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Fleisch, Wurst & Geflügel Für das Wohl des Tieres

Jens Hertling | 25. September 2020
Fleisch, Wurst & Geflügel: Für das Wohl des Tieres
Bildquelle: Danish Agriculture & Food Council F.m.b.A.

Tierwohlfleisch erfreut sich in Europa einer wachsenden Beliebtheit. Wir geben einen kurzen Überblick über einige europäische Tierwohl-Initiativen und -Programme.

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In den Niederlanden ist das Label „Beter Leven“ bereits bei fast allen großen Supermarktketten Standard. Und auch in Dänemark gehen die Absatzzahlen bei Tierwohlprodukten schon über das hinaus, was noch als Nische bezeichnet werden kann. Die Tierschutzorganisation „Dierenbescherming“, von der „Beter Leven“ vor 13 Jahren in den Handel gebracht wurde, hat mit Brigitte Goossens eine Expertin für die Kooperation mit anderen Initiativen eingestellt. Denn in Deutschland ist das Label, das in den Niederlanden fast jeder Verbraucher erkennt, nahezu unbekannt. Wie kann man diese Tierwohlprodukte besser in Europa beziehungsweise in Deutschland vermarkten? „Mit einer in Deutschland bekannten Marke wie beispielsweise Fairmast. Harmonisierung unterschiedlicher Label ist nach unserer Erfahrung schwierig“, sagt Goossens. Die europäischen Staaten seien zum Teil sehr unterschiedlich und damit auch die landwirtschaftlichen Systeme. Tierwohlkennzeichen setzen an Punkten an, die in der jeweiligen länderspezifischen Situation verbessert werden sollten, und das verläuft teilweise mit unterschiedlichen Ansätzen.

Übergreifendes europäisches Ordnungsprinzip
„Für eine Vermarktung über Landesgrenzen hinweg brauchen wir ein übergreifendes europäisches Ordnungsprinzip, in das sich die diversen nationalen Label – verschieden, jedoch gleichwertig, was wichtige Tierwohl-Aspekte betrifft – einordnen lassen, ganz ähnlich dem Eier-Code oder inspiriert von anderen Initiativen wie dem französische Label ‚Bien-être animal‘ von Compassion for World Farming France oder der deutschen Haltungsform des Handels. Ein solches System auf europäischer Ebene gibt es noch nicht, aber wir setzen uns zusammen mit anderen Organisationen dafür ein“, sagt Brigitte Goossens.

1. Niederlande
Das Tierwohl von Nutztieren spielt in den Niederlanden eine wichtige Rolle. „Neben Frische, Preis und Geschmack ist das Tierwohl für 60 Prozent der Konsumenten wichtig, wie ein Marktforschungsinstitut kürzlich ermittelte. Seit fast 13 Jahren wird Tierwohl mit dem Label Beter Leven (übersetzt: ‚Besseres Leben‘) vermarktet“, sagt Brigitte Goossens. Anfangs nur auf einzelnen Produkten und für wenige Tierarten, ist es inzwischen bei einer großen Mehrheit der Niederländer bekannt, wird es geschätzt als verlässliches Label in der Lebensmittelbranche. Es nehmen rund 1.800 Landwirte an „Beter Leven“ teil. „Das Programm ‚Beter Leven‘ hat den Markt bedeutend verändert. So werden zum Beispiel für den niederländischen Markt fast 100 Prozent der Schweine, 80 Prozent der Legehennen und 20 Prozent der Masthühner in besseren Bedingungen, das heißt mit mehr Platz, Beschäftigungsmaterial, zum Teil mit Auslauf und mit Einsatz gesunder Rassen, gehalten“, sagt Goossens. Die Zahl der Tiere und Teilnehmer wächst beständig, man findet das Label auf einer immer größer werdenden Zahl von Produkten, und auch Metzgereien und Food-Services lassen sich inzwischen zertifizieren. Mehr als 4.500 Produkte, dazu gehören auch verarbeitete Produkte wie Salate, Suppen, Soßen, aber auch Heimtierfutter, tragen inzwischen das Label „Beter Leven“.

2. Dänemark
Auch bei unserem skandinavischen Nachbarn Dänemark spielt Tierwohl im Verkauf eine wichtige Rolle. „Gutes Tierwohl bedeutet den dänischen Verbrauchern viel, welche Tierwohl bei ihren Kaufentscheidungen mit einbeziehen“, sagt Kirsten Vernon Kristiansen, Leiterin Export- & Marketing Management für Deutschland des Danish Agriculture & Food Council. 71 Prozent der Verbraucher sagen, dass sie generell über Tierwohl nachdenken, während die Hälfte aussagt, dass sie sich größere Gedanken darüber machen, so Kristiansen. Tierwohl sei das Einkaufsparameter, das in den letzten drei Jahren den größten Anstieg erlebt hat, so Kristiansen. Tierwohl in Dänemark wird über die eigenen Kanäle der Lebensmittelproduzenten vermittelt, sowie über den dänischen Fachverband der Land- & Ernährungswirtschaft und die Lebensmittelbehörde. 2017 wurde ein staatliches Tierwohlsiegel für Schweine und später auch Geflügel, Rinder, Kälber sowie Molkereiprodukte eingeführt. Über das Tierwohlsiegel werden Verbraucherkampagnen lanciert, die die Kundschaft informieren und den Verkauf von Tierwohl-gekennzeichneten Produkten steigern sollen. Dänemarks staatliches Tierwohlsiegel hat drei Stufen und wurde vom Ministerium für Umwelt und Lebensmittel im Jahr 2017 für Schweine, 2018 für Geflügel und 2020 für Rinder und Kälber sowie Molkereiprodukte lanciert. „Das staatliche Tierwohlsiegel in Dänemark, das 2017 eingeführt wurde, ähnelt dem deutschen mit einer Reihe von Tierwohl- und Produktionsanforderungen“, sagt Kirsten Vernon Kristiansen.

3. Österreich
„Das Thema Tierwohl hat bei uns in den letzten Jahren in der öffentlichen Diskussion zunehmend an Bedeutung gewonnen. Permanent befeuert wird die Diskussion auf politischer und medialer Ebene durch Initiativen von Tierschutzorganisationen, die oftmals die herkömmliche, auf gesetzlichem Standard basierende Nutztierhaltung, ablehnen“, sagt Dr. Johann Schlederer, Geschäftsführer Verband landwirtschaftlicher Veredelungsproduzenten und Österreichische Schweinebörse. Infolgedessen haben verschiedene Institutionen und fleischwirtschaftliche Unternehmen entsprechende Programme entwickelt, die es auch ins Regal des Lebensmittelhandels und des Fleischergewerbes geschafft haben. Das älteste Tierwohlprogramm ist „Gustino Stroh“, welches im österreichischen Lebensmittelhandel bei Lidl, Spar und im Gastro-Großhandel Transgourmet erhältlich ist. Betrieben wird dieses Programm seit 25 Jahren von der oberösterreichischen Erzeugergemeinschaft VLV. Die Marke als solche ist allerdings nur bei etwa 15 Fleischereibetrieben ersichtlich. Im Groß- und Detailhandel werden individuelle Eigenmarken verwendet. Ein weiteres erwähnenswertes Programm wurde vor fünf Jahren von der Firma Hütthaler entwickelt. In diesem Fall läuft die Vermarktung primär über die Handelskette Hofer (Aldi Süd). „Unser nationales Qualitätsprogramm, das AMA-Gütesiegel, entwickelte zusätzlich zum allgemeinen Richtlinienkatalog eine Upgrade-Version mit Modulen wie zum Beispiel Tierwohl, besondere Fütterung, regionale Herkunft, bestimmte Genetik, etc.“ Im Falle von „Gustino Stroh“ werden die Anforderungen des AMA-Gütesiegel-Moduls „Tierwohl“ und Modul „Besondere Fütterung“ erfüllt, sagt Schlederer. Besondere Fütterung bezieht sich dabei auf gentechnisch frei hergestelltes heimisches Soja aus dem Programm Donausoja.

4. Belgien
Ähnlich wie in Deutschland, gewinnt das Thema Tierwohl in Belgien permanent an Bedeutung. „Die belgische Gesetzgebung in puncto Tierwohl geht über die europäische Gesetzgebung hinaus. Alle belgischen Nutztierhalter müssen zusätzliche nationale Rechtsvorschriften erfüllen, um das Tierwohl und die Qualität innerhalb der Wertschöpfungskette zu gewährleisten“, sagt Joris Coenen, Manager vom Belgian Meat Office (VLAM) in Brüssel. In Belgien gibt es kein spezielles branchenweites Label für Tierwohl wie Deutschland es kennt beziehungsweise plant. Die Tierwohlkriterien sind in den verschiedenen Prüfsiegelprogrammen verankert, wie etwa im Certus-Prüfsiegelprogramm für Schweinefleisch. Aushängeschild der belgischen Fleischbranche ist das Certus-Prüfsiegel für Schweinefleisch. Das Lastenheft des Standardgebers Belpork definiert spezifische Auflagen für jedes Glied in der Kette. Dabei gehen die Certus-Normen über die belgische und europäische Gesetzgebung hinaus. Unabhängige externe Kontroll- und Zertifizierungs-Organe sorgen für die Einhaltung des Lastenheftes. Rund 70 Prozent der belgischen Schweinehalter oder 80 Prozent der in Belgien erzeugten Schweine verfügen über eine Certus-Zertifizierung.

Das Certus-Lastenheft beinhaltet diverse Tierwohlkriterien, wie etwa

  • Normen für Beschäftigungsmaterial – inklusive dessen verpflichteter halbjährlicher Evaluierung
  • maximaler Ammoniakgehalt: 20 ppm für Mastschweine
  • Verbot von elektrischen Treibhilfen in Schlachthöfen und beim Transport
  • das Abkneifen der Eckzähne ist nicht erlaubt. In begründeten Fällen ist das Abschleifen der Eckzähne allerdings gestattet
  • betäubungslose Kastration oder Kastration ohne Verabreichung von Schmerzmitteln ist nicht zulässig.

2018 hat Belpork das Thema Tierwohl im Rahmen des sogenannten Certus-Tierwohlprojektes neu aufgegriffen. Ziel und Zweck ist die weitere nachhaltig fundierte Verankerung des Tierschutzes in das Certus-Qualitätssystem. Das Projekt wird begleitet von der Animal Welfare and Behaviour Unit der Universität Bristol und derzeit von AssureWel koordiniert.

5. Irland
Das Thema Tierwohl spielt in Irland ebenfalls eine große Rolle. „Die Erzeugung von hochwertigem Fleisch ist in Irland in der Beziehung zur Natur verwurzelt. Die vollständige Rückverfolgbarkeit von irischem Rindfleisch von der Geburt bis zur Verarbeitung ist hierbei entscheidend“, sagt Gabriele Weiss-Brummer, Managerin in Deutschland von Bord Bia, der Handelsagentur der irischen Landwirtschaft. Jedes irische Rind ist anhand der einzigartigen Kennzeichnung mit zwei Ohrmarken identifizierbar und erhält bei der Geburt eine eindeutige Passnummer. In Irland sei die Rinderhaltung traditionell, so Weiss-Brummer. Die Herden seien relativ klein, dafür haben sie ein sehr großes Areal an Weide zur Verfügung. Daher gebe es keine vergleichbaren Tierwohlinitiativen wie in Deutschland, so Weiss-Brummer. „Anstelle dessen haben wir aber ein nationales Nachhaltigkeits- sowie ein Qualitätsprogramm“, so die Managerin. Durch die Mitgliedschaft im Programm zur Nachhaltigkeitssicherung in der Rinder- und Lammzucht (SBLAS) verpflichten sich irische Rinderzüchter freiwillig zur Einhaltung hoher Sicherheits-, Qualitäts- und Nachhaltigkeitsstandards. Durch ihre Mitgliedschaft im SBLAS sind irische Rinderzüchter aktive Teilnehmer von Origin Green, dem nationalen Nachhaltigkeitsprogramm für Nahrungsmittel Irlands. Die überwiegende Mehrheit der irischen Rindfleisch-Exporte nach Deutschland kommt aus den rund 53.000 SBLAS-zertifizierten Farmen.