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Kellerei Carl Jung „Konkurrenz belebt das Geschäft“

Elena Kuss | 09. März 2020
Kellerei Carl Jung: „Konkurrenz belebt das Geschäft“
Bildquelle: Carl Jung

1908 entwickelte Carl Jung eine Methode, die es ermöglichte, Alkohol bei niedrigen Temperaturen verdampfen zu lassen. Sein Enkel Bernhard Jung (Foto) führt die Geschäfte der Kellerei Carl Jung weiter. Und ist überzeugt: In drei bis fünf Jahren ist Wein ohne Alkohol in jedem Weinregal zu finden.

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Wie sieht der Markt mehr als 100 Jahre nach der Einführung des Vakuumdestillationsverfahrens hierzulande aus?
Bernhard Jung: Alkoholfreier Wein liegt absolut im Trend: Weißweine, Rotwein, Rose, Sekt. Wir bieten ein breites Sortiment an Rebsorten, zum Beispiel Chardonnay, Riesling und Merlot an. Höherwertige Rebsorten, auch aus biologischem Anbau werden beliebter. Und der Verbraucher ist mittlerweile bereit, für eine bessere Qualität auch mehr zu zahlen.

Wie ist zu erklären, dass der Preis bei Weinen ohne Alkohol oft günstiger ist als mit, obwohl ein weiterer Arbeitsschritt notwendig ist?
Ich würde sagen, der alkoholfreie ist nicht unbedingt günstiger, sondern ungefähr preisgleich, wobei er eigentlich teurer sein müsste. Denn zusätzlich zum aufwendigen Entalkoholisierungsprozess hat man ja auch noch einen Volumenverlust. Durch die Entnahme des Alkohols und verfahrensbedingt verlieren wir bis zu 18 Prozent. Wer alkoholfreien Wein kauft, kauft also eigentlich 118 Prozent Wein.

Wie kommt der Preis also zustande?
Wir bei Carl Jung können den alkoholfreien Wein so günstig anbieten, weil wir den entnommenen Alkohol weiterverarbeiten zu Weinbrand und anderen Spirituosen.

Start-ups wie Kolonne Null nutzen das Vakuumdestillationsverfahren ebenfalls. Spüren Sie die Konkurrenz der jungen Hersteller?
Im Segment der alkoholfreien Weine ist noch viel Aufbau und Aufklärungsarbeit zu leisten. Das kann ein einziger Hersteller, der wir ja durch unsere Patente jahrzehntelang waren, alleine nicht leisten. Man könnte auch sagen: Konkurrenz belebt das Geschäft; und die von Kolonne Null machen ja einen guten Job, machen neue Märkte auf.

Gibt es einen Unterschied zwischen Weinen, die mit dem gleichen Verfahren hergestellt wurden?
Ja, da gibt es schon Unterschiede, die Auswahl des richtigen Grundweins ist zum Beispiel sehr entscheidend. Auch entwickeln wir die Technik des Entalkoholisierens laufend weiter. Wir bei Carl Jung entziehen den Weinen zunächst die Aromastoffe und führen diese dann im Prozess dem alkoholfreien Wein wieder zu. Das natürliche Weinaroma zu erhalten beziehungsweise rückzugewinnen, ist die Herausforderung und macht den Unterschied. Unterschiede gibt es auch in der Art der Süßung.

Wieso muss der alkoholfreie Wein zusätzlich gesüßt werden?
Alkohol hat eine süßende Wirkung, deshalb muss nach dem Entzug noch mal gesüßt werden. Einige nehmen dafür Traubensaft – was wir nicht machen, weil es den Geschmack des Wein doch zu sehr überdeckt. Wir süßen tendenziell etwas weniger und möchten, dass man die Rebsorten besser herausschmeckt.

Wie schmecken alkoholfreie Weine eigentlich?
Wie soll man das erklären? Also es ist definitiv kein Saft. Es schmeckt sehr weinähnlich, je nach Rebsorte mit schöner Frucht, Säure, Mineralität, bei den roten auch Gerbstoffe. Natürlich merkt man, dass hier circa zwölf Volumenprozent Alkohol fehlen. Etwas Kohlensäure hilft. Bei alkoholfreiem Sekt sind wir wegen der Kohlensäure schon sehr nahe am Pendant mit Alkohol.

Wo steckt aus Ihrer Perspektive das größere Potenzial?
Wir erleben einen wachsenden Markt, wobei es ist in Deutschland noch immer eine Nische ist. Alkoholfreier Sekt ist schon recht verbreitet, dagegen muss man alkoholfreien Wein im deutschen Lebensmittel-Einzelhandel noch suchen. Wir sind international aufgestellt und hatten zu Beginn großen Erfolg in Ländern, in denen Alkohol wegen der Steuer teuer ist oder verboten ist. Doch auch in Deutschland steigt jetzt die Nachfrage.

Woran liegt das?
Der Gesundheitstrend sorgt für neue Konsumenten, die sich bewusst ernähren und immer oder zu bestimmten Zeiten auf Alkohol verzichten wollen. Manchmal hat es auch religiöse Gründe. Die Zahl der Muslime in Deutschland wächst ja zum Beispiel.

Wann wird in jedem deutschen Supermarkt alkoholfreier Wein stehen?
Vielleicht innerhalb der nächsten drei bis fünf Jahren, denke ich. Alkoholfreier Sekt hat es mittlerweile in die Regale geschafft, alkoholfreies Bier ist dort nicht mehr wegzudenken.

Warum hat es Wein ohne Alkohol schwerer?
Wein muss von zwölf Prozent, Bier nur von vier Prozent auf Null. Das ist ein weiter Weg. Weinexperten beurteilen Wein ohne Alkohol nach ihren Kriterien und sehen ihn oft noch zu weit weg vom Original. Der Verbraucher hingegen, das haben Verkostungen und wissenschaftliche Untersuchungen ergeben, sieht das aber teilweise anders und beurteilt den Geschmack der alkoholfreien Alternativen als gut. Findet er diese Produkte nicht im Handel, sucht und findet er diese im Online-Handel.