Anzeige

Alkoholfrei Die Alternative

Elena Kuss | 09. März 2020
Alkoholfrei: Die Alternative
Bildquelle: Carsten Hoppen

Während alkoholfreier Sekt bereits in nahezu jedem Supermarkt zu finden ist, tut sich Wein ohne Alkohol noch schwer. Doch die Nachfrage steigt.

Anzeige

Bei Edeka Jakobi in Bensheim sind die alkoholfreien Weine prominent platziert: auf dem obersten Boden des Regals, direkt neben der großen Holztafel, dem sogenannten Lieblingsplatz, mitten in der Weinabteilung. Am Tisch essen die Kunden zu Mittag oder verkosten abends Weine und Spirituosen. Patrick Wilhelm, Sommelier und Leiter der Weinabteilung in Bensheim, empfiehlt die alkoholfreien Varianten gerne: „Für mich ist das die Alternative zu Wein.“
Den Trend haben auch die Hersteller erkannt: Schloss Wachenheim führt alkoholfreien Chardonnay, Merlot Rosé und Merlot ein. Rotkäppchen erweitert sein alkoholfreies Sortiment ab Mai um Riesling und Spätburgunder. Cathrin Duppel, Marketing Direktor Rotkäppchen-Mumm: „Wir gehen davon aus, dass alkoholfreie Genussprodukte künftig eine signifikante Bedeutung in unserem Portfolio entwickeln werden.“ Alkoholfreie Schaumweine sind bereits überall zu finden. Die gewichtete Distribution lag 2018 beispielsweise bei Rotkäppchen-Mumm bei mehr als 90 Prozent und bei Henkell Freixenet bei mehr als 60 Prozent.

Doch auch der Markt mit alkoholfreien Weinen wächst. Die Zimmermann-Graeff & Müller Weinkellerei (ZGM) schätzt den Gesamtmarkt in Deutschland auf circa zwei Millionen Flaschen. „Der Absatz, bezogen auf die entalkoholisierten Michel-Schneider-Weine, hat sich im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt“, sagt Reiner Becker, Stellvertretender Marketingleiter bei ZGM.

Die exportorientierte Kellerei Reh Kendermann führte im Frühjahr 2018 eine alkoholfreie Variante von Black Tower ein, der wichtigsten Marke der Kellerei. „Damals wurden wir für diesen Schritt noch belächelt“, erinnert sich Alison Flemming, Export Sales Director. Alle alkoholfreien Weine seien jedoch zu einem wichtigen Wachstumssegment geworden – hauptsächlich im Ausland. Doch auch in Deutschland steige die Nachfrage, sagt Alexander Rittlinger, Geschäftsführer der Weinkellerei.

Der Handel bleibt kritisch
Björn Hundertmark von Rewe Hundertmark ist von Wein ohne Alkohol noch nicht überzeugt: „Um das Sortiment abzurunden, listet man die. Der Brüller im Abverkauf, wie es der ein oder andere Vertreter einem nahe legt, sind sie aber nicht.“

Anbieter wie das Start-up Kolonne Null wollen das ändern. 2019 knackten die Berliner mit der Marke Kolonne Null die 100.000-Liter-Marke. 2020 will das Unternehmen zusammen mit der Schlumberger Vertriebsgesellschaft im zweistelligen Bereich wachsen. Seine Flaschen verkauft Kolonne Null in Filialen von Metro, Real und Edeka, an Bars und Restaurants sowie bei diversen Weinhändlern und im eigenen Onlineshop. Im Rahmen der Zusammenarbeit mit Schlumberger stehen die Vertriebswege Gastronomie und gehobener Handel im Fokus.

Schmeckt das überhaupt?
Hergestellt wird Wein ohne Alkohol, vereinfach gesagt, indem einem normal erzeugten Wein in einem weiteren Arbeitsdurchgang der Alkohol entzogen wird. Während früher Temperaturen von rund 80 Grad C notwendig waren, um den Alkohol verdampfen lassen zu können, sind beim von Carl Jung 1908 eingeführten Vakuumdestillationsverfahren lediglich 28 Grad C notwendig. Auch Kolonne Null nutzt die Technik. Mit Traubensaft habe der alkoholfreie Wein trotzdem nichts zu tun, garantiert Philipp Rößle, Geschäftsführer des Start-ups. Der Wein ohne Alkohol schmecke nur leicht vergoren, einfach etwas anders als das herkömmliche Getränk. Er ist kalorienarm, da er keinen Alkohol enthält. Und soll so vor allem eine junge und gesundheitsbewusste Zielgruppe ansprechen.

Rotkäppchen-Mumm setzt bei Sekt und den neuen Weinvarianten auf eine andere Methode: Bei der Spinning-Cone-Technologie trennen rotierende kegelförmige Einsätze flüchtige Bestandteile des Weins ab – in diesem Fall den Alkohol. Der Vorteil: Das Aroma geht nicht verloren. Während nach der Vakuumdestillation die Aromen in einem zweiten Schritt rückgewonnen werden müssen, ist das bei diesem Verfahren nicht nötig.