Fischsiegel Für kritische Kunden

Nachhaltiger Fischkonsum – ist das möglich? Welche Ansprüche haben die Kunden, und wie reagiert der Handel? Fest steht: Der Dschungel an Zertifizierungen macht es den Beteiligten nicht immer leicht.

Dienstag, 27. September 2022 - Sortimente
Markus Heine und Silke Wartenberg
Artikelbild Für kritische Kunden
Bildquelle: Peter Eilers

Die jüngsten Zahlen des Marktforschungsunternehmens Mintel sprechen eine deutliche Sprache: 39 Prozent der deutschen Konsumenten von Fisch und Meeresfrüchten wünschen sich ein größeres Angebot von nachhaltigen Erzeugnissen. Dies ist das Ergebnis einer Umfrage unter mehr als 3.000 Internet-Usern, die Fisch essen beziehungsweise kaufen. Demnach haben 38 Prozent der Befragten ihren Fischverzehr aus Nachhaltigkeitsgründen eingeschränkt, unter den 25- bis 34-Jährigen sind es mit 56 Prozent mehr als jeder Zweite. 55 Prozent sagen, dass es kaum möglich ist, zu erkennen, welche Fische und Meeresfrüchte nachhaltig sind.

Das Angebot steigt
Die Anbieter von nachhaltigem Fisch reagieren entsprechend. „Wir wissen, dass gerade bei Fischprodukten die Verbraucher sehr genau darauf achten, ob ein Fischartikel eine Zertifizierung hat oder nicht“, sagt Alexander Schmidt, Bereichsleiter Vertrieb und Produktentwicklung beim Unternehmen Followfood, gegenüber der LP. „Bei unserem Bio-Lachs und dem Naturland-Garnelen-Sortiment ist trotz der Preissensibilität am Markt eine gleichbleibende Nachfrage zu verzeichnen. Obwohl bei anderen Artikeln, aufgrund der momentanen Situation und des Kostendrucks für private Haushalte, ein Trend zum Preiseinstieg zu beobachten ist.“ Dies würde für das Bewusstsein der Kundschaft sprechen, besonders beim Fisch auf eine möglichst nachhaltige Zucht zu achten.

Auch Ökofrost, Hersteller von Bio-Fisch und Wildfisch unter den drei Marken Biopolar, Biocool und Wildzeit, berichtet von einer wachsenden Nachfrage nach Bio-Fisch. „In den letzten Jahren gab es eher einen Engpass auf der Anbieter- als auf der Nachfrageseite, weil immer weniger Bio-Fischarten im deutschen Markt verfügbar waren“, so Pressesprecherin Annette Mörler. Daraufhin sei das Angebot von nachhaltig gefangenem Wildfisch gestiegen.

Nach wie vor greifen die Deutschen am liebsten nach Lachs und Seelachs. Das ist auch im nachhaltigen Wildfang- und Bio-Bereich so, erklärt Mörler. „Die Konsumenten achten vermehrt auf eine zusätzliche Nachhaltigkeits-Zertifizierung neben dem EU-Bio-Standard, wie sie beispielsweise Naturland sowohl für Bio-Aquakultur als auch für Wildfisch anbietet.“

Und auch bei Followfood geht es bei diesem sensiblen Produkt vor allem um eine nachhaltige Fischzucht. „Es gibt viele sehr informierte Verbraucherinnen und Verbraucher, die sich der Vor- und Nachteile von Wildfisch und Aquakultur sehr bewusst sind“, sagt Alexander Schmidt. „Bio-Siegel genießen dank ihrer klaren Richtlinien und ihrer Bekanntheit ein hohes Vertrauen bei Verbraucherinnen und Verbrauchern, vor allem das Naturland-Siegel. Fischspezifische Siegel wie MSC und ASC sind weniger bekannt, jedoch mittlerweile stark verbreitet, was teilweise in Verbindung mit der negativen Presse in den letzten Jahren zu Misstrauen führt.“

Für Followfood ist die Arbeit des MSC essenziell, da die Mehrheit der Fischprodukte des Unternehmens aus Wildfang stammt. „Alle unsere Fisch-Lieferanten und die damit verbundenen Fischereien müssen unsere strengen Followfood-Fischereirichtlinien erfüllen. Anhand des MSC-Berichts wird geprüft, ob sie die zusätzlichen Kriterien zu Selektivität, Bestand, Beifang, Interaktion des Fanggeräts und soziale Kriterien einhalten. Bei Aquakultur achten wir auf die Bio- beziehungsweise Naturland-Zertifizierung. Für unsere Black-Tiger-Garnelen kommen zusätzlich nur No-Input-Systeme für uns infrage, bei denen kein zusätzliches Futtermittel zum Einsatz kommt und damit der größte Emissionstreiber wegfällt.“

Oftmals werde mit Regionalität ein geringer CO2-Fußabdruck verbunden. Dies sei aber keineswegs ausschlaggebend für die Klimafreundlichkeit eines Fischproduktes. Maßgeblich sei die Fangmethode bei Wildfisch und die Fütterung bei Aquakulturen. „Ein nordischer Kabeljau, gefangen mit einem Grundschleppnetz, ist beispielsweise emissionsintensiver als ein mit Hand geangelter Thunfisch aus den Malediven, obwohl dieser den längeren Transportweg hat“, sagt Schmidt.

Der Handel ist gut aufgestellt
Kein Handelsunternehmen kommt heute mehr ohne das Thema Nachhaltigkeit aus. So setzen Rewe, Edeka, Lidl, Aldi, Globus & Co bei ihren frischen oder TK-Fischsortimenten längst auf zertifizierte Ware – vornehmlich nach ASC-, MSC- oder GGN-Standard.

So sind alle Eigenmarken-Produkte im Festsortiment von Lidl mit diesen Siegeln zertifiziert. Bei Aldi Süd stammen über 97 Prozent des Sortiments an Fisch und Meeresfrüchten aus nachhaltigem Fang, zertifiziert nach MSC, ASC oder GGN. „Und wir arbeiten daran, den Anteil weiter zu erhöhen“, betont eine Sprecherin von Aldi Süd. Bei Aldi Nord erfüllen aktuell etwa 84 Prozent der Fischartikel genannte Standards oder sind mit dem EU-Bio-Logo zertifiziert.

Die Rewe Group hat eine eigene Leitlinie, die für das Fisch-Sortiment und die Eigenmarkenprodukte verbindliche Rahmenbedingungen vorgibt. Fisch mit den Siegeln ASC oder MSC ist die bevorzugte Ware: „Die Rewe Group will aktiv zur Verringerung und Beseitigung negativer Auswirkungen in der Lieferkette von Fisch und Meeresfrüchten beitragen“, so Pressesprecher Thomas Bonrath. So wolle man für die Eigenmarken von Rewe und Penny folgende Ziele erreichen: 100 Prozent zertifizierte Eigenmarken-Fischprodukte in den Bereichen Tiefkühlung, Convenience, Frische und Konserve in Deutschland nach MSC, GGN, ASC oder Bio-Zertifizierung, sofern verfügbar. Alle Fisch-Monoartikel sollen langfristig über Tracking-Codes auf den Verpackungen verfügen, die Informationen zur Herkunft und Weiterverarbeitung des Fischs liefern. „Anhand interner Erhebungen und Bewertungen erfolgen Vorgaben für den Einkauf, aus welchen Regionen welche Fischarten nicht bezogen werden dürfen.“

Fischsiegel im Überblick

MSC: Das Marine Stewardship Council (MSC) zertifiziert seit 1997 ausschließlich Wildfisch von nachhaltig fischenden Betrieben. Die Kriterien: Der Fischbestand darf nicht überfischt und das Meeresökosystem nicht beschädigt werden, zudem muss ein gutes Nachhaltigkeitsmanagement bestehen.

ASC: 2010 gegründet, zertifiziert das Aquaculture Stewardship Council (ASC) Fisch und Meeresfrüchte aus Aquakulturen. Es werden Umweltstandards hinsichtlich Wasserqualität, Fischdichte und Futter festgelegt, aber auch soziale Aspekte wie Arbeitsbedingungen.

GGN: Zertifizierung für nachhaltige Aquakulturen. Die Standards von Global G.A.P. (G.A.P. = Good Agricultural Practice) decken seit 1997 die komplette Produktionskette ab und umfassen sowohl Tier- und Umweltschutz als auch Soziales und Lebensmittelsicherheit.

Naturland: Der Verband für ökologischen Landbau und artgerechte Tierhaltung vergibt zwei Siegel – eines für Wildfische, eines für Aquakulturen. Die Zertifizierungen sind ganzheitlich und umfassen auch soziale Standards auf allen Ebenen der Wertschöpfungskette.

EU-Biosiegel: Seit 2010 verpflichtend, werden mit dem EU-Bio-Logo gemäß EU-Recht hergestellte biologische Lebensmittel gekennzeichnet, so auch Fischprodukte aus Aquakultur, keine Wildfänge. Das Siegel garantiert eine artgerechte Haltung und begrenzte Verwendung von Lebensmittelzusatzstoffen.

Der Absatzanteil von zertifiziertem Fisch ist inzwischen auch bei Globus deutlich gestiegen. „Unsere Schwerpunkte liegen an der Fischtheke vorrangig bei den Siegeln von MSC, GGN und Bio. Im SB-Bereich Fischfeinkost kommt auch vermehrt ASC zum Tragen“, so Rafael Topolski, der Sortimentsmanager für die Fisch-theke und Fischfeinkost, Globus Markthallen.

Bei den Eigenmarken lege man ebenfalls großen Wert auf nachhaltig zertifizierten Fisch. „Wir beobachten, dass Nachhaltigkeit und Herkunft der Ware als Einkaufsargument zunehmend an Bedeutung gewinnen und hierbei auch eine qualitative Fachberatung an unseren Theken immer wichtiger wird. Darüber hinaus gibt es saisonale Highlights im Sortiment und den Convenience-Aspekt, der nach wie vor sehr wichtig ist“, so Topolski.

No-Go – Finger weg von ...

Schillerlocke und Seeaal, da es sich dabei um die enthäuteten und geräucherten Bauchlappen und Rückenteile des Dornhais handelt. Der Bestand an Dornhaien im Nordostatlantik gilt als zusammengebrochen.

Europäischen Aalen, die sich nur einmal im Leben fortpflanzen, danach sterben die Elterntiere. Das heißt, jeder Aal, der dem Bestand entnommen wird, reduziert den zukünftigen Bestand. Die Weltnaturschutzorganisation IUCN listet den Aal als vom Aussterben bedroht, auch wenn es bisher kein gesetzliches Aalfangverbot gibt.

den Beständen des südatlantischen und nordpazifischen Blauflossenthuns. Sie sind stark überfischt und können sich nur erholen, wenn sie geschont werden. Die Bestandslage für den Roten Thun ist unbekannt (Quelle: Nabu).

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