Anzeige

Getränkeindustrie Drohende Restriktionen im Gebinde-Markt

Tobias Dünnebacke | 25. September 2020
Getränkeindustrie: Drohende Restriktionen im Gebinde-Markt
Bildquelle: Getty Images

Eine neue Allianz aus Handel und Industrie positioniert sich gegen drohende politische Restriktionen im Gebinde-Markt. Die Botschaft ist eindeutig: bis hierhin und nicht weiter. Die Deutsche Umwelthilfe zeigt sich mit ihren Forderungen weiter unnachgiebig.

Anzeige

Zugegeben: Es liest sich etwas unspektakulär. Das „Grundlagenpapier Getränkeverpackung bei AfG“ preist in hohen Tönen das weltweit vorbildliche Rücknahme- und Kreislaufsystem von Getränkeverpackungen in Deutschland an. Soweit so bekannt. Spektakulärer als der eigentliche Inhalt ist die ungewöhnliche Allianz aus Handel (HDE), Industrie (BVE) sowie Verbänden aus jeweils einweg- und mehrwegorientierten Branchen. Insgesamt verbrüdern sich neun Verbände und Genossenschaften, um deutlich zu machen: Wie auch immer in Zukunft der Aktionismus der Politik in Sachen Nachhaltigkeit aussehen mag: Die deutsche Getränkeindustrie sollte nicht die erste Adresse sein, an der man sich abarbeitet. „Im Schatten der Diskussion um Einweg und Mehrweg ist der Eindruck entstanden, wir hätten ein Abfallproblem, das durch Getränkeverpackungen verursacht wird. Das Gegenteil ist aber richtig: Wir haben hierzulande das Littering-Problem gelöst. Wir möchten uns auf dem Erreichten keinesfalls ausruhen, müssen uns aber gegen dieses Image wehren“, fasst Markus Wolff von der Genossenschaft Deutscher Brunnen (GDB) die Situation im Gespräch mit der Lebensmittel Praxis zusammen.

Warum gerade jetzt?
Dieser Punkt ist unstrittig: Deutschland hat kein Problem mit Vermüllung, und von Rücklaufquoten um die 96 Prozent sowie funktionierenden Mehrweg-Pools können andere Länder nur träumen. Trotzdem gibt es natürlich Gründe für die gemeinsame Erklärung zu diesem Zeitpunkt. Nie stand die Branche so unter Druck, sich zu erklären. Denn auch wenn die Deutschen fleißig ihre Cola- und Pepsi-Plastikflaschen zurück zum Automaten bringen: Einweg gilt in der öffentlichen Wahrnehmung mehr denn ja (gerechtfertigt oder nicht) als Klima-Killer und Energieverschwendung. Da hilft es den Herstellern alkoholfreier Getränke wenig, dass rund drei Viertel eben dieser Getränke in Einweg-Gebinden verkauft werden.

Die kritische Debatte wird teilweise befeuert von höchsten politischen Instanzen wie dem Umweltbundesamt, das öffentlich davon abrät, Mineralwasser in Flaschen zu kaufen. Und die Kampagnen, auch von NGOs wie der Deutschen Umwelthilfe, scheinen Wirkung zu zeigen: Der Mineralwassermarkt gerät erstmals seit Jahrzehnten unter Druck. „Unsere Mitgliedsunternehmen beobachten eine deutliche Abschmelzung bei den PET-Verkäufen, sowohl bei Einweg wie auch bei PET-Mehrweg“, sagt Wolff. Dabei brauche es mehr positive Emotionen für den Wertstoff, der genau wie Glas Vorteile habe.

Kommen die Grünen in Regierungsverantwortung?
Zündstoff bietet auch die Tatsache, dass bald Bundestagswahlen anstehen. Damit wären schärfere gesetzliche Regelungen programmiert. Seit Jahren kritisieren Gegner von Einweg-Verpackungen, dass im Getränkesektor der Mehrweganteil weit unter dem liegt, was politisch gewollt ist. Laut Umweltbundesamt sank der Mehrweganteil von 72 Prozent 1997 auf 42 Prozent 2017. Dass eine Regierungskoalition unter Beteiligung der Grünen schärfer gegen diesen Zustand vorgehen würde, gilt als sicher. Das Verpackungsgesetz aus dem vergangenen Jahr geht vielen Kritikern aufgrund fehlender Sanktionsmechanismen jedenfalls nicht weit genug.

Schärfere gesetzliche Regelungen wären aber ein Graus für die Interessensverbände, die sich hinter dem „Grundlagenpapier Getränkeverpackung bei AfG“ versammelt haben. „Wenigen ist bewusst, in welchem Paradies wir leben. Bei vielen europäischen Nachbarn wird gerade heftig über das Thema Pfand gestritten. Wir haben schon vor vielen Jahren die nötigen Schritte mit Erfolg eingeleitet und stehen heute besser da“, erklärt beispielsweise Wolfgang Burgard, Geschäftsführer vom Bund Getränkeverpackungen der Zukunft (BGVZ), einem Verband, dem die Discounter Aldi und Lidl sowie große Hersteller und Inverkehrbringer von Einweggebinden angehören.

In dem Papier heißt es zu drohender Einflussnahme vonseiten der Politik: Weitere Eingriffe sollten sich „nicht weiter einseitig gerade auf die Branche fokussieren, bei der am wenigsten Nachholbedarf beziehungsweise Optimierungsbedarf mit Blick auf Gewichtsreduzierung, Sammelquoten, Recyclingfähigkeit, Recycling sowie den Einsatz von Recyclingmaterial aus der Sammlung eigener Verpackungen und dem weiterhin vorbildlichen Mehrwegsystem besteht“. Anders ausgedrückt: Wir, die Getränkebranche, haben unsere Hausaufgaben gemacht. Jetzt sind andere dran.

Deutsche Umwelthilfe ist nicht beeindruckt
Die Deutsche Umwelthilfe, wahrscheinlich der schärfste Kritiker von Einweg-Getränkeverpackungen, brauchte nicht lange für eine eindeutige Reaktion auf das Papier. „Wir interpretieren die Aussage so: Es gibt zwei gut funktionierende Systeme, und gesetzliche Eingriffe sind nicht notwendig. Das überzeugt uns nicht. Einweg und Mehrweg sind ökologisch nicht auf Augenhöhe, und wir müssen endlich die politisch gewollte Mehrwegquote von 70 Prozent erreichen. Wir werden uns weiter konsequent für Mehrweg, Abfallvermeidung und Klimaschutz einsetzen“, erklärt Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe im Gespräch mit der Lebensmittel Praxis. Etwas schärfer klingt es in der offiziellen Pressemitteilung: Die Mehrweg-Allianz, bestehend aus der Deutschen Umwelthilfe, dem Verband Private Brauereien Deutschland und dem Verband Pro Mehrweg, erinnert darin Handel und Getränkeindustrie daran, „dass sie nur noch 15 Monate haben, um die im Verpackungsgesetz festgeschriebene Mehrwegquote von 70 Prozent zu erreichen“.

Die Allianz zeigt sich in dem Schreiben zuversichtlich, dass im Falle einer deutlichen Unterschreitung die dann bestehende Bundesregierung einen Beschluss des Deutschen Bundestages aus dem Frühjahr 2017 konsequent umsetzen wird. Das hätte weitere Maßnahmen zur Erreichung der Mehrwegquote zur Folge, wie eine Lenkungsabgabe von 20 Cent pro Plastikflasche beziehungsweise Getränkedose.

Anmerkung: Hinter dem Grundlagenpapier stehen die Verbände AKÖG, BGVZ, HDE, BVE, GDB, PetCycle, VdF, VDM und wafg.