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Interview Guido Grebe Christinen ist keine Ramschmarke

Tobias Dünnebacke | 17. Dezember 2019
Interview Guido Grebe: Christinen ist keine Ramschmarke
Bildquelle: Ingo Hilger

Mit einem gewaltigen Investitionsaufwand stellt sich der Mineralbrunnen Gehring-Bunte neu auf und stärkt den Standort Bielefeld. Mit neuen Produkten soll zudem die Zielgruppe erweitert werden. Ein Gespräch mit Geschäftsführer Guido Grebe.

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Herr Grebe, Sie führen den Brunnen in einer Phase der Erneuerung. Was ist das konkrete Ziel Ihrer Investments?
Guido Grebe: Der Wunsch der Gesellschafter ist es, den Standort in Bielefeld zu sichern und fit für die Zukunft zu machen. Seit 2017 befindet sich der Brunnen in einer Konsolidierungsphase, bei der bereits 20 Millionen an Investitionen geflossen sind. Das Werk Wiesenburg wurde verkauft und die Tetra Pak Produktion nach Bielefeld verlagert. Neben neuen Anlagen für Glas und PET wurde auch in ein neues Hochregallager investiert, das bis zu 8.700 Palettenstellplätze bietet, womit die Lagerkapazität auf insgesamt rund 30.000 Stellplätze aufgestockt werden kann. Damit wird der Standort deutlich aufgewertet. Hinzu kommen Investitionen in einen neuen Sozialtrakt, Büros und ein neues Labor sowie natürlich Personal.

Das Jahr 2019 stand unter dem Zeichen der Modernisierung der wichtigsten Marke Christinen, unter anderem mit neuen Etiketten, als auch der Einführung neuer Getränke-Segmente. Was macht die Produkte besonders und wen wollen Sie damit erreichen?
Neben dem moderneren Auftritt der Marke Christinen wollen wir mit unseren neuen Produkten die Zielgruppe erweitern. Wir haben uns dabei auf Wachstumskategorien konzentriert wie beispielsweise Energy-Drinks. Mit unserer Marke B-Wake setzen wir auf ein Getränk, das zwar viel Koffein enthält (wie ein klassischer Energy-Drink), bei dem das Taurin aber durch Vitamin B ersetzt wird. Ein anderer Wachstumsbereich sind die leichten, zuckerreduzierten Limonaden, wie unsere Variante Zitrone-Ingwer mit nur 19 Kalorien pro 100 Milligramm. Weitere Einführungen gab es unter der Marke Aquafrucht (Wasser mit Geschmack in beliebten Top-Geschmacksrichtungen Kirsche und Zitrone) sowie unserem Sport-Getränk Christinen Iso Sport.
Die Produkte wurden sukzessive im Spätsommer auf den Markt gebracht. Gibt es schon eine erste Bilanz?
Die leichte Limo funktioniert sehr gut und wird im Sortiment bleiben. Bei Aquafrucht haben wir uns zuerst etwas schwer getan, aber wir bekommen da im Frühjahr jetzt interessante Listungen. B-Wake läuft noch schleppend, aber das ist für uns keine Überraschung. In diesem Segment muss man eine Menge Geld in die Hand nehmen und gerade unser Produkt muss wegen seiner Besonderheit erklärt werden. Wir halten uns mit den Marketinginvestitionen aber auch noch etwas zurück und setzten vor allem auf B2B und die Präsenz am PoS. Auch bei neuen Produkten wachsen wir übrigens besonders mit Glasgebinden.

Noch vor rund zehn Jahren war die Angst bei den Marken-Brunnen groß vor den Discountern, die Mineralwasser billig verramschen. Wie gestaltet sich der Markt heute?
Es gab in den vergangenen Jahren eine stetige Entwicklung, bei der Premiummarken profitieren konnten und B-Marken verlieren. Der Kunde von heute kauft nicht nur den Inhalt, sondern ihm ist auch das ganze Erscheinungsbild, das Gebinde wichtig. Er verbindet mit einer Marke ein gewisses Lebensgefühl. Besonders positiv für uns: Hat sich ein Verbraucher einmal an eine Marke gebunden, wechselt er in der Regel nicht so schnell zu einem Wettbewerber. Trotzdem machen die Discountwässer im Preiseinstiegsbereich noch immer etwa die Hälfte des Marktes aus. Insgesamt muss man aber sagen, dass sich der Mineralwassermarkt sehr positiv entwickelt hat, wenn man bedenkt, dass der Pro-Kopf-Verbrauch 1970 bei rund 12 Litern lag und sich heute auf dem Niveau von 150 Litern pro Kopf befindet.

Stichwort Gebinde: Mit der Einführung der individuellen Blauglasflasche unter der Marke Christinen hat Gehring-Bunte als erster Mineralbrunnen 1984 auf ein Individualgebinde für die Gastronomie gesetzt. Welchen Stellenwert hat die Individualisierung für Sie heute?
Wir führen derzeit sechs Individual-Glasgebinde unter der Marke Christinen. Wir glauben: Der Markenwert kann heute besonders über die individuelle Verpackungsform vermittelt werden. Die Brauereien, die sich immer stärker aus dem Pool zurückgezogen haben, haben es vorgemacht. Wir beobachten auch im Zuge der aktuellen Plastik-Debatte, dass unser Wachstum vor allem bei Glasmehrweg stattfindet. Trotzdem bieten wir natürlich weiter eine umfangreiche Palette an Packungsarten für jeden Konsumanlass, also Glasmehrweg, Pet-Einweg, Petcycle und Tetra Pak. Es gibt in ganz Europa keinen Getränkehersteller mit einer größeren Gebindevielfalt.

Wie steht es mit der traditionsreichen Perlenflasche der Genossenschaft Deutscher Brunnen (GDB)?
Wir füllen die alte Version, die so genannte N1-Flasche, für eine kleine regionale Marke ab. Ich finde die neue Version der GDB-Flasche zwar sehr ansehnlich, aber gerade unter der Marke Christinen würde es die Verbraucher verwirren, wenn wir zusätzlich in einer Pool Flasche abfüllen würden. Wir setzen daher weiter auf unser Individualgebinde.

Bei Ihren Kollegen aus der Brauwirtschaft tobt gerade eine hitzige Debatte um die Höhe des Pfandes. Ist das auch ein Thema bei den Mineralbrunnen?
Es ist teuer, immer in neue Gebinde zu investieren. Auch wir haben eine Ausfallquote bei unserer Produktion oder durch Flaschen, die beim Verbraucher kaputtgehen, die durch die Höhe des derzeitigen Pfandes nicht abgedeckt wird. Dennoch gibt es im Moment keine ernsthaften Überlegungen, das Pfand bei Mineralwasser zu erhöhen. Unser Problem ist eher: Es gibt zu wenig Glasproduzenten in Deutschland. Die Marktgegebenheiten sind im Moment so, dass uns der Preis diktiert wird. Daher schauen wir derzeit im Ausland, ob wir hier in Zukunft auch Flaschen produzieren lassen könnten.

Sie werden auch für die PET-Flaschen von Christinen den RPet-Anteil erhöhen und folgen damit einer branchenweiten Entwicklung. Halten Sie den Trend wirklich für sinnvoll oder wird hier Greenwashing betrieben?
Wir stehen derzeit für Christinen bei einem Anteil von 55 Prozent und werden diesen im Frühjahr auf 75 Prozent erhöhen. Das Thema ist bei den Kunden sehr präsent. Zunächst darf man PET-Einweg nicht verteufeln. Eine Herausforderung ist es, die Kreislaufwirtschaft zu stärken. Das wäre aus meiner Sicht einmal eine Aufgabe für die Politik, die Anteile der Plastikprodukte zu erhöhen, die wieder verwertet werden. Was RPet betrifft: Wir können theoretisch auf einen Anteil von 100 Prozent gehen, aber zur Wahrheit gehört auch, dass die Produkte dann deutlich teurer werden. Außerdem gibt es diese Rezyklat-Mengen derzeit in Europa überhaupt nicht. Das wird sich aber in den nächsten Jahren ändern, denn die Rezyklat-Hersteller wittern hier schon ein Geschäftsmodell.

Christinen ist national durch die starke Präsenz in Convenience-Kanälen unter anderem mit dem Tetra Pak bekannt. Welche Rolle spielt aber der Lebensmittel-Einzelhandel und welche Herausforderungen sehen Sie hier?
Unser Anteil im Lebensmittel-Einzelhandel liegt bei 60 Prozent, ist also ganz erheblich. Was uns bei neuen Marktkonzepten auffällt: Die Fläche für Getränke wird zunehmend kleiner. Hinzu kommt eine Flut an neuen Marken und Start-ups, die es so vor 15 Jahren noch nicht gegeben hat. Da fällt es uns zunehmend schwer, die optimale Präsentation im Handel für uns zu finden. Hinzu kommt, dass wir nicht jedem WKZ-Gedanken des Handels folgen können, unsere Möglichkeiten sind da begrenzt. Manchmal wünschen wir uns von den Einkäufern, dass den kleinen Marken mehr Raum gegönnt wird.

Ein aufmerksamkeitsstarkes Instrument ist immer die Preisaktion. Wie hoch ist hier Ihr Anteil?
Mit rund 15 Prozent zum Glück eher gering. Das ist auch nicht unser Anspruch. Wir wissen, dass wir durch solche Aktionen mittelfristig nicht mehr verkaufen und versuchen eher durch Zugaben und Gratisflaschen Aufmerksamkeit zu erzielen. Wir sind keine Ramschmarke.

Guido Grebe ist seit Anfang 2018 bei Gehring-Bunte und war vorher beim regionalen Wettbewerber Wüllner.