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Getränke Eine neue Ära?

Katja Seger | 08. August 2020
Getränke: Eine neue Ära?
Bildquelle: Getty Images

Umweltschützer jubeln: In den letzten Jahrzehnten gab es kaum eine stärkere Dynamik in Sachen Nachhaltigkeit als jetzt. Das betrifft auch und vor allem die Getränkeindustrie mit ihren großen Dampfern Coca-Cola, Nestlé Waters und Danone Waters. Die Zeit des Greenwashings ist definitiv vorbei.

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Es sind vor allem diese drei international agierenden Konzerne, die seit Jahren mal mehr (Nestlé Waters) und mal weniger (Danone Waters) in der Kritik stehen. Dabei geben sich die Getränkeriesen alle Mühe, den Eindruck zu vermitteln „wir haben verstanden“. Von sozialem Engagement über das Bestreben in Sachen Klimaneutralität bis hin zu Verpackungslösungen wie Einwegflaschen, die zu 100 Prozent aus bereits verwendetem Plastik bestehen.

Woher kommt diese neue Bereitschaft zur Veränderung?
Zum einen, wie so häufig, durch Druck vom Verbraucher. Aktuelle Zahlen von Nielsen zeigen, dass die Wasserabsätze im deutschen Handel um acht Prozent zurückgegangen sind. Ein echtes Alarmsignal, denn viele Käufer setzen statt auf Flaschen aus dem Supermarkt auf Wasser aus dem heimischen Sprudler oder Filtersystem. Gleichzeitig steigt aber die Nachfrage nach Glas-Mehrwegflaschen, die wertmäßig mittlerweile immerhin schon 30 Prozent ausmachen. Ein klares Votum der Verbraucher, das nicht ignoriert werden kann. Hinzu kommen ernsthafte Signale aus der Politik, vornehmlich aus Brüssel, beispielsweise mit der so genannten „Single Use Plastic Directive“. Neben dem Verbot von einzelnen Wegwerfprodukten aus Plastik sind vor allem die Zielvorgaben interessant: Die Mitgliedstaaten müssen demnach 90 Prozent der Getränke-Kunststoffflaschen bis 2029 getrennt sammeln. Außerdem werden für den Gehalt an Recyclingkunststoff in Flaschen verbindliche Ziele festgelegt. Noch spannender: Die französische Regierung will Einwegverpackungen aus Plastik bis 2040 stufenweise ganz verbieten – das gilt auch für die PET-Einwegflasche. Das käme einem Paradigmenwechsel in der europäischen Getränkeindustrie gleich.

Branchenkenner: „So etwas habe ich noch nicht erlebt“
Ein Branchenkenner, der sich bereits seit den frühen 1990er Jahren mit der Gebinde-Thematik beschäftigt, ist erstaunt: „In den letzten 30 Jahren habe ich eine solche Dynamik nicht erlebt und man hat das erste Mal das Gefühl, dass sich gerade wirklich etwas bewegt, vor allem bei unseren europäischen Nachbarn.“ Deutschland gilt in Europa als der Musterknabe bei den neuen Nachhaltigkeitsbestrebungen: Seit Einführung des Einwegpfandes in 2003 gibt es hierzulande ein funktionierendes Rücknahmesystem mit hohen Rücklaufquoten von bis zu 98 Prozent. Mehrweg, nach den zuletzt gültigen Ökobilanzen und unter bestimmten Voraussetzungen noch immer die nachhaltigste Gebindeform, erreicht bei uns zwar nicht die gesetzlich verankerte Quote, liegt aber immerhin bei 40 Prozent. Den meisten Verbrauchern in anderen europäischen Ländern ist ein funktionierendes Mehrwegsystem wie das der Genossenschaft Deutscher Brunnen noch völlig fremd. Sollten Frankreich und die EU wirklich langfristig ernst machen mit dem Kampf gegen das Einweg-Plastik, dann müssen sich die Konzerne bewegen.

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RPET schafft für Konzerne Verhandlungsspielraum
Während Deutschland mit seinen über 200 Mineralbrunnen verhältnismäßig regional geprägt ist und selbst Coca-Cola als nationaler und sogar regionaler Abfüller einen ausgewogenen Gebindemix vorweisen kann, stehen internationale Konzerne wie Danone Waters (Volvic) und Nestlé Waters (Vittel) unter Druck. Ihre Produkte legen durch die Abfüllung in Italien und Frankreich nicht nur vergleichsweise lange Transportwege zurück, sondern werden auch vornehmlich in Einweg-Plastikflaschen verkauft. Ein derzeit beliebtes Mittel, um dieses Gebinde aus der Schmuddelecke zu holen, ist die Erhöhung der Anteile von recyceltem PET, so genanntes rPET. Das Paradoxe: rPET ist zurzeit ein knapper Rohstoff und in der Produktion teurer als neues Plastik. Trotzdem setzen die Hersteller gerade massiv auf höhere Quoten. Nestlé Waters Deutschland Chef Marc Honold erklärte gegenüber der Lebensmittel Praxis: „Noch in diesem Jahr werden in Deutschland die Vittel 0,5-Liter- und 0,33-Liter-Flaschen von derzeit 35 Prozent auf 100 Prozent rPET umgestellt.“ Auch Wettbewerber Danone Waters macht Druck bei dem Thema: „Wir haben mit vielen Partnern über einen langen Zeitraum hinweg daran gearbeitet, sehr hochwertiges rPET aus Europa zu beziehen. Das ist uns erfolgreich gelungen. Aus diesem Grund können wir ab September 2020 als Marktführer im stillen Mineralwassermarkt alle unsere PET-Flaschen zu 100 Prozent aus Altplastik herstellen. Wir sind stolz darauf, dass wir ab September nur noch Flaschen aus Mehrweg-Plastik in den Verkehr setzen“, erklärt Marc Widmer, Verkaufsdirektor Danone Waters Deutschland. Dass die Konzerne bei einem so preissensiblen Markt wie dem Getränkesektor in Deutschland freiwillig auf teurere Rohstoffe setzen, ist zumindest bemerkenswert. „Meine Vermutung ist, dass man sich hier Luft schaffen will in den kommenden Verhandlungen“, so der Branchenkenner. Plastikflaschen müssen schnellstens ein besseres Image bekommen. Bei einem kompletten Verbot der PET-Einwegflasche wäre das Geschäftsmodell vieler Getränkehersteller ernsthaft in Gefahr. Auch die derzeitigen Tests mit Mehrweg-Flaschen beim deutschen Vorzeigediscounter Aldi, traditionell eher ein Meister der Zahlen als der Ideologie, zeigen: Einweg-Gebinde stehen nicht mehr hoch im Kurs.

Wer betreibt Greenwashing, wer meint es ernst?
Die Strategie, sich mit dicken Nachhaltigkeitsberichten und halbherzigen Engagements einen grünen Anstrich zu verpassen, wird nicht mehr reichen. Dafür ist der Druck von Politik und Verbrauchern zu groß. „Natürlich ist es für große Unternehmen manchmal schwierig, Glaubwürdigkeit zu erlangen. Das liegt daran, dass große Konzerne in der Vergangenheit Fehler gemacht haben und Dinge versprochen haben, die sie nicht eingehalten haben“, so das überraschende Bekenntnis von Danone-Waters-Vertriebschef Marc Widmer. Überhaupt scheinen die Franzosen aktuell das stärkste Engagement zu zeigen, um dem Image des umweltverschmutzenden Großkonzerns entgegenzutreten: Klimaneutralität seit Mai 2020, alle Flaschen zu 100 Prozent aus Altplastik ab September 2020, Trinkwasserprojekte in vielen Teilen der Welt (unter anderem in Zusammenarbeit mit UNICEF) sowie das juristisch hart erkämpfte Bio-Label für Volvic nach den Richtlinien von Fresenius. In Deutschland völlig neu und untypisch ist auch die Zertifizierung nach den strengen Richtlinien von BCorp. Mehr ist eigentlich nicht möglich.

Auch Coca-Cola und Nestlé Waters kämpfen um ein besseres Image
Natürlich schläft die Konkurrenz nicht. Coca-Cola weist seit Jahren auf seine dezentrale regionale Struktur bei der Abfüllung und dem verhältnismäßig hohen Mehrweganteil von knapp 40 Prozent in Deutschland hin. „Wir sind der größte Mehrweganbieter für Erfrischungsgetränke in Deutschland. Allein in den letzten vier Jahren haben wir über 250 Millionen Euro in die Mehrwegabfüllung investiert“, erklärt Uwe Kleinert, Leiter Nachhaltigkeit bei der Coca-Cola GmbH. Hinzu kommen Experimente und Forschungsprojekte, wie jüngst das Engagement beim niederländischen Start-up Cure Technology, das mittels einer neuartigen Technologie lebensmitteltauglichen Plastik-Polyester-Reststoffen ein neues Leben verleihen will.

Auch Nestlé Waters kann sich dem Zeitgeist natürlich nicht entziehen. Das Unternehmen steht, wohl auch wegen dem angeschlagenen Image des Mutterkonzerns, besonders unter Beobachtung. Dabei setzt sich auch Nestlé Waters ehrgeizige Ziele, etwa beim Thema rPET, und verweist auf die zuletzt beschlossene Investitionssumme von zwei Milliarden Schweizer Franken, die in die Erforschung und Entwicklung nachhaltiger Verpackungen fließen sollen. Trotzdem beschreibt Nestlé Waters Deutschland Geschäftsführer Marc Honold die teils harschen Angriffe von Medien und NGO‘s als einen Kampf gegen Windmühlen: „Das was ich die letzten Jahre erlebt habe, wünsche ich keinem. Es ist sehr zeit- und energiefordernd, aber wir müssen versuchen, unsere Botschaft zu vermitteln“ (ein ausführliches Interview mit Marc Honold lesen Sie in der nächsten Ausgabe).

Der Branchenexperte sieht derzeit Danone mit der Nase vorn: „Es ist schon sehr beachtlich, dass sich ein Konzern von der Größe entschuldigt und Fehler eingesteht. Außerdem halte ich BCorp für seriös. Das ist definitiv ein interessanter Ansatz der Gemeinwohlökonomie und kein Greenwashing.“