Presse-Erzeugnisse Es schlummern noch Umsatzreserven

Rund 2,34 Milliarden Euro Umsatz erzielt der Einzelhandel mit Presse-Erzeugnissen. Besonders erfolgreich ist der LEH. Fachleute trauen ihm noch weiteres Wachstum zu – auch mit schnell drehenden Büchern.

Sonntag, 03. Oktober 2021 - Sortimente
Bernd Liening
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Der Handel mit Presse-Erzeugnissen ist in Deutschland vergleichsweise gut durch die Corona-Pandemie gekommen. Das zeigt der aktuelle Geschäftsbericht des Gesamtverbandes Pressegroßhandel (GVPG). Sein AGP-Umsatz (Umsatz zu Abgabepreisen an den Einzelhandel) lag 2020 bei 1,76 Milliarden Euro und damit 3,31 Prozent unter Vorjahr. Zu Copy-Preisen (EVP) erlöste der Handel rund 2,34 Milliarden Euro.

Der bereits seit 2010 zu beobachtende Strukturwandel hält an, „hat sich aber durch die Pandemie nicht spürbar verschärft“, berichtet Felix Wahlich, Geschäftsführer des Cottbusser Pressevertriebs und im GVPG-Vorstand für Marktanalyse zuständig. Der filialisierte Einzelhandel hat vielerorts die Nahversorgerfunktion übernommen und gewinnt unter den insgesamt fast 94.000 Presse-Einzelhändlern Marktanteile hinzu. Supermärkte sind die wichtigste Geschäftsart im Presseeinzelverkauf, gefolgt von Fachgeschäften und den SB-Großflächen. „Mit einem Einzelhandelsanteil von rund 27 Prozent werden in den Verkaufsstellen dieser drei Geschäftsarten rund 61 Prozent des gesamten Presseumsatzes generiert“, unterstreicht Wahlich deren Bedeutung.

Der Geschäftsbereich Großkundenbetreuung des Grosso-Verbandes will die Entwicklung forcieren. Er steht mit 27 Key-Accounts im direkten Kontakt mit 70 Handelszentralen aus LEH, Discount, Tankstellen und Tabakwarenfachhandel. Im vergangenen Jahr wurden in deren Outlets 20 zeitlich gestaffelte Aktionen mit mehr als 30.000 Displays umgesetzt. Aufgrund der gestiegenen Anzahl an Zweitplatzierungsdisplays im Markt werden auch deren Erfolgsauswertungen immer wichtiger. Der GVPG kann mit einem neu entwickelten Sales-Monitor die Zusatzverkäufe von Aktionen detailliert analysieren. Neu: Neben den Aggregationsebenen Grosso-Gebiet, Lokalmarkt oder Geschäftsart können jetzt auch einzelne Vertriebslinien individuell ausgewertet werden.

Wie wichtig eine professionelle und zeitnahe Analyse der Nachfrage ist, zeigt allein schon die Zahl der Titel in den Verkaufsstellen. Das täglich geführte durchschnittliche Präsenzsortiment eines Einzelhändlers, die sogenannte „Sortimentsbreite Presse“, liegt bei 210 Produkten. Die breitesten Sortimente führen die SB-Warenhäuser mit durchschnittlich 730 Titeln. Discounter kommen im Schnitt auf 97 Printprodukte. Seit 2010 ist die durchschnittliche Präsentationsfläche im Handel von 23,2 Bordmetern auf aktuell 24 Meter angestiegen. An neuem Lesestoff ist kein Mangel: In den vergangenen zehn Jahren kamen durchschnittlich fast 400 Titel pro Jahr neu auf den Markt.

Interessant ist ein Blick auf die Lesepräferenzen, die sich im Zuge der Pandemie verschoben haben, wie die GVPG-Auswertungen zeigen: Die Menschen kaufen vermehrt politische Presse, Wirtschaftspresse und Jugendpresse. Auch in diesem Markt gibt es neben den allgemeinen Lesepräferenzen einige „Sonderkonjunkturen“, die – im Regal abgebildet – nicht nur interessante Zusatzumsätze versprechen, sondern gerade auch im LEH zur Kundenbindung beitragen. So werden laut DVPG neben den Pressetiteln auch Romane, Rätsel und Comics deutlich stärker nachgefragt. Miran Bilic, Verlagsleiter Serie bei der Verlagsgruppe Harpercollins Deutschland GmbH, nennt als Beispiel die Titel des Cora Verlags. Das sind Liebesromane mit Bestsellerreihen wie „Julia“, „Baccara“ und dem Sammelband „Julia Extra“ mit einer treuen weiblichen Fangemeinde. In klassischen Supermärkten erzielt das Cora-Sortiment im Durchschnitt einen Umsatz von 6.400 Euro pro Quadratmeter. Noch höhere Werte, nämlich 8.300 Euro, erreichen SB-Warenhäuser. Voraussetzung sei aber, dass es dort auch ein entsprechend breites Cora-Sortiment mit einer Verkaufshilfe wie zum Beispiel Romantreppe oder Drehsäule gibt, so Bilic. Diese sind für den Handel kostenlos.

Für die Leserinnen ist der LEH der Haupteinkaufsort ihrer Liebesromane. Nach einer Studie des Verlags sind die Käuferinnen zu 80 Prozent auch die haushaltsführenden Kaufentscheider, die den LEH mehrmals pro Woche besuchen. Die Frequenz hat in der Pandemie vermutlich noch zugenommen, da sich der Verkaufsanteil der Cora-Titel im LEH von 60 auf 70 Prozent erhöht hat. Laut einer früheren Marktforschung liest jede fünfte Frau in Deutschland Romane aus dem Cora Verlag und 17 Millionen Frauen kennen sie. Dank Netflix sind es seit letztem Jahr noch mehr geworden, denn die „erfolgreichste Netflix-Serie aller Zeiten basiert auf einem dieser Romane“, so der Verlag.

Marktforschung ist für den Verlag neben PoS-Besuchen ein wichtiges Instrument zur Optimierung der Titel und ihrer Vermarktung. Dadurch weiß man, dass die Kundin neben ihrer Hauptreihe auch gerne Sonderausgaben kauft. Faustregel: Ein breites Sortiment verbessert die Sichtbarkeit und erhöht die Durchschnittsverkäufe je Einkauf. „Uns hat natürlich auch interessiert, welches der optimale Ort für das Presseregal ist“, nennt Bilic einen weiteren Ansatzpunkt. Ergebnis der Analayse: Nicht der oft genutzte Kassenbereich ist optimal, denn da will der Kunde mit seinen frischen Lebensmitteln möglichst schnell nach Hause. Viel besser ist ein Ort vor den Frische- und Kühlabteilungen, der ein bisschen Platz und Ruhe bietet. Bilic: „Der Kauf eines Liebesromans wird fast genauso zelebriert wie später der Me-Moment beim Lesen.“

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