Interview mit Laurent Sagarra „Wir schaffen ein Momentum“

Die Kaffeebranche ist von den Folgen des Klimawandels bedroht. Hinzu kommen neue politische Rahmenbedingungen wie das EU-Lieferkettengesetz. Wie JDE Peet’s als größtes reines Kaffee- und Teeunternehmen der Welt sich für die Zukunft des Kaffees einsetzen will und warum andere Unternehmen nachziehen sollten, erklärt Laurent Sagarra, Vice President Sustainability bei JDE Peet’s.

Mittwoch, 22. Mai 2024 - Sortimente
Theresa Kalmer
Artikelbild „Wir schaffen ein Momentum“
Bildquelle: JDE Peet's

Herr Sagarra, das Thema Nachhaltigkeit ist in Ihrem Unternehmen sehr präsent. Warum ist das so?
Laurent Sagarra:
Wir sind anders als die anderen Riesen auf dem Markt. Denn alles, was wir tun und sind, ist Kaffee und Tee - und nichts anderes. Wir sind seit über 300 Jahren im Geschäft und wollen es auch die nächsten 300 Jahre sein. Unser Unternehmen mit Marken wie Jacobs, Senseo und Tassimo kann nur bestehen, wenn wir uns der Nachhaltigkeit widmen. Wir wollen sicherstellen, dass Kaffee und damit unser Unternehmen auch in Zukunft weiter bestehen und wachsen kann.

Was genau tun Sie dafür – über den Branchenstandard hinaus?
Unser Nachhaltigkeitsengagement fassen wir unter dem „Common Grounds“ Programm zusammen. Es besteht aus drei Säulen: Die verantwortungsvolle Beschaffung, die Minimierung unseres ökologischen Fußabdrucks und soziales Engagement. Seit 2015 haben wir uns auf die Reise hin zu einer verantwortungsvollen Beschaffung begeben, mittlerweile haben wir über 60 Projekte weltweit und erreichen jedes Jahr mehr als eine Viertel Millionen Kaffee- und Teebauern.

Wie gewährleisten Sie verantwortungsvolles Sourcing?
Es gibt zwei Wege, verantwortungsvoll produzierten Kaffee zu beziehen. Entweder man wählt die Kaffeebauern aus, die bereits nachhaltig handeln, oder man wählt den schwierigeren und inklusiveren Weg und packt die noch bestehenden Probleme im Land an und unterstützt die Kaffeebauern, die Hilfe benötigen. Wir entwickeln den zweiten Weg immer weiter, um hilfsbedürftige Kaffeebauern zu unterstützen und investieren daher signifikant in die Ursprungsländer. Wir wollen die Herausforderungen vor Ort erkennen und verstehen, um Verbesserungen voranzutreiben. Dabei setzen wir auf Ansätze, die von der Global Coffee Platform anerkannt sind.

Für welche Herausforderung haben Sie konkret Lösungen gefunden?
Eine bedeutende Chance ist die Verbesserung der landwirtschaftlichen regenerativen Praktiken im Kaffeeanbau. Häufig haben die Bauern ein Stück Land von ihren Eltern geerbt, ohne jedoch eine Ausbildung im Kaffeeanbau zu erhalten. Dies führt zu erheblichen Unterschieden in der Ernteausbeute. Einige Kaffeebauern erzielen lediglich 100 Kilo Kaffee pro Hektar, andere ernten bis zu 4 Tonnen pro Hektar. Durch die Vermittlung von Kenntnissen und Techniken können wir erreichen, dass Bauern, die bisher nur 100 Kilo pro Hektar ernten, ihre Produktion auf 500 oder sogar 1.000 Kilo steigern. So verbessert sich die Einkommenssituation der Bauern erheblich und die Notwendigkeit zur Abholzung von Regenwaldflächen wird verringert.

Was sind die größten Hebel zur Minimierung Ihres CO2-Fußabdrucks?
Mit der zweiten Säule von Common Grounds begegnen wir allen Klimaherausforderungen. Dazu haben wir uns der Science Based Targets Initiative angeschlossen und streben bis 2050 eine Netto-Null-Emission an. Dabei reduzieren wir Treibhausgasemissionen in der gesamten Lieferkette. Für Scope 1 konzentrieren wir uns auf die Reduzierung unserer Energieverbräuche und die Dekarbonisierung unserer Betriebe. Bei Scope 2 setzen wir auf die weitere Nutzung erneuerbarer Energiequellen, zum Beispiel durch Solarpaneele auf unseren Kaffeewerken.. Für die Auswirkungen von Scope 3 gibt es eine Reihe von Hebeln. Da unsere Kaffee-Wertschöpfungskette 48 Prozent unseres Scope 3-Fußabdrucks ausmacht, ist es wesentlich, dass wir weiterhin in Projekte für verantwortungsvolle Beschaffung von Kaffee investieren. Damit fördern wir u.a. nachhaltige landwirtschaftliche Praktiken und den Einsatz regenerativer Landwirtschaft und Agroforstwirtschaft, um die Emissionen während der Rohkaffeeproduktion zu reduzieren. Im Rahmen unserer Verpackungsverpflichtungen suchen wir nach neuen Produktinnovationen und konzentrieren uns auf die Optimierung des Verpackungsdesigns, um den Materialverbrauch zu reduzieren.

Die Klimaherausforderungen treffen Ihre Branche besonders hart. Es wird immer heißer und große Flächen des Anbaugebietes von Kaffee sind aufgrund des Klimawandels in Gefahr. Neue resistente Arten und alternative Anbaumethoden werden benötigt. Wie gehen Sie das an?
Wenn es um den Aufbau von Widerstandsfähigkeit geht, arbeiten wir in verschiedenen Bereichen. Ein Bereich ist die Variationsvielfalt des Kaffeegenpools. Jedes Jahr erneuern die Bauern einen Teil ihrer Anbauflächen, und lange Zeit haben sie einfach die Samen der Pflanzen genommen, die sie schon hatten. Aber so kann man die Qualität nicht wirklich kontrollieren. Deshalb unterstützen wir zum Beispiel die World Coffee Research, um neue Kaffeesorten zu entwickeln, die widerstandsfähiger gegen Hitze und Krankheiten sein und bessere Erträge bringen sollen. Um sicherzustellen, dass diese neuen Sorten für alle Bauern zugänglich sind, finanzieren wir den Preisunterschied zu den herkömmlichen Sorten sowie die Vermehrung der Pflanzen. Denn wir sind überzeugt, dass Inklusivität der Schlüssel zum Erfolg ist. Durch Ausschluss einzelner Bauern lösen wir das Problem nicht.

Kommen wir zum politischen Part: Das EU-Lieferkettengesetz wurde kürzlich verabschiedet. Wie ist JDE Peet’s diesbezüglich aufgestellt?
Wir haben nicht auf den Beschluss des Gesetzes gewartet, da es lediglich unsere bereits bestehenden Bemühungen unterstützt. Denn auch hier greift unser Common Grounds Programm. Wir identifizieren potenzielle Risiken für Menschenrechtsverletzungen und arbeiten zusammen mit unseren Partnern in unserer Lieferkette aktiv daran, diese zu lösen. Auch hier ist eine dauerhafte Investition in einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess notwendig.

Können Sie uns ein Beispiel nennen, wo Sie bereits aktiv gegen Menschenrechtsverletzungen vorgehen?
Kinderarbeit ist in Honduras leider relativ weit verbreitet. Auch hier haben wir zwei Möglichkeiten: Wir können sagen, wir beziehen keinen Kaffee mehr aus Honduras, dann unterstützen wir auch keine Menschenrechtsverletzungen. Aber dann gibt es immer noch Kinder, die auf den Farmen arbeiten. Deshalb haben wir uns entschieden, mit einer NGO in Honduras zusammenzuarbeiten, um die Ursachen für diese Kinderarbeit zu ermitteln. In Honduras liegt ein Hauptproblem bei den Gastarbeitern, die während der Erntezeit auf die Kaffeeplantagen kommen und oft ihre Kinder mitbringen, da sie keine Betreuungsmöglichkeiten haben. In Zusammenarbeit mit World Vision, einer Organisation, die sich auf die Bekämpfung von Kinderarbeit spezialisiert hat, haben wir sogenannte „Child Care Centers“ aufgebaut. Dort können die Eltern ihre Kinder sicher abgeben, während sie arbeiten, und diese werden betreut und unterrichtet. Dieses Jahr gehen ungefähr 700 Kinder in unsere Schulen. Diese Initiative wird weiter ausgebaut, um noch mehr Unterstützung zu bieten.

Wird der bürokratische Aufwand für die Bauern durch das EU-Lieferkettengesetz größer, so dass Sie befürchten, die Partnerschaften könnten darunter leiden?
Nein, der bürokratische Aufwand für die Bauern ist nicht höher, weil wir letztlich alles selbst prüfen. Wir haben derzeit 70.000 Farmer, die von NGOs auditiert werden.

Die Branche warnt, durch die Entwaldungsfreie Lieferketten Verordnung gebe es bald keinen Kaffee mehr. Geben Sie Entwarnung?
Der Stopp der Regenwaldzerstörung steht schon lange auf unserer Agenda und auch hier hilft uns das neue Gesetz. Es ist stets eine Herausforderung, den optimalen Zeitpunkt für entsprechende Maßnahmen zu finden, und diese Verordnung hat diesen Zeitpunkt nun gesetzt. Obwohl es wieder einmal einfacher wäre, Kaffee von Bauern zu beziehen, die keinen Regenwald abholzen, entscheiden wir uns bewusst dafür, uns erneut den bestehenden Missständen zu widmen, um die Abholzung aktiv zu stoppen. Dies ist ein äußerst schwieriger Weg, und die Zeitvorgaben sind sehr kurz. Darüber hinaus stehen wir vor Herausforderungen in Bezug auf die zusätzlichen Anforderungen, die mit diesem Gesetz verbunden sind, wie z. B. die doppelte Sorgfaltspflicht auf mehreren Ebenen der Wertschöpfungskette.

Wie genau gehen Sie vor?
Als erstes haben wir kartiert, wo genau die Entwaldung stattfindet. Dazu haben wir mit der gemeinnützigen Organisation Enveritas zusammengearbeitet, um zu kartieren, wo genau Wälder zum definierten EU Stichtag existieren und wo heute Kaffee angebaut wird. Das haben wir dann übereinander gelegt, um zu sehen, wo die Entwaldung stattfindet. Als wir die Gebiete identifiziert hatten, gab es eine erste positive Überraschung: Im Vergleich zu anderen landwirtschaftlichen Aktivitäten ist der Kaffeeanbau in diesem Zusammenhang nur von geringer Bedeutung. Wir reden wirklich über eine sehr kleine Fläche, die von Entwaldung betroffen ist und jetzt arbeiten wir mit den Herkunftsländern zusammen, um sie zu retten.

Was bedeutet “sehr klein”?
In einem Land wie Brasilien zum Beispiel sind es nach Dezember 2020 weniger als 500 Kaffeeanbauflächen, was wirklich sehr wenig ist, wenn man bedenkt, dass es im ganzen Land mehr als 2 Millionen Anbauflächen für Kaffee gibt. Was wir jetzt von den Regierungen in den Anbauländern verlangen, ist, diese Flächen auf ihren Entwaldungsstatus hin zu überprüfen. Wir werden finanzielle Unterstützung für die Wiederherstellung illegal abgeholzter Kaffeeanbauflächen bereitstellen. Es ist eine herausfordernde Aufgabe, die Regierungen von der Dringlichkeit dieser Maßnahmen zu überzeugen, aber letztendlich lösen wir das Problem der Entwaldung nicht in Brüssel, sondern vor Ort in den Ursprungsländern.

Das klingt nach einem enormen Arbeitsaufwand. Wie wirkt sich das auf den Kaffeepreis für den Verbraucher aus?
Der Kaffeepreis für die Verbraucher wird von einer Vielzahl verschiedener Faktoren beeinflusst. In den vergangenen Jahren gab es eine beträchtliche Volatilität bei den Kaffeepreisen weltweit, bedingt durch diverse Parameter wie Erntemengen und Nachfrage. Es ist jedoch schwierig, den Einfluss allein aufgrund der Entwaldungsverordnung genau zu quantifizieren.

Bis 2025 wollen Sie nur noch nachhaltigen Kaffee produzieren. Wie nahe sind Sie diesem Ziel derzeit?
Im vergangenen Jahr haben wir weltweit 83,8 Prozent unseres Kaffees nachhaltig bezogen. Für Europa waren es sogar 97 Prozent. Seit Januar 2024 wird nun unser gesamter Kaffee in Europa nachhaltig beschafft. Wir streben an, das bis Ende 2025 auch weltweit zu erreichen. Aber das ist erst der Anfang unserer Reise. Das Wichtigste ist, in den Herkunftsländern weiter in die Projekte zu investieren, um den Wandel voranzutreiben und die Herausforderungen nachhaltig zu bekämpfen. Seit 2014 haben wir bereits mehr als 700.000 Farmer erreicht, aber bis Ende 2025 wollen wir eine Million erreichen.

Das Umsetzen dieser Ziele ist bestimmt nicht immer ganz einfach…
…Nein, aber wir haben eine gewisse Größe und können so zum Beispiel Partnerschaften mit den Regierungen der Länder vor Ort eingehen, mit NGOs zusammenarbeiten und haben auch die Unterstützung der europäischen Regierung. Für kleine Röstereien ist das eher schwierig. Es ist immer gut, Ziele zu haben - aber es ist noch besser, diese Ziele auch umzusetzen. Und darauf sind wir bei JDE Peet’s sehr stolz: Wir sind nicht hier, um zu blenden, wir sind hier, um einen Unterschied zu machen. Wenn wir sagen, wir tun etwas, dann tun wir es auch. Das macht uns auch ein bisschen besonders - diese Bereitschaft ist Teil unserer DNA.

Können Sie als Vorbild für andere Kaffeeunternehmen dienen?
Ja, wir hoffen, dass andere Unternehmen es uns gleichtun, und wir sehen bereits, dass größere Hersteller uns folgen - das ist großartig. Wir schaffen ein Momentum. Und es ist nicht einfach, denn immer, wenn man etwas anders macht, schauen die Leute genau hin. Wir haben uns für den herausfordernden Weg entschieden, aber wir glauben, dass es der Weg ist, der nachhaltig etwas verändern wird. Wir sind sehr stolz darauf, weil wir das Gefühl haben, das Richtige für die Zukunft des Kaffees und unseren Planeten zu tun.

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