Biolebensmittel sind einmal mehr Zugpferd im deutschen Lebensmittelhandel. In den vergangenen Monaten gaben die Verbraucher in allen Vertriebsschienen mehr Geld für ökologische Produkte aus. Die Marktzahlen für 2025 bereiteten der auf der Biofach in Nürnberg versammelten Branche sichtlich gute Laune, denn: Das Umsatzplus von 6,7 Prozent auf 18,23 Milliarden Euro basiert vor allem auf höheren Absatzmengen, erläuterte Analystin Diana Schaack von der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft. Ein Wermutstropfen: Der Bioeigenmarkenanteil erreichte im klassischen Lebensmittelhandel mit 67 Prozent bei verpackten Bioprodukten laut Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) einen neuen Höchststand.
Die zunehmende Herausforderung für Biomarkenhersteller dürfte auch ein Grund für die sichtbar geringere Auslastung der Biofach gewesen sein. Erneut weniger Aussteller und Fachbesucher zählte die Messe gemessen am Vorjahr. Vergleiche zu früheren Jahren seien jedoch aufgrund veränderter Marktsituationen und durch den Wegfall der früher parallel stattfindenden Naturkosmetikmesse Vivaness nicht unmittelbar möglich, sagt Biofach-Veranstaltungsleiter Dominik Dietz. Aktuell sei für das Folgejahr bereits mehr als zwei Drittel der Fläche von 2026 gebucht – „eine stabile Basis, auf der wir die Messe gemeinsam mit der Branche weiterentwickeln“, meint Dietz (mehr zum neuen Konzept im Interview unten).
Marken als Innovatoren
Die versammelten Markenhersteller nutzten die Messe, um zu präsentieren, mit welchen Konzepten sie den Handelsmarken Konkurrenz machen wollen. Auffällig: Zahlreiche Produkte werben mit funktionalen Benefits. Darunter: proteinreiche probiotische Getränke mit fermentiertem Kokosnussfleisch (Cocofir/Wild&Coco), Getränkepulver mit Vitalpilzen wie Reishi (Bio-Vitalpilz-Kakao von Good Mood Food oder Boost von SAS French Mush) sowie Keto-Kaffee mit MCT-Öl (Trasnocho Coffee/Alternativa 3), der eine bessere Blutzuckerregulation und lang anhaltende Energie verspricht.
Biosaft-Spezialist Voelkel will mit Wasserkefir den Wunsch von Verbrauchern nach Produkten für die Darmgesundheit bedienen. Die Sorten Raw Wasserkefir Himbeere Rosenblüte und Raw Wasserkefir Ingwer Zitrone werden in einem traditionellen Fermentationsprozess hergestellt. Der Wasserkefir wird nicht pasteurisiert, dadurch bleiben Mikroorganismen wie Hefen und Milchsäurebakterien lebendig erhalten. Mit 2,7 Gramm Zucker pro 100 Milliliter sind die Getränke kalorienarm. Voelkel ist nach eigenen Angaben Marktführer im Bereich der Ingwer-Shots. „Einem Großteil der Kunden ist gar nicht bewusst, dass unsere Shots bio sind“, sagt Sprecher Ole Müggenburg. Bioprodukte müssten sexy, leckerer und allgegenwärtig sein, sagt er. So strebt das Unternehmen auch in Convenience- und Tankstellenshops. Mit vier neuen 95-Milliliter-Shots in den Sorten Matcha, Immun, Eisen und Ballaststoff will Voelkel seine Position ausbauen.

Ungewöhnliche Zutaten
Spannend wird es stets, wenn die Branche noch wenig bekannte Rohwaren zu neuen Kreationen verarbeitet. In diesem Jahr fielen der Redaktion Aufstriche und Pasteten aus Forestella-Eicheln (Dary Natury) auf. Patties auf Basis von Koji, fermentierter Gerste, und Gemüse ließ die Marke Grashka verkosten. Aprikosenkerne bilden als Upcycling-Zutat die Basis von veganer Schokolade (Chocolat Stella Bernrain) oder Käse-Alternativen. Und Schwarzkümmel wird nun als zusätzliche Proteinquelle zum Beispiel in Teigwaren eingesetzt. Unter der Marke Nigellio stellte die Wasgau Ölmühle Schwarzkümmelnudeln mit Mandel- und Walnussmehl und einem Proteinanteil von 40 Prozent vor. Altbekanntes in ungewöhnlicher Form dagegen zeigt Verrano. Das Frankfurter Start-up lässt Knollengemüse wie Sellerie, Steckrübe und Rote Beete über fünf Wochen reifen, räuchert es und bietet das „Dry-Aged“-Gemüse als Aufschnitt in der 80-Gramm-Packung an. In den Bordbistros der Deutschen Bahn war Verrano zum Veganuary bereits zu verkosten.
Die Biomilchbranche, eines der wichtigsten Marktsegmente, kam zwar mit Rückenwind zur Messe, aber auch mit Sorgen. Aktuell entwickeln sich die Ab- und Umsatzzahlen von Bio-Molkereiprodukten im stationären Handel ausgesprochen „dynamisch“, so der BÖLW (siehe Grafik). Besonders eindrucksvoll zeigt sich der Volumenaufschwung in der Kategorie Joghurt: Hier lag das Mengenplus bei 13,4 Prozent, nicht zuletzt, weil Ein-Kilo-Eimer immer beliebter werden. Der Umsatz mit Biojoghurt legte gar um 15,5 Prozent zu.
Nachfrage boomt, Erzeugung schwächelt
Gleichzeitig wollen aber immer weniger Biobauern hierzulande melken, und das, obwohl der Biomilcherzeugerpreis im vergangenen Jahr mit rund 66 Cent je Liter einen neuen Spitzenwert hatte. „Fast 10 Prozent der deutschen Öko-Milchviehbetriebe mussten 2025 ihre Zertifizierung aufgeben“, beklagt die Generalsekretärin des Deutschen Bauernverbandes Stefanie Sabet. Der Grund: Die EU setzt seit vergangenem Jahr ihre EU-Ökoverordnung auch in Deutschland durch. In der Konsequenz müssen alle Biorinder nun ausnahmslos auf der Weide stehen. Allein in Bayern gaben daraufhin rund 300 Betriebe die Biomilcherzeugung auf.
Die Inlanderzeugung reicht also nicht, um den boomenden Markt zu bedienen. So liegt der Importanteil bei Biobutter inzwischen bei 38 Prozent (laut BÖLW-Angaben), bei Milch bei einem Viertel und bei Joghurt immerhin auch noch bei 12 Prozent. Importware kommt aus Österreich, Dänemark und den Niederlanden.
Allen Problemen am Rohstoffmarkt zum Trotz zeigen sich die Molkereien – egal ob Aussteller aus dem In- oder Ausland – innovationsfreudig. Auffällig: Produktgestaltung wie Markenauftritt werden bunter. Das müssen sie vor allem im Käsebereich auch, denn die Bedienungstheken stehen unter Druck, Prepack und SB nehmen an Bedeutung zu. So wollen die Käserebellen aus Oberbayern mit einem orangefarbenen Pumuckl-Käse, einem Schnittkäse mit Möhrensaft, als Vesperstück oder Scheibenware Familien und junge Konsumenten ans SB-Regal locken. Monte Ziego, nach der Insolvenz nun mit neuem Eigentümer am Start, setzt mit einem Frischkäse, der mit Leinöl und Schnittlauch verfeinert ist, farbliche Akzente im Kühlregal. Lila, rot oder gelb leuchten die Weißenhorner Desserts. Cremiger, weich-klebriger Reis trifft beim Sticky Rice auf Blaubeeren, Himbeeren oder Mango und wird so zum Eyecatcher.
Bio-Heumilchkäse hat einen festen Platz im Käseregal. Die Produktionsmenge der meist aus Österreich stammenden Spezialitäten stieg 2025 um 6,2 Prozent, wertmäßig legte das Segment um 11,6 Prozent zu. „Diese Entwicklung zeigt, dass unsere Vermarktungsoffensive greift und die konsequente Qualitätsarbeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette Wirkung zeigt“, so ARGE-Heumilch Geschäftsführerin Christiane Mösl.
Biofach-Veranstaltungsleiter Dominik Dietz von der Nürnberg-Messe über Herausforderungen und die Zukunft der Biofach.
Herr Dietz, in diesem Jahr war die Biofach sichtlich kleiner. Wo sehen Sie die Hauptgründe für die geringere Auslastung?
Die Auslastung wird vor allem von wirtschaftlichen und geopolitischen Faktoren beeinflusst – global und in einzelnen Ländern. Multiple Krisen führen zu Budgetkürzungen und teils zum Wegfall von Fördergeldern. Die Biofach ist stark geprägt von den vielen Gemeinschaftsständen mit Beteiligungen aus aller Welt. Parallel sehen wir einen Strukturwandel im Markt, inklusive Konzentrationsprozessen im Handel. Diese Faktoren wirken zusammen und führen zu dem aktuellen Bild.
Was leiten Sie daraus ab?
Wir setzen auf klaren Mehrwert für alle Zielgruppen und entwickeln die Biofach weiter: mit kuratierten Schwerpunkten, starken Bühnen und interaktiven Formaten – etwa der Innovation Stage, den Biofach-Start-up-Pitches oder dem Sustainable-Future-Lab. Ziel ist, das Profil weiter zu schärfen und eine größtmögliche Zielgruppenerreichung zu ermöglichen.
In den Hallen herrschte Unsicherheit, ob die angekündigte thematische Öffnung für 2027 die Biofach verwässern könnte. Was folgt daraus?
Für die vielen Gespräche und Impulse während der Biofach 2026 sind wir sehr dankbar. Wir haben verstanden: Die Biofach wird nicht verwässert. Die Biofach bleibt Bio. Gleichzeitig braucht es Entwicklung, um die Biofach und das Themenfeld nachhaltige Ernährung zukunftsfest aufzustellen. Genau dazu haben wir viele konstruktive Rückmeldungen erhalten.
Wie weit sind die Planungen und wie soll das Konzept aussehen?
Wir starten jetzt in den strukturierten Dialog. In den kommenden Wochen sprechen wir gemeinsam mit der Branche darüber, wie wir die Biofach entlang der Bedarfe der Bio-Branche aufstellen. Erste moderierte Dialogformate beginnen im Frühjahr.
