Spanien Aktivisten zielen auf deutsche Händler – wie Lieferketten zum Druckmittel werden

Hintergrund

Spanische Aktivisten nutzen gezielt deutsche Handelsketten, um Missstände sichtbar zu machen. Der Fall Aldi Nord zeigt den Mechanismus.

Montag, 04. Mai 2026, 07:40 Uhr
Von Stefanie Claudia Müller und Theresa Kalmer
Vorwürfe aus Spanien sorgen erneut für Aufmerksamkeit im deutschen Handel – nach Prüfung der Warenströme sieht Aldi Nord jedoch keinen Zusammenhang. Bildquelle: Aldi Nord, Arde

Der aktuelle Fall um Vorwürfe gegen einen spanischen Schweinebetrieb und Aldi Nord hat es in die großen deutschen Medien geschafft. Für den Lebensmittelhandel ist das kein Einzelfall: Seit Jahren nutzen spanische Aktivisten deutsche Handelsketten, um auf Missstände in der eigenen Landwirtschaft aufmerksam zu machen. Dabei steht weniger der einzelne Betrieb als vielmehr die Strategie dahinter im Zentrum. Aktivisten nutzen die Lieferketten internationaler Händler, um Druck zu erzeugen, der im Heimatmarkt so nicht möglich wäre, heißt es von der spanischen Rechtsberatung Legálitas gegenüber der Lebensmittel Praxis.

Ausgangspunkt der jüngsten Berichterstattung ist eine Schweinemastanlage in der Provinz Teruel. Im Fokus steht der Zulieferbetrieb La Yruela, der nach Angaben der spanischen Aktivistengruppe Arde Tiere an den Fleischkonzern Costa Brava Mediterranean Foods geliefert haben soll.

Arde dokumentierte dort über einen längeren Zeitraum Missstände und spielte den deutschen Medien Bildmaterial zu. Zudem erstattete die Organisation Anzeige gegen den Betrieb, der in Deutschland schnell den Namen „Horror-Hof“ erhielt. Bei offiziellen Kontrollen konnten Behörden bisher jedoch kein Tierleid nachweisen. Medien berichten immer wieder über Diskrepanzen zwischen dokumentierten Missständen und behördlichen Ergebnissen in Spanien. Brancheninsider aus der Industrie führen dies auf strukturelle Defizite im Zusammenspiel zwischen Betrieben, Veterinären und Behörden zurück.

Nach Angaben von Arde sollen Produkte aus der Lieferkette des Betriebs ausschließlich bei Aldi Nord in Deutschland erhältlich gewesen sein. Aldi weist die Vorwürfe zurück: Der Lieferant habe nach Rückverfolgung der Warenströme bestätigt, dass kein Fleisch aus dem betroffenen Betrieb verarbeitet worden sei. Zudem habe das Unternehmen ein unabhängiges Audit und zusätzliche Prüfungen veranlasst. Gegenüber der LP ­erklärte Aldi Nord außerdem, dass ­vergleichbare Kampagnen dieser Art aus anderen Ländern nicht bekannt seien.

Inzwischen hat der Betrieb La Yruela den Besitzer gewechselt und beliefert den spanischen Fleischriesen Grupo Mazana. Wie Costa Brava Mediterranean Foods ist auch dieser Abnehmer nach dem Welfair-Standard zertifiziert. Die veröffentlichten Bilder stellen jedoch die Aussagekraft solcher Siegel infrage.

Zielmarkt Deutschland

Nach Einschätzung von Legálitas gerät Deutschland aus mehreren Gründen besonders in den Fokus. Eine Rolle spielen das deutsche Lieferkettengesetz, die hohe Sensibilität der Konsumenten für Tierwohl und die wirtschaftliche Bedeutung des Marktes. Mehr als 10 Prozent der spanischen Agrarexporte gehen nach Deutschland. Für viele Produzenten ist der Absatz dort zentral – entsprechend groß ist die Hebelwirkung.

Gleichzeitig sind deutsche Handelsketten selbst stark vor Ort vertreten: Aldi und Lidl kommen in Spanien zusammen auf rund 1.400 Filialen. Diese Präsenz macht sie für Aktivisten zu sichtbaren und wirksamen Adressaten. „Deutsche Handelsketten haben Macht“, erklärt Julia Elizalde von Arde gegenüber der LP. Deutsche Konsumenten seien zudem kritischer.

Wenig Resonanz im Heimatmarkt

Auffällig ist, dass viele dieser Fälle in Spanien selbst vergleichsweise wenig mediale Aufmerksamkeit erhalten. Spanien ist der größte Schweineproduzent der EU: 2025 wurden dort mehr als 56 Millionen Tiere geschlachtet – ein Plus von rund 4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Entsprechend groß ist die wirtschaftliche Bedeutung der Branche. Zu viele verdienen mit spanischem Schinken und Schweinesteak Geld – vom landwirtschaftlichen Betrieb bis zum Gourmetrestaurant in Madrid. Zudem sind Handelsketten und Fleischverarbeiter wichtige Werbepartner der Verlage.

Ein Beispiel für die politische Sensibilität des Themas lieferte der ehemalige Verbraucherschutzminister Alberto Garzón, der wegen seiner kritischen Aussagen zu Fleischkonsum und Tierhaltung stark angegriffen wurde und daraufhin zurückruderte.

Ein bekanntes Muster

Der aktuelle Fall reiht sich dabei in eine Serie ähnlicher Kampagnen ein. Bereits in der Vergangenheit standen deutsche Händler wegen spanischer Lieferketten im Fokus – etwa beim Beerenanbau in Huelva oder in der Geflügelproduktion. In Zusammenarbeit mit der Albert Schweitzer Stiftung schalteten Aktivisten in den vergangenen Jahren Anzeigen in deutschen Medien wie der „Zeit“, in denen sie Lidl dafür kritisierten, mit spanischen Hühnerfarmen zusammenzuarbeiten, die angeblich Tiere quälten.

Ein Beispiel für die Wirkung solcher Kampagnen ist der Beerenanbau in ­Huelva in Andalusien. Seit Jahren prangern Aktivisten dort Probleme wie Wasserknappheit und Arbeitsbedingungen an. Da ein großer Teil der Produktion für den deutschen Markt bestimmt ist, gerieten internationale Handelsketten unter Druck. So konnte die spanische WWF-Niederlassung unter anderem Unternehmen wie Rewe, Lidl und Aldi zu mehr Kontrollen in ihren Lieferketten bewegen. „Natürlich zeigt das Wirkung in unserer Landwirtschaft, wenn auch nur langsam“, sagt WWF-Mitarbeiter Felipe Fuentelsaz.

Was das für den Handel heißt

Für den deutschen Lebensmittelhandel ergibt sich daraus ein Risiko: Kampa­gnen aus dem Ausland können schnell reputationsschädlich werden – unabhängig davon, ob sich Vorwürfe bestätigen oder nicht. Damit verschiebt sich die Verantwortung in der Wahrnehmung stärker in Richtung Handel – auch für Probleme am Anfang der Lieferkette, selbst wenn diese im Ausland auftreten. Zudem stehen deutsche Handelsketten zunehmend im Fokus von Aktivisten, die Missstände sichtbar machen und öffentlichen Druck aufbauen wollen.