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Heißgetränke Mit offenen Karten

Elena Kuss | 26. April 2020
Heißgetränke: Mit offenen Karten
Bildquelle: Henrik Matzen

Das Coronavirus hat deutlich gemacht, wie engmaschig die Welt miteinander verbunden ist. Werden mehr Konsumenten zukünftig wissen wollen, woher ihre Lebensmittel kommen?

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Lidl Deutschland veröffentlichte als einer der ersten Lebensmittelhändler weltweit eine Liste der Hauptlieferanten für sein Eigenmarkensortiment. Für diese Entscheidung nennt das Unternehmen zwei Gründe. Erstens: Der Kunde wolle mehr über die Herkunft der Produkte wissen. Zweitens: Eine transparente Lieferkette stellt auch die Partner unter Beobachtung der Öffentlichkeit. Jan Bock, Geschäftsleiter Einkauf von Lidl Deutschland, erklärt: „Um zu wissen, wo und wie unsere Produkte hergestellt werden, ist es wichtig, unsere Geschäftspartner bestmöglich zu kennen.“

Konsumenten interessieren sich für Anbau, Arbeitsbedingungen oder auch den Transport. Volker Meyer-Lücke, Leiter Rohkaffee Einkauf Alois Dallmayr Kaffee OHG, beobachtet diesen Trend schon länger: „Die Menschen sind experimentierfreudiger geworden und hinterfragen gleichzeitig auch die Herkunft der Bohnen. Eine schöne Entwicklung, die Dallmayr mit Freude wahrnimmt.“ Lydia Galliet, Marketing-Managerin bei Emmi Caffè Latte ergänzt: „Dieser Trend betrifft aber nicht nur Kaffee, sondern einen Großteil der Lebensmittel.“ Emmi kommuniziert auf den Bechern und Online die Ursprungsländer der Kaffeebohnen. Die Röstmeister reisen persönlich zu den Lieferanten und machen sich vor Ort ein Bild zur Qualität und den Produktionsgegebenheiten.

Außerdem: 71 Prozent der Deutschen geben an, dass detaillierte Informationen über die Nachhaltigkeit eines Produkts die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass sie es kaufen. So das Ergebnis einer Inriver-Studie. Aber sind sie auch bereit mehr auszugeben? Annemarie Leniger, Geschäftsführerin der ostfriesischen Teegesellschaft beobachtet: „Wir sehen, dass die Verbraucher bereit sind, mehr zu bezahlen, wenn sie einen Nutzen für sich sehen.“ Bio sei dafür ein gutes Beispiel. Nach Angaben des Bundes für Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) stieg der Umsatz des Lebensmittelhandels mit Biolebensmitteln und Getränken im vergangenen Jahr um 11,4 Prozent auf mehr als sieben Milliarden Euro. Bio boom! Anders sehe es mit Zertifizierungen wie UTZ aus, die sich eher mit sozialen Standards auseinandersetzen, sagt die Geschäftsführerin der OTG. Hier sei die Zahlungsbereitschaft kleiner. Trotzdem ist die OTG-Marke Meßmer zu 100 Prozent UTZ-zertifiziert. „Wir sehen es in unserer Verantwortung, einen Beitrag zur Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen im Teeanbau zu leisten. Und wir sehen es als Investition in die Zukunft“, sagt Leniger.

Durch den Zusammenschluss von UTZ und Rainforest Alliance will sich die Zertifizierung neu aufstellen. Herzstück könnte die Rückverfolgbarkeitsplattform Multitrace werden. Sie soll eine bessere Zusammenarbeit zwischen Rainforest Alliance und Zertifizierungsstellen, Landwirten und Unternehmen ermöglichen, um eine gesteigerte Datenqualität, Zugänglichkeit und Transparenz zu gewährleisten. Das System ersetzt das Good inside Portal und ist bereits für Unternehmen verfügbar, die UTZ-zertifizierten Kaffee und Haselnüsse beziehen. Jeder Verkauf und Kauf UTZ-zertifizierter Produkte wird über die komplette Lieferkette vom Farmer bis zum Hersteller oder Großhändler registriert. Das gleiche Online-System wird auch dafür genutzt, sicherzustellen, dass das UTZ-Label nur auf Verpackungen der Unternehmen verwendet wird, die UTZ-zertifizierte Rohstoffe einsetzen. Manche Hersteller wie das Schweitzer Unternehmen Delicia nutzen die Plattform auch, um die Herkunft eines Produktes für den Verbraucher transparent zu machen. Für die Rückverfolgung des Kaffees von Café Royal muss der Kunde lediglich EAN und L-Nummer von der Verpackung in eine Maske auf der Website eingeben. Delica sieht Potenzial: „Wir denken, dass das Interesse der Verbraucher steigen wird und das Angebot in Zukunft vermehrt genutzt wird. Für uns als Hersteller ist es wichtig zu zeigen, dass wir in unseren Produktionsländern etwas bewirken. Es ist ein Qualitätssiegel für unseren Rohkaffee und die Arbeitsbedingungen unserer Lieferanten und Partner.”

Unternehmen, die nicht unbedingt auf eine Zertifizierung setzen wollen, können die Vorteile einer transparenten Lieferkette mit der App Thank My Farmer nutzen. Fabian Portmann, CTO von Farmer Connect, erklärt: „Wir wollen Kaffee, der oft aus einem ganz anderen Teil der Erde kommt, humanisieren. Auf eine sichere und zuverlässige Art zeigen, woher der Kaffee kommt und wer dahintersteht.“ Durch einen QR-Code auf der Packung erfahren die Verbraucher, welche Bauern die Bohnen für das Produkt angebaut haben, das sie gerade in der Hand halten. Und obendrauf werden Nachhaltigkeitsprojekte in der Anbauregion angezeigt, die der Kaffeetrinker unterstützen kann – ein Mehrwert, direkt am Regal.

Jacobs Douwe Egberts (JDE) ergänzt mit Farmer Connect sein Nachhaltigkeitsprogramm Common Grounds, „indem es Konsumenten ermöglicht, sich bei den Bauern zu bedanken, die ihren Kaffee anbauen“. Weiter heißt es: „Wir freuen uns, an diesem Pilotprojekt teilzunehmen und sind entschlossen, Kaffeekonsumenten und Kaffeebauern besser miteinander zu verbinden.“

Thank My Farmer geht, um den Konsumenten zu überzeugen, in der Visualisierung über ein Siegel hinaus. Die App nutzt die gleiche Blockchain-Technologie wie IBM Food Trust, das zusammen mit dem US-Einzelhandelskonzern Walmart entwickelt wurde, um das Vertrauen in die Sicherheit von Lebensmitteln zu stärken. Die Informationen werden direkt aus der Blockchain bezogen. Bauern, Händler, Röster und Kaffee-Unternehmen füttern sie beständig mit aktuellen Daten, welche der Endverbraucher dann durch das Scannen des QR-Codes einsehen kann.

So funktioniert’s:
Die Rückverfolgung vom Kaffee zum Produzenten der Bohne ist durch die großen globalen Lieferketten schwierig. Einmal geerntet, durchlaufen die Bohnen viele Stationen, bevor sie den Verbraucher erreichen, darunter Genossenschaften, Spediteure, Röster, Distributoren und Einzelhändler. Jeder Teilnehmer dieser komplexen Lieferkette verfolgt dabei jeweils nur einen kleinen Teil der Reise und nutzt dafür sein eigenes System zur Datenerfassung. Thank My Farmer zeigt das ganze Bild, das sich auch noch ständig ändert. Denn: Röster haben meist ein exaktes Geschmacksprofil, da der Verbraucher immer das gleiche Ergebnis in seiner Tasse haben will. Um das zu erreichen, greifen die Einkäufer auf verschiedene Bohnen, oft aus der ganzen Welt, zurück, verkosten diese und kreieren genau den Geschmack, den der Konsument erwartet.

Die Daten in der Blockchain können weder verändert noch gelöscht werden. Die Technologie kann die Richtigkeit der Angaben zwar nicht garantieren, da die Anwender die Daten selbstständig hochladen. Unstimmigkeiten werden jedoch sofort sichtbar, da jedes Netzwerk-Mitglied von Farmer Connect die aktualisierte Kette von relevanten Transaktionen einsehen kann. Ergänzungen in der Blockchain werden immer im gesamten Netzwerk auf Grundlage der Berechtigungsstufe jedes Teilnehmers geteilt. Und: Nur autorisierte Messgeräte und Personen können Daten hinzufügen. Dazu Christian Schultze-Wolters, Director of Blockchain Solutions IBM DACH: „Das ist wichtig, da wir nur so genau wissen, von wem die Daten wann und wie eingegeben wurden.“ Fabian Portmann ergänzt: „Viele Farmer geben bereits Daten weiter, oftmals jedoch ohne direkten eigenen Nutzen. Farmer Connect lässt sie davon nun auch profitieren.“