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Wafg Nutri-Score - und dann?

Lebensmittel Praxis | 17. Dezember 2019
Wafg: Nutri-Score - und dann?
Bildquelle: Getty Images

Die politische Entscheidung zur freiwilligen Visualisierung in der Kennzeichnung ist getroffen – der Nutri-Score soll Verbrauchern in Deutschland bei verpackten Lebensmitteln eine einfache Entscheidungshilfe bieten. Allerdings sind noch viele Fragen offen.

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Bundesministerin Julia Klöckner hat die Ergebnisse einer Verbraucherbefragung zur Visualisierung im Kontext der Nährwertkennzeichnung vorgestellt: 57 Prozent der Befragten sprachen sich für den Nutri-Score aus, immerhin noch 28 Prozent für das Modell des Max Rubner-Instituts. Die Keyhole-Kennzeichnung und das Modell des Lebensmittelverbands Deutschland erhielten geringeren Zuspruch. Die Ministerin hatte bereits auf unserem wafg-Frühjahrsmeeting erklärt, dass für sie das Ergebnis dieser Befragung mit Blick auf die Entscheidung für eine freiwillige erweiterte Nährwertkennzeichnung „maßgeblich“ sei.

Die Einführung von Nutri-Score in Deutschland bedarf einer nationalen Gesetzgebung, die bereits eingeleitet wurde und im Frühjahr 2020 abgeschlossen werden soll. Der Referentenentwurf für eine Verordnung zur Änderung der Lebensmittelinformations-Durchführungsverordnung wurde den beteiligten Kreisen im Rahmen einer schriftlichen Verbändeanhörung vorgelegt. Auch und gerade mit Blick auf Getränke ergeben sich noch zahlreiche Fragen und Herausforderungen mit Blick auf eine sinnvolle Ausgestaltung dieser freiwilligen Kennzeichnung. Dies betrifft vor allem zwei Themenfelder: So fehlt es Nutri-Score als Modell bisher an einer kohärenten Abstimmung mit den geltenden rechtlichen Vorgaben zu nährwertbezogenen Angaben in der Health-Claims-Verordnung. Hinzu kommt, dass eine solche Information nur dann als Orientierungshilfe bei der Kaufentscheidung bzw. Auswahl funktioniert, wenn auch innerhalb der Kategorien (also etwa bei gesüßten Getränken) eine hinreichende Differenzierung möglich ist.

Offene Fragen und Optimierungspotenzial
Der Nutri-Score kommt. Die Erwartungen an die erweiterte Nährwertkennzeichnung sind groß. So sollen vor allem Verbraucherinnen und Verbraucher schnellen Zugriff auf die Ernährungseigenschaften verschiedener Produkte erhalten. Das Modell soll zugleich Anreiz zur Kalorienreduzierung bzw. gewünschten Reformulierung bei Produkten sein.

Genau hier ist allerdings noch einiges zu tun: Gerade bei (zuckerhaltigen) Getränken wird der Nutri-Score zu keiner angemessenen Unterscheidung zwischen Vollzucker- und zuckerreduzierte Getränken führen.

Hinzu kommen die greifbaren Widersprüche zu EU-rechtlich zulässigen Auslobungen nach der Claims-Verordnung (wie etwa bei „zuckerfrei“ oder „zuckerreduziert“). Warum nur „reine“ Wässer (ohne jeden Zusatz) ein „A“ erhalten können, erschließt sich mit Blick auf ernährungsphysiologische Aspekte ebenso nicht. Warum sollen beispielsweise Wässer mit Aroma oder Mineralstoffen nicht dieser Kategorie zugeordnet sein, selbst wenn sie ebenfalls keine Kalorien enthalten und eine gute (geschmackliche) Alternative darstellen können?

Fakt ist: Nutri-Score ist für einige Kategorien jedenfalls kein funktionierender Anreiz zur Reformulierung. Es bleibt also Diskussionsbedarf.

Nutri-Score - das Modell
Der Nutri-Score setzt auf Mehrfarbigkeit und Buchstaben zur Einordnung. Die Bewertung stützt sich auf einen Algorithmus, der Energiedichte sowie Gehalte an Zucker, gesättigten Fettsäuren, Salz, Ballaststoffen, Eiweiß und Obst/Gemüse/Nüssen/Hülsenfrüchten bzw. bestimmten Pflanzenölen „miteinander verrechnet“. Diese werden in einen einzigen Wert überführt – in einer fünfstufigen Skala für die günstigste Bilanz von einem dunkelgrünen „A“ über ein gelbes „C“ bis zu einem roten „E“. Dabei unterscheidet das Bewertungssystem zudem zwischen festen Nahrungsmitteln und Getränken. Die Werte für Getränke sind strikter als für andere Lebensmittel. Der Nutri-Score wird als Marke in Frankreich geführt, der Algorithmus wurde dort entwickelt. Eine Anpassung gab es zuletzt bei Olivenöl.