Bioprodukte Ist "Bio" grundsätzlich nachhaltiger?

Mit Ökobilanzen untersuchen Wissenschaftler, welche Wirkungen einzelne Produkte auf die Umwelt haben. Sind sie auch hilfreich für die Kunden, die möglichst nachhaltig einkaufen möchten?

Dienstag, 27. September 2022 - Sortimente
Silke Wartenberg
Artikelbild Ist "Bio" grundsätzlich nachhaltiger?
Bildquelle: Ifeu-Institut

Sind Bioprodukte grundsätzlich nachhaltiger als konventionell erzeugte Lebensmittel? Diese Frage ist komplexer, als es auf den ersten Blick scheint. Die Antwort könnte in etwa lauten: Bioprodukte können einen etwas größeren oder kleineren Fußabdruck aufweisen als konventionell erzeugte Lebensmittel. Für eine abschließende Bewertung ist dies jedoch nicht relevant. „Ökobilanzen bewerten mehr als nur Treibhausgasemissionen“, erklärt Benedikt Kauertz vom Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg (ifeu) gegenüber der LP. Laut Aussage der ifeu-Experten haben Bioprodukte auch bei einem größeren CO2-Fußabdruck tendenziell ökologische Vorteile, unter anderem durch einen geringeren Pestizideinsatz und höhere Naturschutzleistungen.

Fragestellung ist komplex
Grundsätzlich kommt es bei der Bewertung der Nachhaltigkeit eines Produktes nicht nur auf die Rohstoffe, Zusatz- und Füllstoffe sowie das Produkt selbst an, sondern auch auf die Verpackung, den Herstellungsprozess und die Frage, wie es in den Groß- und Einzelhandel und zuletzt sogar vom Kunden nach Hause transportiert wird.

Wissenschaftlich heißt es: Ökobilanzen sind ein Instrument zur Identifikation und Bemessung von Umweltwirkungen, die mit Ressourcenverbräuchen und Emissionen einhergehen. „Grundsätzlich können wir mit dem Instrument Optimierungsbemühungen in einem Produkt oder einer Dienstleistung hinsichtlich ihrer Umweltauswirkungen bewerten“, so Kauertz. „Sie liefern mögliche Maßnahmenoptionen darüber, wie ein Produkt, der Herstellungsprozess, die Verpackung oder der Transport verändert werden können, um weniger negative Auswirkungen auf die Umwelt zu haben. In einem Fall kann dies bedeuten, dass weniger Material oder Rohstoff benötigt wird, in einem anderen Fall, dass der Energieverbrauch bei der Produktion signifikant gesenkt werden kann.“

Beispiel: Verpackung
Eine ökobilanzielle Bewertung für eine Verpackung berücksichtigt nicht nur die Wahl und das Gewicht des Materials, sondern auch die Entsorgungswege und die Transporte, erklärt Kauertz. Will man also eine Kunststoff- mit einer Papierverpackung hinsichtlich ihrer Umweltverträglichkeit vergleichen, werden zunächst folgende Fragen beantwortet: Nutzt der Verpackungsmittelhersteller primäre oder sekundäre Rohstoffe? Findet eine werkstoffliche Verwertung statt? Was genau wird verglichen? rPET und primäres Papier oder Recyclingpappe und primärer Kunststoff?

Beispiel: Waschmittel
Flüssigwaschmittel oder Pulver? Womit ich umweltfreundlicher wasche, haben wir den Umweltexperten gefragt. „Pulverförmige Waschmittel haben den Vorteil, dass wir kein Wasser verpacken und transportieren müssen und somit zum einen eine bessere Transporteffizienz, bezogen auf die reine Anzahl an Waschmaschinenladungen, erreichen und zum anderen bei der Verpackung nur auf einen Feuchtigkeitsschutz achten müssen, aber keine Flüssigkeitsstabilität brauchen. Daher können hier auch faserbasierte Verpackungen zum Einsatz kommen. Wenn es aber ein flüssiges Waschmittel sein soll – da wir ja nicht alle Anwendungsbereiche mit Pulver bedienen können –, gilt hier wieder das Prinzip der Verpackungsreduktion. Die erreichen wir entweder über stationäre Abfüllstationen im Handel mit individuellen Mehrwegnachfüllflaschen – das wird derzeit als Unverpackt-Lösung bezeichnet – oder eben mit materialreduzierten flexiblen Verpackungen, die im Idealfall auch noch zu 100 Prozent recyclingfähig sind und auch durch die Konsumentinnen und Konsumenten einer werkstofflichen Verwertung zugeführt werden.“

Die Qual der Wahl
„Ökobilanzen sind komplexe wissenschaftliche Studien, die grundsätzlich immer nur kontextspezifische Ergebnisse beinhalten. Es ist derzeit kaum möglich, allen Verbraucherinnen und Verbrauchern in ihren individuellen Konsumsituationen ökobilanziell basierte Entscheidungshilfen mit auf den Weg zu geben“, sagt Benedikt Kauertz. „Selbst eine simple Heuristik, die über alle Produkte hinweg passt, können wir aufgrund der völlig unterschiedlichen Rahmenbedingungen kaum ableiten. Selbst einfache Empfehlungen wie Regionalität und möglichst geringe Verpackung brauchen immer auch die Einschränkung, dass sie nicht zulasten des Produktschutzes gehen dürfen.“

Insbesondere bei Lebensmitteln sei der Umweltfußabdruck des Produktes oft deutlich größer als der Umweltfußabdruck der Verpackung, so der Wissenschaftler.

Beitrag nachhaltiger Ernährung
Es ist nicht immer leicht, die nachhaltigsten Lebensmittel beim Einkauf zu finden. Aber wer seinen Fleisch- und Milchanteil auf dem Speiseplan reduziert, kann laut ifeu einen wichtigen Beitrag zu einer Ernährungswende leisten. Wurst und Fleisch haben eine sehr viel schlechtere Klimabilanz als zum Beispiel proteinhaltige Hülsenfrüchte und Nüsse. Dies gelte insbesondere für Rindfleisch, Lamm- und Wildfleisch aus Gatterhaltung, denn sie haben aus Klimaschutzsicht im Vergleich zu anderen Fleischsorten besonders viele Nachteile. Sinnvoll sind außerdem der Konsum von regionalen und saisonalen Lebensmitteln sowie die Vermeidung von Flugware. Und: Erledigen Sie Ihren Einkauf zu Fuß oder mit dem Fahrrad, alternativ mit dem Auto ohne große Umwege.

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