gerade Trend ist und wo der Vollsortimenter noch besser werden kann.

Mittwoch, 01. Juli 2026, 07:40 Uhr
Susanne Klopsch
Funktionale Mehrwerte stehen bei Verbrauchern hoch im Kurs. Nüsse und Nussmischungen liefern gleich mehrere. Bildquelle: Getty Images

Am Trendthema Protein kommt keiner vorbei. Da wird der einfache Naturjoghurt ­ausgelobt als Proteinspender mit wenig Fett. Der Pudding ist auf einmal nicht nur ein süßer Seelentröster, sondern ein mit Eiweißen angereicherter Snack, der einen zuverlässig aus dem nachmittäglichen Tief holt. Und dann sind da noch die Nüsse. Sie sind nicht erklärungsbedürftig. Sie liefern reichlich hochwertige, leicht verfügbare Proteine von Natur aus, ganz ohne Zusätze. Außerdem machen sie satt. Sie verdienen definitiv mehr Aufmerksamkeit. Auch vom Vollsortimenter. 

Die Attribute der Nüsse kommen bei Kunden durchaus an. Dies zeigen Zahlen von NielsenIQ. „Erdnüsse entwickeln sich im aktuell laufenden Jahr negativ, wohingegen Edelnüsse im Umsatz um 4,8 Prozent und im Volumen um 4 Prozent wachsen können“, sagt Senior Analyst Konstantin Lehr. Und er fügt hinzu: „Zusätzlich sind die Nuss-Frucht-Mischungen, etwa Studentenfutter, ein Wachstumstreiber.“

Das Wachstum schießt nun nicht in den Himmel. Aber: Der Proteintrend ist gekommen, um zu bleiben. Er gehört in den Kontext einer Planetary-Health-Diet, also einer pflanzenbasierten Ernährung, die die Ressourcen des Planeten schützt. Discounter wie Vollsortimenter richten ihre Sortimentspolitik daran aus. Bei den Kundengruppen sind es vor allem die Millennials und die Gen Z, bei denen mehr als jeder Zweite Wert auf eine protein­reiche Ernährung legt, genauer gesagt 54 beziehungsweise 54,4 Prozent. Gleichzeitig glauben 37 Prozent aller Käufer, dass sie nicht genug Proteine konsumieren. Bei der Gen Z sind es sogar 40,2 Prozent. Die Zahlen stammen aus der Numerator-Befragung „Proteinmarkt: Trends und Kaufverhalten“ von Januar 2026. Dazu wurden im Dezember 2025 mehr als 1.000 Käufer von Proteinprodukten (Riegel, Pulver) befragt.

Mehr als nur Proteinlieferant

Nüsse oder Studentenfutter als natürliche Proteinquellen fragte die Studie nicht ab. Aber sie sind alltagstaugliche, nicht erklärungsbedürftige, unkompliziert zu konsumierende proteinreiche Produkte. Und sie bedienen ein reales Shopperbedürfnis. Die Mintel-Analystin Hope Banks Petrikowski ordnet Nüsse beim Thema Proteine in einen größeren Zusammenhang ein: „Nüsse profitieren von der wachsenden Bedeutung von Protein – etwa im Kontext von Blutzuckermanagement und Sättigung – sowie vom steigenden Interesse an Ballaststoffen.“ Sie nennt Zahlen aus der Mintel-Marktforschung: „57 Prozent der Deutschen geben an, heute mehr ballaststoffreiche Lebensmittel und Getränke zu konsumieren als früher; nahezu die Hälfte, genauer gesagt 48 Prozent, hat die Ernährung gezielt angepasst, um Blutzuckerspitzen zu vermeiden.“

Lesen Sie hier das ganze Interview mit Hope Banks Petrikowski

Um auf Dauer Kunden nicht nur anzusprechen, sondern auch zu binden, braucht es aber Ideen und Konzepte, die Klassiker weiterdrehen. Es braucht Mut zu neuen Kombinationen, zu Aroma- und Texturwechseln, zu alltagstauglichen Verpackungen, um beim Shopper die Preisfrage durch ein „Habenwollen“ abzulösen. Schließlich reden wir von einer Impulskaufkategorie.

Die Antwort des NielsenIQ-Analysten Konstantin Lehr auf die Frage, in welchen Vertriebslinien diese Produkte wachsen, zeigt, dass beim Vollsortimenter eigentlich noch mehr gehen könnte: „Bei den Edelnüssen sind es die Discounter und die großen Verbrauchermärkte, die das Wachstum treiben. Beim Studentenfutter sind es Discounter und Drogeriemärkte.“ Vor allem Letztere haben sich im Kundenbewusstsein als starker Kanal für Lebensmittel etabliert, auch für salzige Nüsse. „Die Umsatz- und Absatzwachstumsraten sind besser als im Lebensmitteleinzelhandel, und auch die Sortimentsbreite der Nüsse hat sich immer weiter vergrößert.“ 

Edelnüsse sind Wachstumstreiber

Studentenfutter 3.0

Tim Jerg ist Marketingleiter bei Seeberger. Er sieht starkes Wachstum bei nussigen Mischungen und Produkten, „die Convenience und Healthy Snacking verbinden“. Nüsse und Kerne sind für ihn „natürliche, funktionale Snacks ohne viel Schnickschnack“. Einer der Klassiker der Ulmer ist Studentenfutter. Das Produkt laufe weiterhin sehr stark. Seeberger hat ihm aber einen neuen Auftritt verpasst: als Riegel. Im April launchte Seeberger Studentenfutter- sowie Schoko-Brezel-Meersalz- und Protein-Nussriegel. „Moderne Mixe und ­Snackable-Formate für unterwegs“ nennt Jerg diese Entwicklung. Der Protein-Nussriegel liefert reichlich pflanzliches Eiweiß mit Mandeln, Ca­shews, Sonnenblumenkernen und Kürbiskernen.

Aromen- und Texturwechsel – süß und salzig, knackig und fruchtig-weich – sind weitere Treiber der Entwicklung, die sich nicht immer im Snack-Regal abspielen muss. Denn der Riegel ist ja prädestiniert für die Kassenzone. „Unbedingt“, sagt Jerg, „aber wir denken weiter: Die wahre Stärke liegt in smarten Zweitplatzierungen, zum Beispiel im Umfeld von Nüssen, Trockenfrüchten oder ­‚Healthy Snacking‘.“ Überall dort also, wo die Zielgruppe nach neuen Snack-Alternativen suche.

Den Klassiker Studentenfutter gibt es weiterhin nur ungesalzen. Der Share Nuss-Mix Schoko & Meersalz sowie der Nuss-Riegel mit Schoko-Brezel-Meersalz-Mix spricht laut Jerg die Zielgruppen an, die Abwechslung suchen: „Wir holen Newcomer und Puristen ab.“

„Hochwertige Snackmomente“

Bei Koro zeigt die Studentenfutter-Variante Extra Klasse, wohin die Reise geht: Weinbeeren sind kombiniert mit Cashewkernen, Wal- und Paranüssen sowie Mandeln und Haselnüssen. Finanzvorstand Daniel Kundt spricht von „hochwertigeren Snackmomenten mit Mehrwert“, die der Kunde suche. Er meint damit mehr Crunch, mehr Würze, mehr Umami, mehr Ballaststoffe oder Protein. „Deshalb entwickeln wir neben klassischen Mischungen auch salzige, süß-salzige oder gewürzte Varianten. Etwa Nuss-Mix Smoke, süß-salzigen Nuss-Fruchtmix, Crunchy Erdnuss-Cashew-Mix Salted Caramel oder Cashews mit Würzung.“

Unter der Marke Maryland testete Kluth vergangenes Jahr das Studentenfutter süß & salzig. „Dieses Produkt kam bei den Verbrauchern gut an“, sagt Micha Kohn, Leiter Markenvertrieb. Es ist jetzt dauerhaft im Sortiment. Mit dem „Protein Mix“ der Range Fit Food hat Kluth laut Kohn einen starken Artikel im Portfolio, „das merken wir an der konstant positiven Entwicklung des Produkts“. Eiweiß liefern verschiedene Nusssorten sowie Soja-Chips. Seit April gehört der Protein Mix Cranberry zur Range: Als „Functional Snack“ (Kohn) kombiniert er geröstete und gesalzene Sojabohnen und Erdnüsse mit getrockneten und gezuckerten Cranberrys.

Einen neuen Auftritt verpasste Intersnack der Erdnussmarke Ültje mit „Ültje Swavy“. Das Konzept kombiniert süß und salzig. Und fällt im Regal auf mit seiner knalligen Verpackung. Intersnack-Vorstand Karl-Heinz Westing: „Das Produkt stieß im Handel auf reges Interesse, benötigt aber noch Zeit, um Bekanntheit und Käuferreichweite weiter auszubauen.“ Derzeit arbeiten die Kölner daher daran, die Marke noch emotionaler aufzuladen, inklusive Markenbotschafter.

Das Geschäft läuft in den Drogeriemärkten

Kürbiskerne aus der Lüneburger Heide

„Der Proteintrend sorgt dafür, dass Nüsse aus der klassischen Knabber-Ecke herauswachsen und ­Verbraucher sie als natürlichen Functional Snack wahrnehmen“, sagt Cornelia Ahrens. Sie ist Geschäftsführerin von Farmer’s Snack im norddeutschen Seevetal. Gefragt seien naturbelassene Produkte mit kurzer Zutatenliste ohne künstliche ­Zusätze sowie mit klarem Mehrwert für eine bewusste Ernährung. Dazu zählt sie Cashews, Mandeln, Kürbis- und Sonnenblumenkerne. „Ein ­starkes Beispiel sind unsere Kürbiskerne aus der Lüneburger Heide mit 37 Gramm Protein pro 100 Gramm“, sagt Ahrens. „Sie verbinden Regionalität, kurze Lieferwege und nachhaltiges Engagement mit den aktuellen Bedürfnissen der Konsumenten nach natürlichen proteinreichen Snacks.“

2025 launchten die Norddeutschen mehrere salzige Produkte, bei denen das Salz direkt in die Nuss gelangt. „In-Salt-Verfahren“ heißt das von Farmer’s Snack selbst entwickelte Prozedere. Der Vorteil: Salzige Finger nach dem Snacken sind ­passé. Ein großer Vorteil unterwegs. Und ein Alleinstellungsmerkmal, wie die Geschäftsführerin betont. Zudem verteile sich das Salz gleichmäßig, das sorge für ein ausgewogenes Geschmackserlebnis. Beim Verbraucher komme die Range gut an: „Genau solche relevanten Neuheiten sind auch für den Handel interessant, weil sie Differenzierung im Regal schaffen und Impulskäufe fördern.“

„Trendorientiert und alltagstauglich“

Insgesamt dürfe laut Ahrens in diesem Segment die Rolle von Social Media nicht unterschätzt werden: „Gute Produkte allein reichen heute nicht mehr aus, sie müssen sichtbar und trendorientiert sein und Teil des Alltags der Konsumenten werden.“ Alltagstaugliche Lösungen sind für sie größere ­Vorratsformate sowie wiederverschließbare Verpackungen mit hohem Convenience-Grad wie Becher.

Salzige Snacks „Die Kontaktstrecke verlängern“
Frank Blömer

Konsumenten sparen. Auch beim Griff zur Chipstüte: Der Absatz (in Kilogramm) stieg in den ersten vier Monaten des Jahres „nur“ um 2,9 Prozent – nach 10,6 Prozent in der Vorjahresperiode (Quelle: NielsenIQ). Dennoch hätten sich salzige Snacks im Vergleich zu Süß- und Schokoladenwaren zuletzt robuster entwickelt, sagt Intersnack-Vorstand Karl-Heinz Westing. Nicht nur er fordert daher mehr Platz für sie im Regal. Das hatte er im Gespräch mit der Lebensmittel Praxis schon vergangenes Jahr gefordert. Hat sich etwas verbessert? Es gebe erste vorsichtige Reaktionen, sagt er. „Laut Circana ist die Anzahl salziger Snackartikel je Geschäft gestiegen. Der Sortimentsanteil der Kategorie erhöhte sich im Süßwarenregal in den letzten zwölf Monaten bis März 2026 von 20 auf 21,4 Prozent.“ Dennoch sieht er „weiter Potenzial nach oben“.

Von punktuellen Entwicklungen spricht auch Frank Blömer, Commercial Director bei Lorenz Snacks. Aber: „Dem Kontaktstreckenanteil von 23 Prozent steht ein Umsatzanteil von 28 Prozent entgegen.“ Blömer sieht zudem noch Potenzial in der Flächenzuordnung, „insbesondere bei Zweitplatzierungen, saisonalen Inszenierungen und aufmerksamkeitsstarken Regalauftritten“. In wirtschaftlich herausfordernden Zeiten blieben salzige Snacks ein „erschwinglicher Genussmoment mit hoher Frequenz- und Impulskraft“.

Nüsse brauchen keine Zusätze, um Lebensmitteleinzelhändlern als natürlicher Proteinlieferant Differenzierung zu bieten. Sie bedienen sehr unterschiedliche Bedürfnisse der Verbraucher. Sie verdienen (noch) mehr Aufmerksamkeit.

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