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Interview mit Wolfgang Hinkel Einweg ist Klimaschutz!

Tobias Dünnebacke | 22. November 2019
Interview mit Wolfgang Hinkel: Einweg ist Klimaschutz!
Bildquelle: Carsten Hoppen

Wolfgang Hinkel gilt als Instanz, wenn es um das Thema Einweg-Gebinde geht. Im Gespräch erzählt der ehemalige Managing Director von Ball Packaging, was ihn an der aktuellen CO2-Debatte aufregt und warum die Getränkedose viel besser ist als ihr Ruf.

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Das Umweltbundesamt fordert, dass die Discounter mehr Mehrweg-Gebinde anbieten sollen. Ein sinnvoller Vorschlag um die angestrebte Mehrwegquote von 70 Prozent zu erreichen?
Wolfgang Hinkel: Die ganze Debatte um Plastikverpackungen und Einweg wird von angeblichen Spezialisten betrieben, die keine Ahnung habenn wovon sie reden. Stellen Sie sich einfach mal vor, was das für Verwerfungen am Markt bedeuten würde, wenn diese Quote ernsthaft angestrebt wird: Wenn wir das Jahr 2016 als Basis nehmen, müssten wir 9,6 Milliarden Liter Getränke (Wasser und Softdrinks, Bier liegt bei mehr als 80 Prozent Mehrweg; Anm. der Redaktion) auf Mehrweg umstellen. Dann würden auf einen Schlag 1,3 Millionen Lkw-Touren mehr anfallen oder rund 330 Millionen Kilometer müssten mehr gefahren werden. So etwas zu fordern, ist völlig unrealistisch und auch im Sinne des Klimaschutzes unsinnig. Unsinnig deshalb, weil durch solche Forderungen der CO2-/NOx-Ausstoß steigen würde. Hinzu kommt noch, dass wir weder genügend Lkw und Fahrer noch Parkplätze haben und unsere Straßen heute schon überlastet sind und eine Deutsche Bundesbahn diese Transporte nicht leisten kann.

Wie kommen Sie auf diese Zahlen?
Die Zahlen sind von mir. Es lässt sich aber auch relativ leicht errechnen. Schauen Sie: Ein Lkw mit Vollgut kann in etwa die doppelte Menge an Einweggebinden transportieren als an Mehrweg. Beim Leergut sieht es so aus, dass man 1,4 Millionen Dosen und rund 400.000 PET Flaschen transportieren kann. Demgegenüber stehen nur rund 14.000 Mehrwegflaschen je Ladung. Das sind einfache Fakten, über die aber leider niemand spricht.

Mehrweg-Initiativen und NGOs halten dagegen und preisen die bessere CO2-Bilanz von beispielsweise Glas-Flaschen an.
Was die Deutsche Umwelthilfe und die Initiative Mehrweg betreiben, ist für mich Verbrauchertäuschung. Gebetsmühlenartig wird erzählt, dass die Mehrwegflaschen bis zu 60 mal wieder befüllt werden können. Richtig, sie können, werden es aber nicht! Das ist das Ergebnis der Deloitte-Untersuchung im Jahr 2013 im Auftrag des HDE und BVE. Diese Untersuchung, im Übrigen die erste, bei der in den Unternehmen körperlich gezählt wurde, hat gezeigt, dass Mehrwegflaschen nicht die nötigen Umläufe erreichen und sehr weit transportiert werden müssen. Mehr als 90 Prozent des Bieres wird eben nicht regional verkauft, sondern über weite Strecken durch das Land gefahren. Ökologisch macht das keinen Sinn.

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Nochmals zurück: Mehrweg bei Aldi und Lidl: Was würde das bedeuten?
Wenn im gesamten Discount Mehrweg verkauft werden muss, dann gibt es im Prinzip nur Verlierer, weil es dann zu gravierenden Marktverwerfungen kommen wird. Die, die bisher kein Mehrweg führen, müssen sehr hohe Investitionen in Lagerflächen, Rücknahmeautomaten und einiges mehr tätigen, und andere werden Umsätze verlieren. Nur ein Beispiel dazu: Wenn der Konsument seinen Kasten Markenbier beim Discounter kaufen kann, der heute noch kein Mehrweg führt, warum sollte er dann noch in einen Getränkeabholmarkt oder zum klassischen Einzelhändler fahren?

Politisch, so steht es in der Verpackungsverordnung, will man aber an dem Ziel 70 Prozent Mehrwegquote festhalten. Ist das realistisch?
Ich habe grundsätzlich nichts gegen Mehrweg. Beide Systeme haben ihre Vor- und Nachteile und können theoretisch gut nebeneinander laufen. Aber schauen Sie sich den aktuellen Zustand doch einmal an: Mehrweg ist nicht grundsätzlich, so wie immer behauptet, ökologisch vorteilhafter. Das hat etwas mit der Individualisierung der Flaschen und Kästen zu tun. Für eine ökologische Vorteilhaftigkeit im Vergleich zu den Getränkeeinwegverpackungen benötigen wir wieder den blutroten Kasten und die NRW-/Euroflasche für Bier und den braunen Kasten und die Perlenflasche für alle Wasser- und Limonadengetränke.

Es klingt so, als sei das Mehrwegsystem aus Ihrer Sicht gescheitert...
Die Individualisierung der Gebinde führt das System doch völlig ad absurdum. Wie viele Flaschen es auf dem Markt gibt, weiß keiner so genau. Eine Recherche von mir mit dem Automatenhersteller Tomra kam auf rund 880 Mehrweggebinde. Andere Untersuchungen sprechen von 1.500 Flaschen. Noch gravierender ist es bei den Kästen: Es gibt derzeit rund 3.000 verschiedene Getränkekisten in Deutschland! Jeder dieser individuellen Kästen muss immer wieder zurückgebracht werden an den Ort der Abfüllung. Das ist aber nicht die Realität und aufgrund dessen entstehen hohe Verluste durch Neuanschaffungen. Deswegen soll ja jetzt das Pfand auf mindestens fünf Euro erhöht werden. Ähnlich sieht es bei den Flaschen aus. Da müssen schon mittelständige Brauereien hohe Beträge in neue Flaschen investieren, weil ihnen das Leergut ausgeht. Heute wird Leergut vernichtet, weil die Transport- und Sortierkosten einfach zu hoch sind. All das sind Indizien dafür, dass Mehrweg nicht per se vorteilhafter ist als Einweg.

Der Meinung ist nicht jeder. Es gibt sogar Überlegungen im Umweltbundesamt, das deutsche Mehrwegsystem auf andere Länder in der EU zu übertragen.
Da kann man nur mit dem Kopf schütteln. Hier muss man wirklich sagen, dass die Befürworter aus der Politik sowie von den NGO´s die Realität völlig ausgeblendet haben. Viel sinnvoller wäre es, wenn in ganz Europa Pfandsysteme (einige Länder haben bereits Systeme) wie in Deutschland aufgebaut würden. Fast alle bepfandeten Getränkeeinwegverpackungen, bei der Getränkedose sind es 99 Prozent und bei PET 98 Prozent, werden über das Deutsche Pfandsystem als Sekundärrohstoffe in die Wertstoffkreisläufe zurückgeführt. Sammeln und wiederverwerten ist die Zukunft und das nicht nur bei den Getränkeeinwegverpackungen.

Manchmal muss man eben vorpreschen, wenn man Dinge verändern will. Sie freuen sich heute über einen Rücklauf bei der Dose von 99 Prozent. Das wäre ohne Einwegpfand, das Sie zunächst auch abgelehnt haben, nicht möglich.
Stimmt, wir waren damals dagegen, weil es kein funktionierendes System gab. Und wir hatten recht, wenn man sich noch an das Chaos nach der Einführung erinnert. Zuerst Zettelwirtschaft. Alle die Getränke verkauft haben, mussten mit Pfandbons arbeiten. Als man merkte, dass das nicht funktioniert und die Versorgung mit Getränken vor dem Kollaps stand, hat Trittin die Insellösungen genehmigt, die nur mit PET-Flaschen möglich waren, nicht aber mit der Getränkedose, weil alle unsere Vorschläge vom BMU abgelehnt wurden. Wer sich erinnert, jedes Handelsunternehmen hatte sein eigene PET-Flasche. Wenn die Ball Corporation uns (Schmalbach-Lubeca AG, Anm. der Redaktion) im Dezember 2002 nicht gekauft hätte, wären wir bankrott gegangen. Wir mussten massiv auf Kurzarbeit setzen, weil wir 90 Prozent unseres Inlandsumsatzes verloren hatten. In dieser Zeit, das heißt von 2003 bis 2010, haben die Getränkedosenhersteller einen mittleren dreistelligen Millionen-Betrag verloren. Das Management von Ball Corporation hat alles getan, damit wir wieder auf die Beine kommen.

Heute scheint sich Ihre Branche aber erholt zu haben. Die Dose gewinnt beim Verbraucher deutlich an Beliebtheit. Trotz hohen Pfandes. Wo steht das Gebinde heute?
Vor 2003 wurden 6,3 Milliarden Getränkedosen in Deutschland konsumiert. 2004 standen wir bei 259 Millionen und einem Umsatzverlust von 90 Prozent. Es hat zehn Jahre gedauert, bis alle Einzelhandelsunternehmen und Discounter die Getränkedose wieder angeboten haben. 2018 wurden wieder 3,8 Milliarden Dosen konsumiert, und auch in diesem Jahr können wir ein zweistelliges Wachstum verzeichnen. Und schon stehen die vermeintlichen Umweltschützer wieder auf dem Plan. Sie fordern eine Mehrwegquote und eine zusätzliche Abgabe von 20 Cent je Gebinde!
Mich erinnert das alles an eine Planwirtschaft, die bekanntlich nicht funktioniert hat und in einem Staatsbankrott endete.

Woher kommt dieses überraschende Comeback der Dose?
Der Konsument hat sich an sie gewöhnt und viele Hersteller setzen bei ihren Neuheiten darauf. Sicherlich haben uns auch diverse Listungen im Hard-Discount und den Convenience-Kanälen geholfen, wieder solche Absätze zu schaffen.

Sprechen wir über Recycling. Welche Fortschritte haben Einweggebinde hier über die Jahre gemacht?
Wir haben mittlerweile Rückläufe von 99 (Dose), beziehungsweise 98 (PET) Prozent. Also besser geht es ja gar nicht. Die Wertstoffe der gebrauchten Dosen – wir sprechen nicht von Abfall – werden wieder verarbeitet. 47 Prozent des Materials fließen in neue Dosen. Das ist ein weit höherer Anteil als bei den PET-Flaschen. Man kann diesen Prozess auch beliebig oft wiederholen, da wir bei Stahl, Aluminium und Glas mit Materialien zu tun haben, die ihre Eigenschaften nie verändern und somit bei der Wiederverarbeitung kaum Verluste haben. Hinzu kommt, dass wir bei der Verarbeitung von Recyclat bis zu 95 Prozent an Energie und 94 Prozent an CO2-Äquivalenten einsparen. Das kann kein anderer nachweisen.

Was passiert mit Material, das nicht wieder für Dosen eingesetzt wird?
Es ist egal, ob daraus ein Kaffeelöffel oder ein anderer Artikel hergestellt wird. Aus dem eingeschmolzenen Glas kann ja auch eine Schale produziert werden, es muss ja keine Flasche sein. Wichtig ist, dass die Stoffe wieder in die Materialkreisläufe zurückgeführt werden. Und darum kümmern wir uns. Aber dafür gibt es keine Anerkennung.

Sie engagieren sich im Bund Getränkeverpackungen der Zukunft. Was fordern Sie als Verband konkret?
Wir fordern eine faire Diskussion über das Thema Einweg/Mehrweg, die faktenbasiert ist und nicht mit Emotionen spielt. Wir stützen uns dabei auf die aktuelle Studienlage und nicht auf Schätzungen und Annahmen. Man sollte es sich nicht so einfach machen und sagen „Einweg ist schlecht, und Mehrweg ist gut.“

Braucht es eine neue Ökobilanz?
Ja, unbedingt. Um einen objektiven und faktenbezogenen Vergleich zu erstellen, muss es zu den Einweggetränkeverpackungen ein Referenzsystem geben, das ist eine Vorgabe des UBA. Und dieses Referenzsystem ist nun mal das Mehrwegsystem. Wir fordern das seit Jahren, aber die Gegenseite lehnt es ab. Und um zu vermeiden, dass wie in der Vergangenheit von einer bezahlten Studie gesprochen wird, sollte das UBA diese Öko-Bilanz in Auftrag geben.