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Molkereiprodukte „Die Guten sitzen nicht beim Jobcenter“

Heidrun Mittler | 30. März 2020
Molkereiprodukte: „Die Guten sitzen nicht beim Jobcenter“
Bildquelle: Carsten Hoppen

Wartet der Handel auf ein Wunder – oder unternimmt er etwas gegen den Fachkräftemangel an der Bedienungstheke? Verena Veith (Foto) nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um Missstände in Unternehmen geht.

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Fachkräftemangel an Bedienungstheke ist nichts Neues. Hat sich der Mangel in den letzten zwei, drei Jahren verschärft?
Verena Veith: Wir reden schon ewig über den Personalmangel, ich kann es nicht mehr hören. Aber doch, die Lage hat sich verändert, weil die Menschen an der Theke sich heute nicht mehr alles gefallen lassen. Sie haben immer mehr Mut zu Veränderungen.

Wo sehen Sie die Ursachen für den Fachkräftemangel?
Der typische Mitarbeiter hinter der Theke hat einen Vertrag als Verkäufer oder Verkäuferin. Aber sie oder er ist viel mehr: Putzfrau, Kaltmamsell und Bürokraft. Sobald der Verkäufer die Theke eingeräumt hat, muss er schnell noch Käsespieße stecken. Oder an der Fleischtheke Frikadellen und Schnitzel braten. Zusammengefasst hat er viel zu wenig Zeit für den Kunden.

Und das alles für eine bescheidene Summe auf dem Lohnzettel…
Absolut, die Bezahlung ist oft nicht in Ordnung. Sagen wir einmal, nach der Ausbildung verdient ein junger Mensch vielleicht 2.000 Euro monatlich brutto. Er hat damit überhaupt keine Möglichkeit, von zu Hause auszuziehen und auf eigenen Füßen zu stehen.
Sie meinen, man braucht noch einen Zweitjob?

Wer eine Früh- oder Spätschicht an der Theke gestanden hat, ist platt, der kann nicht noch Pizza ausfahren. Es gibt aber noch einen anderen Grund, der mindestens genauso wichtig ist: Viele Thekenkräfte bekommen zu wenig oder keine Wertschätzung von ihren Chefs.

Aber heißt das Mantra nicht immer: „Die Mitarbeiter sind unser wichtigstes Gut“?
Das erlebe ich teilweise ganz anders. Oftmals geben die Vorgesetzten den Druck, der auf ihnen lastet, unreflektiert an ihre Mitarbeiter weiter. Sie lassen den Frust ungefiltert an den Thekenkräften aus. Da gibt es noch nicht mal eine Begrüßung am Morgen.

Worauf führen Sie das zurück?
Es kommen zu häufig Menschen in Führungspositionen, die keine Lebenserfahrung mitbringen. Nach der Fleischer-Abschlussprüfung kann man direkt zur Fleischerschule gehen, und innerhalb von drei Monaten die Meisterprüfung ablegen. Klar, dass die jungen Meister dann sofort eine Abteilungsleitung übernehmen wollen. Ich gönne diese Menschen das Geld. Aber sie sind nicht immer in der Lage, andere Mitarbeiter zu führen. Ich habe da eine klare Regel.

Und zwar?
Wenn man mit sich selbst nicht klarkommt, hat man nicht das Recht, andere zu führen. Darüber hinaus ist es wichtig, eine gute Altersmischung im Team zu haben. Denn einen jungen Menschen der Generation Z muss man anders ansprechen als einen Babyboomer.

Und wenn das nicht gelingt?
Wenn unerfahrene oder unfähige Führungskräfte mit dem Team nicht richtig umgehen können, dann müssen als erstes die altgedienten Mitarbeiter weg. Und die sitzen bei der derzeitigen Situation am Arbeitsmarkt nicht beim Jobcenter rum. Und sobald sie einen besseren Arbeitgeber gefunden haben, ziehen sie die ehemaligen Kollegen nach. Ruckzuck ist die Theke verwaist.

Das heißt, ganze Teams wechseln?
Das habe ich gerade erst erlebt. Allerdings kam noch dazu, dass der Kaufmann bei einer Neueröffnung erst einmal nur befristete Verträge vergeben hat.

Er hat also sein Risiko auf seine Mitarbeiter abgewälzt?
Genau. Und die Mitarbeiter bekommen keinen Handyvertrag, keine Wohnung und keinen Ratenkredit fürs Auto.
Was können Händler tun, um guten Thekenkräfte zu finden?

Richtig betriebene Bedienungstheken bringen gute Umsätze und gute Spannen. Dann kann sich der Händler Gedanken über eine bessere Bezahlung machen. Oder er sorgt sich anderweitig um seine Thekenkräfte, vielleicht mietet er eine Immobilie an und sorgt für eine bezahlbare Wohnung. Oder er bezahlt ein Jobticket.

Und was kann man im Alltag ändern?
Kaufleute können Arbeiten auslagern, zum Beispiel für die Putzarbeiten stundenweise zusätzliches Personal einstellen. Wer aber nur die Stundenleistung im Blick hat, braucht sich nicht wundern, wenn die Fachkräfte fehlen.