Spirituosen Mit Weitblick

Der Birkenhof im Westerwald ist derzeit der große Star der deutschen Spirituosenbranche. Von Corona unbeirrt bereitet die Familie Klöckner den Sprung aus der Region zur nationalen Marke vor. Mit den Söhnen Jonas und Lukas steht zudem bereits die achte Generation in den Startlöchern.

Freitag, 26. März 2021 - Getränke
Tobias Dünnebacke
Artikelbild Mit Weitblick
Bildquelle: Ingo Hilger

Die Destillerie „Birkenhof“, die über dem Nistertal bei Bad Marienberg thront, will so gar nicht zum Klischee des als karg und verschlossen geltenden Westerwaldes passen. Mit der Sonne über dem Tal geht es vorbei am Kräutergarten auf den Hof der mit großen Glasfassaden modern anmutenden Brennerei. Hier wartet schon Stefanie Klöckner auf uns, die das Unternehmen mit ihrem Mann Peter in siebter Generation leitet. „Wir arbeiten viel, aber ein solcher Standort entschädigt für jeden langen Arbeitstag“, sagt Stefanie Klöckner lachend und lässt zufrieden den Blick über die beeindruckende Aussicht streifen.
Spaß macht die Arbeit aber besonders auch dann, wenn sie Früchte trägt und von Erfolg gekrönt ist. Als eine der wenigen regionalen Destillerien in Deutschland kann Birkenhof seit Jahren zweistellig wachsen. Seit 2006, der Übernahme des operativen Geschäftes durch die siebte Generation Peter und Stefanie Klöckner, wurde der Umsatz mehr als verdreifacht. Die Edelbrände von Birkenhof, beispielsweise fassgelagerter Korn, handwerklich destillierter Rum oder der Single Malt aus der Reihe „Fading Hill“ (alle gehörend zur sogenannten Master Edition) räumen gerade eine Prämierung nach der anderen ab und sind sowohl im Fachhandel als auch im Lebensmittel-Einzelhandel (LEH) stark gefragt. Den Löwenanteil am Absatz machen natürlich nach wie vor Obstbrände aus. Zukunftsthemen sind unter anderem Gin („Gentle 66“, erstmals 2013) und Whisky als Single Malt aus Bourbon- sowie Rye aus Sherryfässern. „Wir haben 2002 aus Spaß am Experiment mal einen Weizenbierbrand destilliert und ausgebaut. Den hat ein befreundetes Paar mit nach England genommen und dem renommierten Whisky-Spezialisten Michael Jackson vorgestellt. Der war begeistert und nannte den Bier-Brand ‚beinahe einen Whisky‘. Das war für uns die Initialzündung für unsere Whisky-Ambitionen“, erinnert sich Klöckner. Nach sechs Jahren im Fass war die erste Edition des „Fading Hill“ schnell ausverkauft. Auch hier charakteristisch für das Unternehmen: Weitblick. Mittlerweile ist Whisky aus Deutschland keine Kuriosität mehr und findet auch jenseits der Landesgrenzen Anhänger. Laut Klöckner fehlen jetzt noch zwei Jahre im Fass, um auch von der verfügbaren Menge noch eins draufzulegen. Den Respekt in der Branche hat man auf jeden Fall schon sicher. „Vor zehn Jahren wurden deutsche Whisky-Produzenten auf Fachmessen von den Kennern eher belächelt. Heute ist das nicht mehr der Fall. Wir werden durchaus auf Augenhöhe mit den großen internationalen Namen gesehen“, freut sich Klöckner.

Von Korn im Tonkrug zur Edelflasche mit prämiertem Whisky
Groß geworden ist die 1848 gegründete Brennerei natürlich mit dem klassischen Korn. „In den 1970er-Jahren hat der hiesige Landrat ein regionales Vermarktungskonzept angeregt. Das Ergebnis war der braune Tonkrug, mit dem fortan Westerwälder Korn assoziiert und stärker in Supermärkten vermarktet wurde“, erklärt Klöckner. Ebenfalls ein Meilenstein in der Geschichte des Unternehmens: der Erwerb des Rezeptes von Meyer Wacholder 1972. Die heutige Generation mit Stefanie und Peter Klöckner übernahm 2006 das Ruder. Im selben Jahr kommt es zum Umbau und zur Erweiterung der Geschäftsräume auf dem ehemaligen Aussiedlerhof. Die Aufgaben sind gut verteilt: Stefanie ist zwar studierte Ökonomin, bezeichnet sich aber selbst als Bauch- beziehungsweise im Fall von Birkenhof als Nasenmensch. Sie ist ganz nah dran am kreativen Prozess an der Brennblase und könnte wahrscheinlich Stunden über die Auswirkungen der Lagerung im Sherryfass sprechen. Ihr Mann Peter hingegen hat 1988 seine Meisterprüfung zum Destillateur abgelegt, ist im Tagesgeschäft aber für die Finanzen zuständig. „Was zunächst paradox wirkt, hat seine Vorteile: Wir verstehen den anderen sehr gut“, so Stefanie Klöckner über die Rollenverteilung.

Die Söhne Jonas und Lukas stellen die nächste Generation dar. Beide sind bereits seit über zwei Jahren im Unternehmen aktiv. Der eine Destillateur mit Hang zum Whisky-Segment, der andere Experte für Bioprozesstechnologie mit Faible für Haselnusslikör und im Fass gereiften Korn (beide konnten sich mit den Marken „Jon“ und „Luk“ ausprobieren). „Für uns war relativ früh klar, dass wir in das Unternehmen einsteigen möchten“, sagt Lukas, und Jonas ergänzt: „Für mich als Destillateur ist es toll, dass hier so viel gemacht wird. Gemaischt, vergoren, destilliert, mazeriert, fassgereift, kreiert, geblendet und abgefüllt.“

Die Expansion läuft, und der LEH spielt eine zentrale Rolle
Auch wenn das Unternehmen Birkenhof mit dem damals angeschlossenen Getränkefachhandel Klöckner über die Gastronomie groß geworden ist, machen heute die Supermärkte rund 65 Prozent des Geschäftes aus. Ein Segen in Zeiten der Pandemie. So konnten die Verluste in der Gastronomie gut abgefedert werden. Das LEH-Geschäft läuft so gut, dass die Familie Klöckner mit verstärkten Außendienstaktivitäten den Ausbau zur nationalen Marke wagen möchte. Bei den angrenzenden Bundesländern Hessen und Nordrhein-Westfalen sind vor allem die Ballungsgebiete Köln und Frankfurt interessant. Aber auch in Norddeutschland soll Birkenhof in ein paar Jahren ein geläufiger Name bei Fans hochwertiger, handgemachter Spirituosen aus Deutschland sein. Aber hier hört der Blick in die Zukunft für Stefanie Klöckner nicht auf: „Ich finde auch das Thema Export interessant. Niemand weiß, wie sich die Kaufkraft in Deutschland entwickelt, und wir können auch stark im Export sein. Das ist dann aber wirklich eine Aufgabe für die nächste Generation.“ Interessante Märkte seien Osteuropa, Israel und Asien.

Und wieder dieser Blick für die Zukunft. Könnte es also gar nicht besser laufen im Birkenhof über dem schönen Nistertal? „Uns fehlen die Gäste“, sagt Klöckner. Vor Corona kamen zu Spitzenzeiten jährlich bis zu 25.000 Besucher in die Destillerie, um bei Verkostungen oder sogar beim Herstellen eigener Gin-Kreationen mehr über die Produktion von Spirituosen zu erfahren. Das schafft eine enorme Bindung zur Marke und zum Namen Birkenhof. Viele gerade hochpreisige Spirituosen sind zum großen Teil durch diesen direkten Kontakt auch am Regal so erfolgreich geworden. Aber egal wie lange es noch dauert, bis Corona auch den Birkenhof aus seinem Griff befreit und die Klöckners endlich wieder Gäste empfangen können: An großen Plänen und neuen Ideen wird es hier auf dem Birkenhof auf absehbare Zeit nicht mangeln.

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