Piwi-Weine Zeitenwende im Weinregal ?

Bis 2030 soll der Einsatz umweltschädlicher Pflanzenschutzmittel im Weinanbau um die Hälfte reduziert werden, verlangt der Gesetzgeber. Innovative, robuste Reben-Neuzüchtungen spielen dabei eine tragende Rolle. Die ersten marktreifen Weine dieser Art erobern jetzt die Weinregale im LEH.

Dienstag, 18. Januar 2022 - Getränke
Brigitte Oltmanns
Artikelbild Zeitenwende im Weinregal ?
Bildquelle: Martin Hangen

Absolutes Novum im Lebensmittelhandel und bisher nur in „homöopathischen“ Mengen vermarktet: Dennoch gelten sie aus Sicht der Forschung bereits als Weine der Zukunft. Die sogenannten Piwis – Piwi steht für pilzwiderständigen/pilzresistenten Wein – sollen nämlich dazu beitragen, den Weinbau nachhaltiger zu gestalten. Ertragssicherung mit deutlich weniger Fungiziden, weniger CO2-Emissionen durch den Traktor, geringerer Bodenverdichtung, mehr Biodiversität im Weinanbau: Das alles versprechen die innovativen Rebsorten auf natürliche Weise und somit ohne Gentechnik. Piwi-Weine treffen den Zeitgeist und entsprechen den Bedürfnissen moderner Verbraucher – denn der Wunsch nach verantwortungsvollem Genuss wächst zunehmend, auch beim Weinkauf.

Extremwitterung getrotzt
Piwi-Weine entstehen aus Kreuzungen europäischer Rebsorten mit pilzresistenten Wildreben. Diese Reben werden dadurch erheblich robuster gegenüber Pilzbefall und anderen Schädlingen. Die Nagelprobe haben sie in einer Zeit zunehmender Wetterextreme bereits bestanden: 2016 und in noch stärkerem Umfang 2021 waren mit extrem feuchter Witterung Paradebeispiele dafür, wie beispielsweise der Schadpilz Falscher Mehltau in großem Stil Weinerträge vernichten kann. Insbesondere ökologisch arbeitende Betriebe waren 2021 sehr stark betroffen, denn die Wirksamkeit ihrer Pflanzenschutzmittel sei geringer als im konventionellen Weinanbau, unterstreicht Prof. Dr. Joachim Schmid, Experte für Rebenzüchtung an der Hochschule Geisenheim University. Er verweist darauf, dass die Zahl der Überfahrten auf den Weinanbauflächen in diesem Jahr doppelt so hoch gewesen sei wie in den Vorjahren. Dagegen haben pilzresistente Rebsorten diese widrigen Wetterlagen laut Deutschem Weininstitut relativ unbeschadet überstanden, ohne viel Pflanzenschutz zu benötigen. Inzwischen ist die Forschung so weit, dass die notwendige Pflanzenschutzmenge zur Ertragssicherung bei den Piwis auf ein Drittel der bei herkömmlichen Rebsorten üblichen Dosis reduziert werden kann.

Die Marktreife haben die neuen Pionierweine inzwischen definitiv erreicht: Neben der umweltschonenderen Erzeugung punkten sie inzwischen auch mit ausgereiften Geschmacksprofilen. Die am weitesten verbreitete neue Weißweinsorte Cabernet blanc ähnelt geschmacklich dem Sauvignon blanc, mit einer würzigen Aromatik, die an grünes Gras, Stachelbeere und Schwarze Johannisbeere erinnert. Aus der innovativen Rebsorte entstehen beeindruckende Weine, die auch in Blindverkostungen schon manchen Klassiker schlagen konnten, attestieren Weinexperten aus dem Bereich Rebenforschung den Pionierweinen. Aber damit hätten sie den Markt noch nicht erobert, ergänzt Schmid. Tatsächlich stehe man mit dem Markteintritt der neuen Rebsorten noch ganz am Anfang, da die Fläche nur einen Bruchteil der gesamten Rebfläche in Deutschland abdecke. Immerhin diagnostiziert die Weinforschung eine langsam steigende Nachfrage nach diesen Weinen, zumal auch einige Winzer-Pioniere, die sich dem Piwi-Anbau widmen, eigene Weinlinien für die Direktvermarktung aufgebaut haben.

Den sogenannten LOHAS als wachsender Zielgruppe von Verbrauchern, die sich zu einem gesundheitsbewussten und nachhaltigen Lebensstil bekennen, sind die Piwis als Innovation im Weinmarkt inzwischen durchaus bekannt. Daneben punkten Piwi-Weine auch bei immer mehr jungen, ökologisch orientierten Konsumenten und insbesondere Konsumentinnen, die auch mit Bio-Produkten vertraut sind. Doch die breite Masse der Weinkonsumenten an diese Innovationen heranzuführen, sie für das Thema nachhaltiger Weinanbau zu sensibilisieren, ist eine besondere Herausforderung für Winzer und Kellereien. Ganz schwierig werde es dabei in der Zielgruppe Männer 60 plus – da sei noch sehr viel Überzeugungsarbeit zu leisten, unterstreicht Prof. Dr. Gergely Szolnoki von der Uni Geisenheim. Der Marktanalyst forscht im Rahmen des VITIFIT-Projekts (finanziert vom Bundesprogramm Ökologischer Landbau und andere Formen nachhaltiger Landwirtschaft – BÖLN) zum Thema „Verbraucher und Piwis“.

LEH zeigt Flagge im PiWi-Segment
Große Hoffnungen setzen die Weinexperten daher auf den LEH, denn dieser könnte als bedeutender Absatzkanal für Wein die Nachfrage erheblich beschleunigen. Die Handelsfilialisten Rewe und Edeka erweisen sich aktuell als Piwi-Pioniere für den Vertrieb: Sie sind im Laufe dieses Jahres mit jeweils einem Exklusiv-Piwi-Cabernet-blanc in den Markt eingestiegen, der für 4,99 beziehungsweise etwa 7,00 Euro im Regal steht. Bei Edeka ist „Wurzelreich Cabernet Blanc“ zudem ein Bio-Produkt, das Ende Juni gestartet und momentan in fünf von sieben Regionalgesellschaften gelistet ist. Für Edeka ist der Neue im Regal ein weiterer Baustein für das eigene Nachhaltigkeitsengagement im Weinbereich. Bei dem Pionierwein von Rewe und der Weinkellerei Reh Kendermann ist die Listung vor einem halben Jahr bereits bundesweit erfolgt. Antonio Ribeiro, Senior Category Buyer für Wein, ist mit der bisherigen Entwicklung sehr zufrieden. „Der Wein findet Akzeptanz und kommt bei den Kunden, die ihn kennen, sehr gut an.“

Langer kommunikativer Atem nötig
„Die Listung von Piwi-Weinen bei Rewe und Edeka ist ein sehr mutiger Schritt genau zur richtigen Zeit“, bewertet denn auch Szolnoki das Engagement des LEH in diesem Bereich. Er sieht den Lebensmittelhandel als wichtigen Multiplikator bei der Sensibilisierung breiterer Verbraucherschichten. Doch wie kann diese erreicht werden? Da der Weineinkauf stark emotional geprägt sei, würden gedruckte Infos über Piwis auf den Flaschenetiketten allein eher nicht zur Absatzsteigerung im LEH beitragen, mutmaßt der Marktforscher. Diese Vertriebskanäle müssten mit der Ausstattung, dem Preis, der Rebsorte, also stärker mit visuellen Mitteln spielen, um die Sichtbarkeit der Weine zu erhöhen und Neugier zu erzeugen für eine noch weitgehend unbekannte Innovation. Das Pilotprojekt von Rewe/Reh Kendermann scheint hier mit einer aufmerksamkeitsstarken Ausstattungsvariante immerhin einen guten Anfang gemacht zu haben.

Studien und Verbraucherbefragungen sollen in den kommenden Monaten nun zeigen, wo es in der Kommunikation noch hakt, wie diese vereinfacht werden kann, um mehr Konsumenten für die neuen Weine zu begeistern und die Nachfrage zu stimulieren. Das Storytelling als erfolgreiches Marketinginstrument betrachtet Szolnoki dabei als eine wichtige Aufgabe für junge, ökologisch orientierte Winzer. Insbesondere aber könnten auch Influencer in den sozialen Medien mit diesem Thema für Breitenwirkung sorgen. Die hohe Affinität der jüngeren Zielgruppen zu diesen Kanälen und die Beliebtheit des Lebensmittel-Einzelhandels als Einkaufsquelle für den Weinkauf würden somit wichtige Treiber für eine steigende Nachfrage nach Piwi-Weinen.

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