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Größter Obst- und Gemüseproduzent Frucht-Welle aus China

Gerd F. Michelis | 08. April 2011

Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit hat sich China zum größten Obst- und Gemüseproduzenten des Planeten entwickelt. Ein Erfahrungsbericht.

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Wie ein „Guantanamo Bay" für Äpfel und Birnen wirkt die hügelige Landschaft am Unterlauf des Gelben Flusses, denn alle Früchte an den Bäumen tragen Tüten über dem Kopf. „Millionen und Abermillionen sind in solche Papiersäcke eingehüllt", berichtet Wendelin Juen von der Landwirtschaftskammer Tirol, der dieses Anbaugebiet in der ostchinesischen Provinz Shandong bereits mehrfach bereist hat. „Bei einer Fruchtgröße von etwa einem Zentimeter werden die Säcke angebracht und erst zwei bis drei Wochen vor der Ernte wieder entfernt." Als Grund für diesen „nahezu unvorstellbaren Arbeitsaufwand, der auf Tausenden von Hektar" getrieben werde, hätten ihm Obstbauern die hellere und schönere Färbung genannt, die auf diese Weise zu erzielen sei, „Allerdings scheint es eher so zu sein", meint Juen, „dass dadurch das Problem mit den Pflanzenschutzmittel-Rückständen gelöst wird."

Oder auch nur kaschiert. Denn wie viele der Myriaden von Landarbeitern, die bei Stundenlöhnen von umgerechnet 30 Eurocent allein in Shandong 8 Mio. t Äpfel pro Jahr erzeugen – viel mehr schafft nicht einmal die gesamte EU –, tatsächlich im sorgsamen Umgang mit Pestiziden geschult sind, weiß vermutlich nicht einmal das chinesische Landwirtschaftsministerium.

Ein Indiz dafür, dass das Umweltbewusstsein noch nicht sehr ausgeprägt ist, leitet Juen aus eigener Beobachtung ab: „Pflanzenschutzbehälter werden in einem Fluss gereinigt, obwohl wenige hundert Meter weiter Kinder im Wasser planschen und Frauen hinter der nächsten Flussbiegung Wäsche waschen."

Ungeachtet dessen fährt China seine Apfelproduktion – Hauptsorte: der süße Fuji – hoch. Waren es Mitte der 80er-Jahre landesweit noch keine 3 Mio. t, so sind es heute 30 Mio. t., die das Riesenreich zum weltgrößten Erzeuger machen, und zur Nummer Eins im globalen Apfelexport – mit einem Marktanteil, der in nur zwei Jahrzehnten von nahezu 0 auf nunmehr 14 Prozent gestiegen ist.
Und wenn es so läuft wie beim Apfelsaftkonzentrat, wo China innerhalb von nur zehn Jahren einen Weltmarktanteil von mehr als 40 Prozent erreichen konnte – „den sie in den nächsten Jahren noch deutlich steigern wollen", so Juen –, dann war dies erst der Anfang. „Ist es politisches und strategisches Ziel der Chinesen, einen Sektor verstärkt auszubauen, dann kann man erwarten, dass dies auch eintrifft. Anbauflächen und geeignete Böden sind jedenfalls vorhanden; die klimatischen und personellen Ressourcen ebenso."

500 Mio. Arbeitskräfte
Tatsächlich stehen in den ländlichen Gebieten Chinas mehr als 500 Millionen Arbeitskräfte zwischen 16 und 60 Jahren zur Verfügung, und die sind – im Vergleich zu den relativ wohlhabenden Bewohnern der Küstenstädte – arm, teilweise bitterarm. Auch um soziale Spannungen zu entschärfen, hat die Regierung in Beijing großes Interesse daran, dieses Wohlstandsgefälle abzubauen. 2006 schaffte sie in einem ersten Schritt alle landwirtschaftlichen Steuern ab und ermutigte Farmer, sich auf devisen- und profitbringende Produkte – beispielsweise Äpfel statt Weizen – zu spezialisieren. Wenig später flossen die ersten Subventionen. Experten gehen daher davon aus, dass China bis 2030 netto dreimal so viel Obst und Gemüse exportieren wird wie heute.

Was aber kommt da auf den europäischen Handel, die europäischen Verbraucher zu, und wie kommt es in die EU? „Für frische Ware aus China ist Rotterdam der Haupteinfuhrhafen", erklärt Philippe Binard, Chef des Branchenverbandes Freshfel Europe in Brüssel, und kritisiert sogleich das heftige Handelsungleichgewicht zwischen beiden Seiten. Während die Volksrepublik 2009 nämlich frisches Obst, hauptsächlich Äpfel und die pampelmusenartigen Pomelos, mit einem Gesamtgewicht von 128.000 t sowie 65.500 t frisches Gemüse, überwiegend Knoblauch, in die EU exportierte, ließ sie umgekehrt kaum etwas herein: gerade mal 3.000 t. „Grundsätzlich gilt bei ihnen für alles erst einmal: Einfuhr verboten", sagt Binard. Genehmigungen müssten dann jeweils einzeln ausgehandelt werden. „Das ist ein langwieriger, kostspieliger und komplizierter Prozess, und die Ergebnisse oft enttäuschend." Meistens scheitert es an den phytosanitären Anforderungen der Chinesen, die – salopp ausgedrückt – fürchten, sie könnten sich bei europäischem Obst und anderen Pflanzenerzeugnissen etwas einfangen – Milben, Pilze, Viren.