Fleisch, Wurst, Geflügel In Berlin mehr Gehör finden

Die Steinemann Holding gehört zu den zehn größten Unternehmen der Schlachtbranche und behauptet sich in einem immer schwieriger werdenden Markt, wie  Andreas Steinemann berichtet.

Montag, 10. Juni 2024 - Fleisch
Jens Hertling
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Bildquelle: Getty Images

Das Geschäft sei sehr komplex und die Rahmenbedingungen würden sich häufig ändern, sagt Andreas Steinemann, Geschäftsführer des Wurst- und  Fleischwarenherstellers Steinemann Holding aus Steinfeld. „Jeder Tag ist eine neue Herausforderung“, so Steinemann, der mit seinem Unternehmen an vier großen Standorten im Oldenburger Münsterland und bei Osnabrück vertreten ist. Die Steinemann Holding erzielte 2023 einen Umsatz von 400 Millionen Euro, davon entfielen 80 Millionen Euro auf Wurstwaren. Die Steinemann Holding hat im vergangenen Jahr 1,24 Millionen Schweine geschlachtet und liegt damit auf Platz acht der größten Schlachtbetriebe in Deutschland. Die Zahl der Rinderschlachtungen lag mit rund 75.000 auf dem Niveau des Vorjahres. Der Schlachthof  Georgsmarienhütte ist laut Andreas Steinemann aktuell auf gutem Wege, in das bestehende Unternehmen Steinemann integriert zu werden. Die Steinemann  Holding hat den Schlachthof der EGO in Georgsmarienhütte (Landkreis Osnabrück) im Jahr 2021 operativ übernommen. Die beiden bisherigen Gesellschafter, die Erzeugergemeinschaft Osnabrück (EGO; 76 Prozent) und der Kaufmann Wilhelm Vinke (24 Prozent), hatten ihre Anteile an den niedersächsischen  Fleischverarbeiter verkauft. Steinemann verfügte damals als Versandschlachterei über keine eigenen Zerlegekapazitäten im Bereich der Schweineschlachtung, sondern produzierte in  den zur Gruppe gehörenden Tochtergesellschaften SB-Fleisch, Convenience-Produkte, Fleisch- und Wurstwaren.

Mit der Übernahme könne man nun „die Prozesskette abrunden“, begründet Andreas Steinemann die Entscheidung. Es sei nicht einfach gewesen, so Andreas Steinemann, ein anderes Unternehmen mit rund 300 Mitarbeitenden in die bestehende Struktur der Steinemann Holding zu integrieren. „Auch hier haben wir  viel Lehrgeld bezahlt und eine ganze Menge an Veränderungen erlebt.“ Er fügt hinzu: „Der Schlachthof wird von uns nicht infrage gestellt. Gerade die mittelständischen Schlachtbetriebe sind in ihrer Struktur für die Zukunft gerüstet, davon sind wir als Unternehmerfamilie überzeugt. Mit unserem neu  erworbenen Schlachthof sind wir auf dem richtigen Weg in die Zukunft.“

Weiterhin rechnet er mit weiterem Kostendruck in der Fleisch- und Wurstbranche. Der Markt habe sich noch nicht wieder stabilisiert, denn es gebe zu viele  Einflussfaktoren: von globalen Markt- und Strukturveränderungen bis hin zu gesellschaftlichen Trends und politischen Verunsicherungen. Auch in diesem Jahr werden laut Steinemann vor allem die weiter steigenden Lohnkosten sowie die Erhöhung des Mindestlohns, die Erhöhung der Lkw-Maut, die steigenden  Entsorgungskosten und die Erhöhung der Kohlendioxid-Abgabe auf 30 Euro pro Tonne die größten Kostentreiber in der Branche sein. „Die Verbraucher werden  sich weiterhin auf hohe Lebensmittelpreise einstellen müssen“, sagt er.

Verlässliche Eckdaten aus der Politik

Von der Politik erwartet er in Zukunft verlässliche Weichenstellungen, „auf die ich mich ver lassen kann“. Kann er als gewähltes Vorstandsmitglied des Verbandes der Fleischindustrie (VDF) beurteilen, ob der Verband bei der Regierung Gehör findet? Er sagt, dass der VDF in Berlin präsent sei. Allerdings habe die  Kommunikation noch viel Potenzial. „Wir haben das Gefühl“, so Steinemann, „dass die Politik uns zwar nach außen hin unterstützt, aber dieses Bekenntnis nicht mit dem letzten Willen und der letzten Konsequenz gelebt wird.“ Laut Steinemann ist der Stand bei den Tierwohlprogrammen im Moment weiterhin schwierig. „Wir können unsere etablierten Regionalprogramme nach wie vor ausspielen, allerdings ist der Kostendruck auch hier bedenklich. Wir spüren auch hier die  Konsumentenzurückhaltung bei deutlich höheren Preisen“, sagt Steinemann, dessen Unternehmen unter anderem das Tierwohl- und Markenfleischprogramm Eichenhof ins Leben gerufen hat.

Mit einem Anteil von 15 bis 30 Prozent ist Hackfleisch derzeit der Verkaufsschlager unter den Wurstwaren. Auf dem Produktionsprogramm stehen vor allem  Handelsmarken und Produkte für den gastronomischen Bereich. „Über die Wertschöpfungstiefe sind wir sehr breit aufgestellt“, sagt Steinemann. Schwerpunkte sind Wurst, Bacon, Kassler und Grillartikel, vor allem im Handelsmarkensegment. „Das sind unsere Stärken, das ist das, was wir können und was uns Spaß macht.“

3 Fragen an

Andreas Steinemann, Gesellschafter und Geschäftsführer der Steinemann Holding

Wie wichtig ist für Sie Fairness in der Kette?

Äußerst wichtig, denn ohne ein Verständnis der Bedingungen, unter denen die Partner in der Lieferkette arbeiten, kann  Nachhaltigkeit nicht erreicht werden. Ein gnadenloser Wettbewerb hat das Aussterben regionaler Programme zur Folge, nicht aber die Schaffung von  Arbeitsplätzen in der Region.

Wie muss sich die Fleischbranche künftig verändern?

Sie muss auf jeden Fall ehrlicher werden, und sie muss kämpferischer werden. Das Denken und Handeln in Wertschöpfungsketten muss bei uns allen ausgeprägter werden. Der Landwirt ist ein Teil davon. Er muss ein echtes Interesse an der Entwicklung aller Partner haben, zusammen mit den  Verarbeitungsstufen.

Machen Sie sich Sorgen darüber, wie es mit Fleisch weitergeht?

Um die Zukunft des Fleisches mache ich mir keine Sorgen. Auch künftig kommt in Deutschland Fleisch auf den Teller. Aber wir müssen der Öffentlichkeit klarmachen: Moderater Fleischkonsum ist Teil einer gesunden Ernährung. Die Tierhaltungs- und Schlachtstandards in Deutschland sind die höchsten der  Welt. Fleisch, das hier erzeugt wurde, kann deshalb jeder Verbraucher mit gutem Gewissen essen.

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