Bauern treffen Händler – Händler treffen Bauern Tierwohl lebt – nur die Kunden sparen

Ist der Kunde auch in der Krise am Thema Tierwohl interessiert? Beim Treffen des Arbeitskreises „Bauern treffen Händler – Händler treffen Bauern“ tauschen sich Landwirte und Händler aus.

Dienstag, 26. September 2023 - Sortimente
Jens Hertling
Artikelbild Tierwohl lebt – nur die Kunden sparen
Niko Brand (Schlachthof Brand) musste bereits erste Tierwohlprogramme streichen.
Bildquelle: May, Jürgens, Brand, Hoppe, Stojny (2), Hertling

Wie verkauft sich das Thema Tierwohl in Zeiten der Krise? Sind Erzeuger, die in mehr Tierwohl investiert haben, die Verlierer der aktuellen Krise? Nein, so die Meinung der Mitglieder des Arbeitskreises „Bauern treffen Händler – Händler treffen Bauern“. Im Folgenden werden die wichtigsten Punkte der Diskussion zusammengefasst.

These: Krisen führen zu Einbußen
„Von Preissteigerungen betroffen sind alle Warengruppen. Kunden greifen offensichtlich verstärkt zu Angeboten oder Eigenmarken. Verändert hat sich aber auch das Ernährungsbewusstsein. Es gibt nach wie vor viele Kunden, die das Fleisch aus Tierwohlprogrammen nutzen“, sagt Frank Schmitt, Tierwohlkoordinator, der das Strohwohlprogramm der Rewe betreut. „Was das allgemeine Kaufver‧halten betrifft, so stellen wir jedoch fest, dass die Kunden zurückhaltender werden. Zu beobachten ist, dass die Discounter ihre Umsätze steigern. Aber wir bewegen uns immer noch auf einem recht hohen Niveau. Es ist höher als vor Corona“, sagt Dietmar Tönnies, Inhaber von Rewe-Tönnies in Odenthal.

„Die Krise macht sich auch bei uns in der Fleischtheke bemerkbar. Deshalb haben wir die Werbung ausgeweitet“, sagt Thomas Richter, Abteilungsleiter beim Warenhaus Bungert in Wittlich. Vor dem Hintergrund eines zunehmend preissensiblen Einkaufsverhaltens der Verbraucher hat er seine Strategie geändert: „Um den Umsatzrückgang aufzufangen, mussten wir die Anzahl der Aktionsprodukte im Fleischbereich von 13 auf 20 Artikel erhöhen.“

These: Tierwohl-bewusste Landwirte sind auf dem richtigen Weg
„Die Kunden sind sehr stark preisgetrieben. Die ersten Tierwohlfleischprogramme mussten wir leider wieder einstellen“, berichtet Niko Brand, Geschäftsführer vom Schlachthof Brand in Lohne. Vor allem im Gespräch mit vielen Landwirten spürt Niko Brand eine große Unsicherheit: „Ich bin bestrebt, den Landwirten Perspektiven aufzuzeigen. Fehlende Rahmenbedingungen verunsichern viele Betriebe. Meine Hoffnung ist, dass sich die Lage bald wieder normalisiert, damit wir mit den Landwirten wieder über neue Konzepte sprechen können.“ Dennoch sieht Brand die Landwirte nicht als Verlierer der Krise: „Landwirte, die sich jetzt mit dem Thema Tierwohl auseinandersetzen, sind auf dem richtigen Weg.“ Laut Brand sind die bestehenden Wertschöpfungsketten unglaublich stark: „Dies sollte noch viel stärker als bisher nach außen kommuniziert werden. Ich glaube, dass wir den Vorsprung, den wir uns hier erarbeitet haben, besser nutzen können, als wenn wir abwarten.“

Auch Simona und Carl-Hendrik May aus Drensteinfurt haben den Schritt zum Tierwohl nicht bereut. In den neu gebauten Stall mit der Haltungsformstufe 4 wurden im vergangenen Jahr die ersten Schweine eingestallt. Das Fleisch wird nicht nur direkt, sondern auch über Supermärkte in der Region und über die Gastronomie vermarktet. Carl-Hendrik May ist überzeugt: „Der Verbraucher will wissen, woher die Ware kommt. Das Wohl der Tiere ist daher ein wichtiger gesellschaftlicher Trend, der die aktuelle Krise auf lange Sicht überdauern wird.“ Bei Fleisch aus artgerechter Tierhaltung sollte es sich, so Simona May, um Produkte mit Identität handeln. „Auf dem Produkt müssen der Name und das Gesicht des Erzeugers erscheinen. Produkte mit Identität haben einen ganz anderen Stellenwert als No-Name-Tierprodukte“, sagt Simona May.

Landwirt Timo Jürgens aus Ostercappeln hat ein weiteres Problem ausgemacht: „Nicht jeder Landwirt kann in die Direktvermarktung einsteigen.“ Er bewirtschaftet einen Betrieb im geschlossenen System mit Offenstallhaltung und vermarktet seine Tiere an den Schlachthof Brand und an Rewe Dornseifer. Jürgens: „Häufig wird mit Festpreisen für Tierwohlfleisch gearbeitet. Die Differenz zwischen den Erlösen für Tierwohlfleisch und konventioneller Ware ist daher für den Erzeuger aufgrund der gestiegenen Schweinepreise derzeit gering.“

These: Tierwohlfleisch ist erklärungsbedürftig
Tierwohlfleisch müsse gut erklärt werden, sagt der Bungert-Abteilungsleiter Thomas Richter. „Die Kollegen an der Theke müssen von den Produkten überzeugt sein“, so Richter. Kommunikation und Transparenz sind daher laut dem Fachmann der Schlüssel für die Vermarktung von Produkten aus artgerechter Tierhaltung an den Verbraucher. Daher ist es wichtig, dass auch das Thekenpersonal in der Lage ist, die Besonderheit dieses Fleisches kompetent zu kommunizieren. Das Personal hinter der Theke müsse dem Verbraucher ehrlich und mit Begeisterung erklären können, warum das Tierwohlfleisch mehr kostet als das Stück Fleisch aus dem Einstiegssegment, so Richter.

These: Der Verbraucher wird Tierwohl weiter kaufen
Für entsprechende Qualität gebe es immer Kunden, die das Mehr an Tierwohl auch bezahlen, lautet die Einschätzung von Frank Schmitt. „Eine gute Marketingorganisation wie damals die CMA fehlt der Branche allerdings“, bringt es Frank Schmitt auf den Punkt. „Ein wenig Lobbyarbeit würde der Fleischindustrie guttun.“ Dietmar Tönnies ergänzt: „Es wird immer Menschen geben, die ein qualitativ hochwertiges Angebot nutzen. Es ist auch eine Aufgabe als Händler, für diese Kunden ein entsprechendes Angebot zu haben.“

Niko Brand betont dagegen, dass der Landwirt ein Einkommen braucht, das nicht nur reicht, um zu überleben, sondern auch, um zu leben. Laut Brand liegen die Vertragslaufzeiten zwischen einem und zehn Jahren: „Ich kann keine Sicherheit für die nächsten 10 bis 20 Jahre geben. Viel wichtiger ist jedoch die Art und Weise, wie die Wertschöpfungskette funktioniert und wie sie zusammenarbeitet.“

Stärken besser herausstellen
Alle Teilnehmer des Round Table blicken zuversichtlich in die Zukunft. „Die Stärke, die wir in den Ketten haben, müssen wir viel besser herausstellen. Ich bin der Meinung, dass wir als Wertschöpfungskette sehr viel schneller sind als der gesamte Rest der Fleischwirtschaft“, sagt Niko Brand. „Schwierige Zeiten sind auch Zeiten für Unternehmer“, so Kaufmann Dietmar Tönnies mit Blick auf die Zukunft. „Mit Augenmaß und Menschlichkeit werden wir uns auch in Zukunft behaupten.“

Bilder zum Artikel

Bild öffnen Der fünfte Arbeitskreis „Bauern treffen Händler – Händler treffen Bauern“ fand online statt.
Bild öffnen Niko Brand (Schlachthof Brand) musste bereits erste Tierwohlprogramme streichen.
Bild öffnen Timo Jürgens ist trotz der Krise mit seinen Tieren in Sachen Tierwohl gut im Rennen.
Bild öffnen Thomas Richter (Bungert) musste an seiner Theke die Anzahl der Angebote erhöhen.
Bild öffnen Schwierige Zeiten sind Unternehmerzeiten, so Dietmar Tönnies (Rewe Tönnies).
Bild öffnen Für Tierwohl wird es immer Käufer geben, ist sich Frank Schmitt (Rewe) sicher.

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