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Getränke Unruhige Gewässer

Tobias Dünnebacke | 18. Januar 2021
Getränke: Unruhige Gewässer
Bildquelle: Gerolsteiner

Die Mineralbrunnen stehen vor einer Reihe an Herausforderungen: Konkurrenz durch Sprudel- und Filtersysteme, Plastik-Bashing und die Corona-Krise. Der Marktführer Gerolsteiner steuert bisher vergleichsweise glimpflich durch diese unruhigen Gewässer.

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Der Mineralwassermarkt ist kein Selbstläufer mehr, der nur eine Entwicklung kennt: nach oben. Der Absatzanteil der mit Abstand größten Kategorie innerhalb der alkoholfreien Getränke ist zuletzt um 4,3 Prozent geschrumpft (Nielsen, LEH+DM+GFM, MAT Oktober 2020). Die Gründe sind vielfältig und bekannt: Eine steigende Affinität der Verbraucher zum Konsum von Leitungswasser, das schlechte Image von Plastikverpackungen und die Corona-Pandemie zählen sicherlich zu den wichtigsten Auslösern dieser Entwicklung. Auch der Marktführer unter den Marken-Mineralwässern, der Gerolsteiner Brunnen, musste zuletzt in seiner Siebenmonatsbilanz mitteilen, dass der Absatz von Januar bis Juli um 5,7 Prozent auf 4,4 Millionen Hektoliter, der Umsatz um 7,3 Prozent auf 170,1 Millionen Euro zurückgegangen ist. Die negative Entwicklung wurde im Sommer vor allem mit Verlusten in der Gastronomie und im Export, die zusammen für etwa zehn Prozent des Gesamtgeschäfts von Gerolsteiner stehen, begründet. Gegen Ende des Jahres lud Roel Annega, Vorsitzender der Geschäftsführung, zur traditionellen Pressekonferenz (dieses Mal natürlich digital), um über die neuesten Entwicklungen zu sprechen. Von November 2019 bis Oktober 2020 wuchs der Umsatz im Handel (LEH+DM+GAM) laut Annega immerhin um zwei Prozent. Die wichtige Kennzahl des Umsatz-Marktanteils stieg damit von 9,1 auf 9,4 Prozent. Der wichtigste Absatzkanal für Gerolsteiner, das Geschäft im klassischen Lebensmittel-Einzelhandel, hält die Bilanz der Eifeler also zusammen. Auch das Discountgeschäft mit Aldi, das in diesen Zahlen nicht berücksichtigt wird, dürfte keine großen Einbußen verzeichnet haben.

Aufmerksam verfolgt man in Gerolstein derzeit die Zahl der Verbraucher, die auf den Kauf von Mineralwasser verzichten und auf Sprudelsysteme (beispielsweise Sodastream) setzen. Laut Unternehmen fiel die Zahl der Verbraucher, die die Marke Gerolsteiner gegen ein Sprudelsystem austauschten, unterproportional aus. Und das in Zeiten, in denen laut Marktforschern erstmals die Zahl der „Nur-Leitungswasser-Trinker“ über die der „Nur-Mineralwasser-Trinker“ stieg. Gute Gründe also für den Niederländer Annega, auch in der Krise Optimismus zu versprühen und auf die Herausforderungen mit neuen Konzepten zu reagieren.

Alkoholfreie Getränke werden an Bedeutung gewinnen
Auf Produktebene ist hier etwa die neue Variante „Feinperlig“ mit sehr niedrigem CO2-Gehalt zu nennen. Gerolsteiner Feinperlig enthält drei Gramm Kohlensäure pro Liter. Zum Vergleich: Bei Gerolsteiner Medium sind es 4,5 Gramm, bei Gerolsteiner Sprudel sieben Gramm. Auch das Portfolio an Erfrischungsgetränken wird ausgebaut. Annega spricht hier von einem „zweiten Standbein“ für den Brunnen. Allein 2021 sind drei Neuheiten geplant. Die „Leichte Schorle“ macht zum Jahresanfang den Beginn, gefolgt von einer sortenreinen Apfelschorle im zweiten Quartal und einer Apfelschorle in drei Geschmacksrichtungen im 0,75-Liter-Glasmehrwegkasten im Sommer. Hinzu gesellen sich weitere Sondereditionen wie zur Fußball-Europameisterschaft. Über drei weitere „Innovationen“, die noch in diesem Jahr kommen sollen, wurden noch keine Details verraten.

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Individualglas bleibt im Fokus
Bereits 2019 wurde bekannt, dass sich Gerolsteiner komplett vom Gebinde der Genossenschaft Deutscher Brunnen (GDB) trennen will und auch bei seinem 12-x-0,75-Liter-Gebinde künftig voll auf Individualglas setzt. Insgesamt 30 Millionen neue Individual-Glasflaschen und knapp drei Millionen neue Kästen wurden laut Gerolsteiner für den Austausch des GDB-Gebindes gegen das Individualglas benötigt. Der Austausch wurde mit der Variante Gerolsteiner Sprudel gegen Ende des Jahres 2020 abgeschlossen. Damit haben die Eifeler rechtzeitig auf einen starken Trend reagiert. Wie das Haushaltspanel der GfK zeigt, verloren von Januar bis September PET-Einweg und PET-Mehrweg nämlich zum Teil deutlich, wohingegen Glas-Mehrweg mengenmäßig knapp zweistellig wachsen konnte. Eine Chance für regional verankerte Marken-Brunnen, die sich nie von Glas verabschiedet haben. Das zeigt sich besonders im Vergleich mit den Discount-Wässern und Eigenmarken. Hier setzt sich ein (für viele überraschender) Trend fort. Günstige Wässer im Einwegplastik stehen bei den Verbrauchern nicht mehr hoch im Kurs. Produkte mit einem Literpreis bis 19 Cent verloren laut Gesellschaft für Konsumforschung knapp sieben Prozent an Menge. Sogenanntes „Premiumwasser“ (Marken ab 40 Cent) konnten hingegen um knapp zehn Prozent an Menge zulegen. Neben all dem Schatten also auch viel Licht für Marken-Brunnen wie Gerolsteiner. Vorausgesetzt, man hat früh genug die Weichen (auf Glas) gestellt und nicht zu sehr auf das lukrative Gastrogeschäft oder den Export gesetzt. Der Verkauf von Mineralwasser in der Gastronomie macht bei Gerolsteiner nur rund fünf Prozent aus. Eine Durststrecke in diesem Kanal tut weh, ist aber kaum existenzgefährdend (im Vergleich zur einen oder anderen mittelständischen Brauerei).