Fleisch, Wurst und Geflügel Wasser marsch!

Dem Landwirt Christoph Becker liegt das Wohl seiner Schweine am Herzen. Deswegen hat er den „Schweinebuzzer“ erfunden und den herkömmlichen Stall so umgebaut, dass seine Schweine entscheiden können, was sie wann brauchen und wollen. Dafür wurde er auch mit einem Innovationspreis der Initiative Tierwohl (ITW) ausgezeichnet.

Mittwoch, 09. Juni 2021 - Fleisch
Jens Hertling
Artikelbild Wasser marsch!
Bildquelle: Jörg Sänger

Eine Dusche auf eigenen Wunsch? Was für die Menschen jeden Tag eine Selbstverständlichkeit ist, hat der Landwirt Christoph Becker aus dem niedersächsischen Heidekreis für seine Schweine installiert: Wasser marsch und ab unter die Dusche – auf dem Hof des Landwirts ist das auch für seine rund 1.000 Mastschweine möglich. Damit seine Schweine auf dem konventionellen Hof ein glückliches und naturnahes Leben führen können, hat der Landwirt den „Schweinebuzzer“ erfunden. „Schweine sind die intelligentesten Nutztiere, die wir haben“, sagt Becker. Darum konstruierte er eine Vorrichtung, mit der Schweine ein elektrisches Signal auslösen können – den Schweinebuzzer.

Mehr Selbstbestimmung für das Schwein
Für die Buzzer-Vorrichtung nutzt der Landwirt das natürliche Verhalten der Schweine. „Die Schweine wissen selbst am besten, was sie brauchen“, ist dabei seine Devise. „Ich habe die natürliche Grundbewegung der Schweine einfach nur kopiert“, so Becker. Wenn sie den Buzzer betätigen, werde die natürliche Wühlbewegung imitiert, erläutert der Schweinemäster.

Der Buzzer hängt verkehrt herum außerhalb der Reichweite der Tiere. Um ihn zu betätigen, müssen die Tiere einen Pfahl in einem Rohr hochschieben. Sobald dieser die Buzzerkuppel drückt, aktiviert ein elektrisches Signal den Wasserfluss. Dabei lernen die neugierigen Tiere schnell voneinander. Aktuell wird damit eine flache Beckentränke angesteuert, die durch den Buzzer immer mit frischem Wasser versorgt wird. Alternativ können über den Schweinebuzzer auch Pellet-Automaten, Radios oder andere Geräte aktiviert werden. Tierwohl ist für Christoph Becker ein wichtiges Anliegen und auch immer wieder Auslöser für neue Ideen. Bei der Umsetzung dieser Ideen kommt ihm zugute, dass er in seiner Freizeit gerne in seiner Werkstatt steht und tüftelt. So habe er auch den Schweinebuzzer selbst gebaut und installiert, nur die erste Version des Schalters kam von einer Fachfirma

80.000 Duschen in 18 Monaten
Wie wichtig ein Buzzer für seine Schweine ist, kann er mittels Zähler genau festhalten. So weiß er zum Beispiel, dass die Tränke bereits 80. 000-mal in den letzten 18 Monaten aktiviert wurde, etwa sechsmal pro Tier und Tag. Die Duschen werden vor allem an heißen Sommertagen betätigt. Dann können sich die Tiere zum Abkühlen in den Pfützen tummeln. Angefangen hat es mit einer Dusche, inzwischen können seine Schweine zudem frisches Wasser zapfen oder Futter anfordern: Denn der Mäster hat beobachtet, dass die Tiere die Dusche auch im Winter aktivieren. Dann allerdings, um vom Boden zu trinken. „So habe ich gemerkt, dass das Tränkensystem verbesserungswürdig ist“, erzählt Becker. Jetzt habe er für seine Schweine eine bodennahe Trinkschale mit dem Buzzer kombiniert. Seine Tiere können sich so frisches und sauberes Wasser zapfen. Für diese Erfindung hat die Initiative Tierwohl (ITW) Becker mit dem ersten Platz des Innovationspreises Tierwohl ausgezeichnet. Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert und wird für herausragende Leistungen vergeben, die das Tierwohl-Niveau in den Ställen wirksam anheben. Auch ihr Futter nehmen Schweine lieber vom Boden und in größeren Gruppen auf, so der Landwirt. Im Test hat sich der Futterautomat mit dem Buzzer bewährt, aktuell werde daran weiter getüftelt.

Tierhaltung muss sich verändern
Der 36-Jährige hat den Hof 2010 von seinem Vater übernommen. Neben der Schweinemast mit 1.000 Plätzen umfasst der konventionelle Betrieb 120 Hektar Acker in der Lüneburger Heide, 100 Hektar Forst sowie eine Biogasanlage. Alle Schweine auf Beckers Betrieb haben ein Platzangebot von 1,5 Quadratmetern und Zugang zu einem Strohauslauf. Die Ferkel bezieht er von einem Erzeuger in nur acht Kilometern Entfernung. Geschlachtet und vermarktet werden die Schweine über den Schlachthof Brand Qualitätsfleisch in Lohne. Becker ist fest davon überzeugt, dass die konventionelle Schweinehaltung sich verändern muss, und war deshalb schon immer offen für neue Anregungen und Initiativen. Seit 2016 nimmt er an der ITW und am Ringelschwanz-Prämienprogramm Niedersachsen teil.

Borchert-Kommission: Viele Fragen sind noch nicht geklärt
Wie sieht er die Vorschläge der Borchert-Kommission für mehr Tierwohl? „Sie sind meiner Meinung nach in Ordnung. Die wichtigen Fragen zur Umsetzung sind noch nicht geklärt, wie Genehmigungsfähigkeit, Finanzierbarkeit sowie politische Ausdauer und Kondition.“

Mit einer aus einer Tierwohlsteuer gespeisten Förderung seien für die Bauern erhebliche finanzielle Risiken und Abhängigkeiten verbunden, befürchtet Becker: „Echte Fortschritte beim Tierwohl müssen sich aus der Tierhaltung erwirtschaften lassen.“

Becker hat noch viele Ideen für weitere Ansatzpunkte: „Ich bin noch am Anfang.“ Er berichtet über Gespräche mit einem Start-up, das mit Gerüchen im Stall arbeite. Das junge Unternehmen hat einen Dosierer für den Stall entwickelt, der Duftliquids vernebelt. Die verwendeten Aromen sollen förderlich für Gesundheit und Tierwohl sein.

Nach Beckers Erfahrungen kann man über den Schweinebuzzer auch viele Verbraucher erreichen: „Sie finden die Idee einfach klasse.“ Andere Landwirte seien dagegen weniger überzeugt. Da spielt natürlich auch der wirtschaftliche Aspekt eine Rolle.

Doch Becker macht weiter: So optimiert er seinen Schweinebuzzer seit knapp drei Jahren immer wieder neben der alltäglichen Arbeit auf dem Hof. Die Firma Corvitac wird künftig die Serienfertigung übernehmen. „Im Laufe des Jahres ist geplant, auf den Markt zu gehen“, so Beckers Vorhaben.

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