Bio Bio-Selbstversorger

Die Nachfrage nach Bio wächst, auch in Verbindung mit dem Trend zu regionalen Produkten. Hersteller werden aktiver in der Gewinnung neuer Landwirte und Partner für die ökologische Produktion.

Freitag, 12. Februar 2021 - Sortimente
Bettina Röttig
Artikelbild Bio-Selbstversorger
Bildquelle: Santiago Engelhardt

Es gibt auch positive Effekte in der Pandemie. Das Wachstum des Bio-Marktes ist einer davon. Deutschlandweit griffen Verbraucher im vergangenen Jahr vermehrt zu Lebensmitteln aus ökologischer Erzeugung. So konnte Händler Tegut zum Beispiel den Umsatzanteil des Bio-Sortiments in den eigenen Supermärkten auf durchschnittlich 30 Prozent steigern. Insgesamt wird der Umsatz mit Bio-Lebensmitteln in 2020 Schätzungen zufolge bei über 14 Milliarden Euro gelegen haben. Das wäre ein Plus von 17 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Besonderes Potenzial bietet mehr denn je die Kombination Bio-regional. Laut Ökobarometer 2020 ist Regionalität einer der wichtigsten Kaufgründe für Bio. Dies konnte auch die Bio Company anhand einer Kundenumfrage bestätigen. Der Aspekt „Transparente Lieferketten und Wissen, wo die Lebensmittel herkommen“ ist den Berliner Kunden in Zeiten der Pandemie wichtiger geworden. Der Bio-Händler reagierte und startete Ende 2020 die Kampagne „Je näher, desto besser“.

Auch Hersteller profitieren von der Kombination Bio-regional und heben den Aspekt in der Vermarktung hervor. „Durch die Corona-Zeit war Regionalität für die Bohlsener Mühle überlebenswichtig“, erklärt Mathias Kollmann, Geschäftsführer des Unternehmens. In den vergangenen rund 40 Jahren hat das Unternehmen ein Netzwerk heimischer Bio-Landwirte aufgebaut. Dies gewährleistete sichere Warenströme. Allein 95 Prozent der verwendeten heimischen Getreidesorten stammen aus Deutschland, 48 Prozent aus einem Umkreis von unter 200 Kilometern um den Unternehmensstandort. „In der ersten Welle haben wir rund 30 Prozent mehr Umsatz gemacht, entsprechend mehr Rohwaren brauchten wir“, erinnert sich Kollmann. Eine „exorbitant“ hohe Nachfrage verzeichnete das Unternehmen bei Mehlen. Unterm Strich erwirtschaftete die Bohlsener Mühle 2020 rund 58 Millionen Euro – neun Millionen Euro mehr als im Vorjahr.

Der Fokus auf Regionalität eröffnet neue Chancen. Wie groß das Interesse der Verbraucher an der Herkunft der Zutaten und den Landwirten ist, das lernte der Bio-Hersteller seit Eröffnung des eigenen Mühlen-Ladens im Herbst 2020. „Wir werden in Zukunft auch im Marketing mehr über unsere heimischen Lieferanten sprechen“, so Kollmann. Auch will das Unternehmen weiterhin aktiv neue Landwirte in der Umgebung für die Umstellung auf Bio gewinnen – Voraussetzung dafür, die steigende Nachfrage decken zu können. Wachsen will die Bohlsener Mühle auch im konventionellen Lebensmitteleinzelhandel, dem sich die Marke 2020 geöffnet hat. Insbesondere selbstständige Kaufleute mit hoher Bio-Affinität zählen zur Zielgruppe.

Dass Corona das Bewusstsein für Bio-Anbau und Nachhaltigkeitsaspekte geschärft hat, das meinen auch die Gründer von Emils, Jens Wages und Michael Wiese. Die Nachfrage nach den Dressings, veganen Mayos und Co., positioniert als komplett frei von Zusatzstoffen und Kristallzucker sowie zum Großteil vegan, wächst seit Jahren im hohen zweistelligen Prozentbereich. Der Corona-Effekt sorgte nach Schätzung von Wiese noch einmal für zusätzliche 10 Prozent plus – „und das, obwohl die zwei Hauptsaisons für unsere Produkte, die Spargelzeit sowie die Grillsaison, die von Zusammenkünften mit Gästen lebt, im Grunde ausgefallen sind“, ergänzt er. Die Engpass-Verwaltung war für die Manager im Pandemie-Jahr eine Herausforderung. Eine zusätzliche haben sich die Freiburger mit einem neuen Regionalitätskonzept gesetzt, mit dem sie im Handel offene Türen einrannten: Zwei Sorten Emils Baden-Württemberg Vinaigrettes (Honig-Senf und Kräuter) stehen nun in den Regalen. Alle Zutaten und Herstellungsprozesse, von der Sonnenblumensaat bis zur Ölpresse, vom Weißwein bis zum Essig, vom Senf bis zu den Kräutern sind als „Bio Baden-Württemberg“ zertifiziert. Weil es all diese Produkte vorher gar nicht zu 100 Prozent in Bio-Qualität aus Baden-Württemberg gab, haben Wiese und Wages für diese selbst Landwirte und Hersteller gesucht, zum Mitmachen überredet und bei zusätzlichen Zertifizierungen unterstützt. „Wir sind die ersten, die das geschafft und zertifiziert haben. Dieser Kraftakt war eine Investition in unsere Zukunft“, sagt Wages. Ein ganzes Jahr dauerte dieser Prozess, um ausreichende Mengen und Qualitäten sichern zu können. Mit einem besonderen Regionalitätsfaktor vermarktet Emils auch seine Senfe. Per MHD-Drucker wird auf jedes Glas aufgedruckt, aus welchem Betrieb und welcher Region die Senfsaat stammt. In Hannover beispielsweise ist aktuell mittelscharfer Emils-Senf „mit Senfsaaten vom Gut Ölbergen“ aus Auetal erhältlich.

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