Round Table Fleisch, Wurst & Geflügel Wir müssen Pioniere sein

Der diesjährige Round Table im Bereich Fleisch-Wurst-Geflügel trug den Titel „Antibiotikaeinsatz in der Nutztierhaltung“. Veranstalter waren die Zeitschriften Top Agrar und Lebensmittel Praxis. Die Diskussion fand coronabedingt Online statt und wurde von den Redakteuren Henning Lehnert, Marcus Arden und Jens Hertling geleitet. Die Runde war bunt gemischt, es nahmen Vertreter aus Industrie, Wissenschaft und Handel teil.

Montag, 04. Oktober 2021 - Fleisch
Jens Hertling
Artikelbild Wir müssen Pioniere sein
Bildquelle: Eric Eggert

Die Teilnehmer und ihre Positionen:

  • Dennis-Kleine Tebbe ist als Brand Manager verantwortlich für die Marke „Reinert Herzenssache“ bei „The Family Butchers“ (TFB). Vor drei Jahren - damals noch als Firma Reinert - hat TFB Wurstprodukte aus 100 Prozent antibiotikafreier Aufzucht mit der Marke „Reinert Herzenssache“ auf den deutschen Markt gebracht. Seine Position: Mit „Reinert Herzenssache“ geht TFB einen Schritt in Richtung Nachhaltigkeit.
  • Prof. Dr. med. Werner Solbach arbeitete bis 2017 im Zentrum für Infektions- und Entzündungsforschung der Universität zu Lübeck. Seine Position: Wir sehen nach wie vor eine Zunahme der Resistenzen von Bakterien gegen die gängigen Antibiotika. Vor allem bei unseren Patienten. Die Keime, die uns Probleme machen, entstehen überwiegend durch nicht sachgerechten Einsatz von Antibiotika.
  • Jakob Sögaard arbeitet seit 26 Jahren für Danish Crown, zuletzt als Geschäftsführer. Seine Position: Er ist mit dem GOA-Programm (Gezüchtet ohne Antibiotika) von Danish Crown eng verbunden und kennt auch „Herzenssache“ von TFB sehr gut. Dass im Jahr 2015 von Danish Crown gestartete GOA-Projekt ist ein Teil der Nachhaltigkeitsstrategie des dänischen Konzerns. In den vergangenen Jahren ist die Produktion von GOA-Schweinefleisch stetig gestiegen.
  • Dr. Torsten Pabst ist Inhaber einer Tierarztpraxis und hat die fachliche Leitung der Fachgruppe Schweine im Bundesverband Praktizierender Tierärzte. Im Rahmen seiner Tierarztpraxis betreut Dr. Pabst zahlreiche Schweinebetriebe. Seine Position: Der sorgsame Umgang mit Antibiotika liegt ihm sehr am Herzen. Ganz auf Antibiotika werden wir aber nie verzichten können, da kranke Tiere ein Anrecht auf angemessene Behandlung haben (Tierschutzgesetz). Deshalb plädiert er für einen maßvollen Einsatz, aber keinen generellen Antibiotika-Anwendungsverzicht. Ein Tier hat das Recht auf eine ordnungsgemäße Behandlung, was auch im Gesetz verankert ist.
  • Sven Komp ist Inhaber von drei Edeka-Märkten in Wesel und Umgebung. Seine Position: Auf den Einsatz von Antibiotika kann man nicht ganz verzichten. Wenn der Einsatz von Antibiotika notwendig wird, dann auch nur so wenig wie möglich und so viel wie nötig.

Antibiotikafreie Fleischproduktion: Brauchen wir das wirklich?
Komp: Die Zusammenhänge zwischen dem Antibiotikaeinsatz und einer möglichen Resistenz ist durchaus ein Thema: Viele Verbraucher sind verunsichert. Der Kunde ist bereit für besondere Qualitäten auch mehr zu bezahlen. In der Corona-Krise hat sich das Bewusstsein, sich gut zu ernähren, sich verschärft. Wir haben jetzt eine gute Chance, solche Konzepte wie „Herzenssache“ (siehe Kasten) zu etablieren. Die Menschen wurden durch Corona wieder erinnert, auf wesentliche Dinge wie Ernährung und Prioritäten des Lebens zu achten. Ich stelle aber auch fest, dass die Kunden an der Theke nach der Aufzucht der Tiere fragen und ebenfalls nach Rückständen fragen.
Sögaard: In den letzten Jahren haben wir in der Fleischerzeugung eine breite Entwicklung wie Vegan etc. gesehen. Dazu gehört auch die antibiotikafreie Aufzucht. Wir als die Fleisch-Branche sind jetzt verpflichtet, den Verbrauchern Alternativen anzubieten. Das Thema ist aktueller den jäh. In Zukunft muss ein besserer Weg gefunden werden, dass der Verbraucher sich informiert, welche Produkte er konsumiert. Der Verbraucher muss in die Diskussion mehr eingebunden werden. Wir haben in den vergangenen Jahren viel in die Reduktion von Antibiotika investiert. Es ist höchste Zeit, dass wir auch reagieren– die Reise hat begonnen.

Können Sie das dänische Projekt „Gezüchtet ohne Antibiotika“ (GOA) erläutern?
Sögaard: Das GOA-Produktionssystem fokussiert auf Vorsorge sowie optimierte Fütterung und Haltungsbedingungen wie untern anderen hohe Stallhygiene. wie u.a. hohe Stallhygiene. Auf diese Weise lässt sich Antibiotikabehandlung für das Gros der Schweine von der Geburt bis zur Schlachtung vermeiden. Wichtig dabei ist, dass erkrankte Tiere behandelt werden. Behandelte Tiere verlieren ihren GOA-Status. Das GOA-Programm wird vom dänischen Schlachtunternehmen Danish Crown umgesetzt. Es wurde 2015 im Rahmen des staatlich geförderten Forschungsprojektes zur nationalen Reduktion des Antibiotikaverbrauchs gestartet.

Warum hat TFB mit „Reinert Herzenssache“ Wurst und Fleisch aus 100% antibiotikafreier Aufzucht auf den Markt gebracht?
Kleine-Tebbe: Wir beobachten die Marktentwicklungen und die veränderten Anforderungen der Konsumenten genau. Das Thema Antibiotikaeinsatz in der Nutztierhaltung, durch den laut WHO die Entstehung und Ausbreitung multiresistenter Keime möglich ist, trat dabei immer stärker in den Fokus. Es wurde klar, dass hier akuter Handlungsbedarf besteht. Aus diesem Grundgedanken heraus entstand „Reinert Herzenssache“, die erste Wurstmarke auf dem deutschen Markt mit Fleisch von Schweinen, die von Geburt an gänzlich ohne Antibiotika aufgezogen werden. Tierwohl und Regionalität spielen im Markt zudem eine immer größere Rolle. Deswegen sind wir bei den Kriterien noch einen Schritt weiter gegangen und haben die Aspekte tierwohlgerechtere Offenstall-Haltung (entspricht der Haltungsform Stufe 4 „Premium“) und Regionalität neben der 100% antibiotikafreien Aufzucht zu den Hauptkriterien des Konzeptes gemacht.

Welche Bedeutung hat „Reinert Herzenssache“ im Gesamtvolumen?
Kleine-Tebbe: Am Gesamtvolumen ist der Anteil (noch) gering. Wir sind jedoch davon überzeugt, dass wir mit „Reinert Herzenssache“ auf dem richtigen Weg sind. Der Einsatz von Antibiotika ist ein komplexes Thema, weshalb wir es als Hersteller auch als unsere Verantwortung sehen, hier gezielt Aufklärungsarbeit zu leisten und innerhalb unserer Kommunikation klar und verständlich herauszustellen, warum die Reduzierung des Antibiotikaeinsatzes in der Nutztierhaltung so wichtig ist und welche Konsequenzen es hat, wenn wir uns diesem Thema verschließen.

Wie ist die Zielsetzung?
Kleine-Tebbe: Unser Ziel ist es, den Verbrauchern eine Alternative zu geben. Wir sind Pioniere in unserer Branche. Das können wir nur, weil wir intensiv in neue Wege investieren, die unserer Meinung nach ein großes Wachstums- und Zukunftspotential haben.

Wie sehen Sie das Projekt „Herzenssache“ aus der humanmedizinischen Brille: Eher ein PR-Gag oder nötig?
Prof. Solbach: Jedes Antibiotikum, was nicht gegeben werden muss, ist ein gutes Antibiotikum. Auf der anderen Seite – wenn man Tierinfektionen hat, müssen diese mit Antibiotika bekämpft werden. „Herzenssache“ ist ein wichtiger Beitrag um die Verbreitung antibiotikaresistenter Bakterien einzudämmen. Es ist weit mehr als ein PR-Gag.

Welche Bedeutung haben Antibiotika in der Nutztierhaltung?
Dr. Pabst: Antibiotika haben eine große Bedeutung in der Nutztierhaltung. In der Tiermedizin ist der Einsatz von Antibiotika stark reglementiert, so müssen seit 2014 alle in der Nutztierhaltung eingesetzten Antibiotika in eine staatlichen Antibiotikadatenbank gemeldet werden. Betriebe werden dann in Kategorien eingeteilt und die 50% der Betriebe mit dem höchsten Einsatz müssen Maßnahmen zur Reduktion des Einsatzes einleiten. Des weiteren gibt es eine Antibiogrammpflicht bei dem Einsatz für bestimmte Antibiotika. Dieses wäre auch für die Humanmedizin wünschenswert. Antibiotika sind wichtiger Bestandteil, wenn erkrankte Tiere mit einer Infektionskrankheit bedroht sind. Es ist ein Tool, um Leben zu retten. Die Reduktion von Antibiotika und der Versuch einer antibiotikafreien Aufzucht trage ich komplett mit und unterstütze es. Wenn es in die Richtung geht, dass Einzeltiere aufgrund ein Infektionserkrankung nicht mehr behandelt werden können, dann hat dies nichts mehr mit Tierschutz zu tun und dann kann ich das nicht mehr unterstützen.

Wie viel Antibiotika sind notwendig?
Dr. Pabst: Meine Devise lautet dazu immer: so wenig wie möglich, so viel wie nötig. Denn es ist eine Frage des Tierschutzes, kranke Tiere angemessen zu behandeln.
Sögaard: In den letzten Jahren haben wir es geschafft, 20 Prozent weniger Antibiotika in Dänemark zu verabreichen. Das GOA-Programm ist auch ein Forschungsprojekt, wo wir auch Ideen für andere Landwirte herleiten. Das GOA-Programm von Danish Crown ist ein Teil unsres Nachhaltigkeitsprogramm, das für alle Landwirte im Rahmen der Nachhaltigkeitszertifizierung u.a. eine weitere Reduktion des Antibiotikaverbrauchs anstrebt.

Woher kommen die resistenten Keime auf dem Schweinefleisch?
Dr. Pabst: Durch den unsachgemäßen Einsatz von Antibiotika können Resistenzen entstehen. Wenn eine Behandlung durchgeführt wird, dann muss ausreichend lange und mit einer entsprechenden Dosierung behandelt werden.

Was macht die Politik?
Dr. Pabst: Seit 2014 gibt es das Minimierungskonzept für Antibiotika. Insgesamt konnte der Einsatz bei den Nutztieren seit 2011 um über 60% gesenkt werden.

Im Zuge der Kriterien-Ausweitung von „Reinert Herzenssache“ hat TFB auch eine Art Ausfall-Vereinbarung geschaffen, für den Fall, dass die antibiotikafreie Aufzucht in Ausnahmen nicht gelingt. Was verbirgt sich konkret dahinter?
Kleine-Tebbe: Wenn ein Tier im „Reinert Herzenssache“-Programm erkrankt, wird es selbstverständlich tierärztlich behandelt. Mit Antibiotika behandelte Tiere werden jedoch gemäß unseren Kriterien nicht mehr innerhalb unseres Programms, sondern konventionell vermarktet. Um dieses finanzielle Risiko nicht allein bei den Landwirten zu lassen, haben wir eine Art Risikorücklage geschaffen. In diese zahlen alle Teilnehmer des Programms ein. Der Landwirt bekommt im Behandlungsfall einen finanziellen Ausgleich für das behandelte Tier. Damit streuen wir das Risiko und bieten wir unseren Partnerlandwirten Planungssicherheit.

Wie sehen Sie den Einsatz von Antibiotika in der Human Medizin?
Prof. Solbach: Antibiotika sind extrem wirksame Heilmittel. Sie sind unverzichtbar zur Therapie und Gesunderhaltung von Tieren und Tierbeständen. Es existieren derzeit keine ausreichenden Therapiealternativen. Der Einsatz von Antibiotika ist jedoch nur in den Fällen gerechtfertigt, in denen er tatsächlich erforderlich ist und die Auswahl des Wirkstoffes sorgfältig unter Berücksichtigung des Einzelfalles und der hierbei zu beachtenden Anforderungen erfolgt ist.

Wie wirken Antibiotika?
Prof. Solbach: Antibiotika helfen dem Abwehrsystem des Körpers dabei, krankmachende Bakterien zu bekämpfen. Wenn Bakterien in den Körper eingedrungen sind und sich vermehren, können sie Entzündungen auslösen und Organe schädigen. Einige Antibiotika töten Bakterien direkt ab, andere hindern sie daran, sich zu vermehren. Von den Bakterien, die sich bei einer Infektion im Körper vermehren, sind immer einige weniger empfindlich für Antibiotika als andere. Wenn dann ein Antibiotikum eingesetzt wird, sterben die empfindlichsten Bakterien zuerst, die widerstandsfähigsten („resistenten“) überleben am längsten und geben ihre Eigenschaften zum Überleben an ihre Nachkommen weiter. Wird ein Antibiotikum zu früh abgesetzt oder zu niedrig dosiert, überleben noch mehr Bakterien, die diese Erbinformation weitergeben können, sodass immer mehr Krankheitserreger unempfindlich gegen Antibiotika werden und diese deshalb nicht mehr wirken können.

Was ist eine Resistenz?
Prof. Solbach: Resistenz bedeutet im Grunde Widerstand. Bei einer Antibiotikum-Resistenz reagieren die Bakterien nicht auf ein bestimmtes Antibiotikum. Eigentlich sollte es die Erreger bekämpfen, doch durch die Resistenz, die sie entwickelt haben, werden sie durch das Medikament nicht beeinflusst. Das Antibiotikum ist in diesem Fall also wirkungslos.

Warum gibt es heutzutage so viele Resistenzen?
Prof. Solbach: Es ist jahrzehntelange Erfahrung, dass sich nach Einführung neuer Antibiotika über kurz oder lang Resistenzen zeigen. Dann werden andere Antibiotika eingesetzt und das Spiel wiederholt sich. Wenn irgendwann keine Alternativen mehr zur Verfügung stehen, haben wir es mit sog. Pan-resistenten Keimen zu tun, gegen die „kein Kraut gewachsen“ ist. Diese Entwicklung ist bisher ungebrochen und ein nicht gelöstes Problem in der Humanmedizin.

Wie reagiert der Mensch auf resistente Keime?
Prof. Solbach: Resistente Keime verursachen in der Regel die gleichen Symptome wie nicht resistente. Viele resistente Keime machen häufig gar nicht selbst krank und können durch Lebensmittel aufgenommen werden. Sie können die Resistenzeigenschaften dann mittels ihrer Gene aber auf gefährliche Keime übertragen, die dann nicht mehr behandelbar sind.

Warum kommen die Tiere im „Reinert Herzenssache“ Programm erst jetzt aus Deutschland?
Kleine Tebbe: Das Fleisch für „Reinert Herzenssache“ haben wir zu Beginn von zertifizierten Landwirten aus Dänemark aus dem GOA-Programm bezogen. Zum damaligen Zeitpunkt gab es noch keine Möglichkeit mit deutschen Landwirten zu kooperieren, die Fleisch aus 100% antibiotikafreier Aufzucht in den von uns benötigten Mengen bereitstellen konnten. Um dies zu ermöglichen, haben wir von TFB in Kooperation mit Brand Qualitätsfleisch Landwirte finden können, die in der Lage sind, unsere Anforderungen umzusetzen. Darüber hinaus haben wir zusätzliche Tierwohlkriterien mit aufgenommen und erfüllen somit jetzt auch die Anforderungen der Haltungsform Stufe 4 („Premium“). Das Fleisch für „Reinert Herzenssache“ stammt seit Januar 2021 ausschließlich von Betrieben in NRW und Niedersachsen.

Inwiefern spielt der Antibiotikaeinsatz in der täglichen Arbeit eine Rolle? Bekommen die Betriebe Schulungen?
Sögaard: Als wir vor vielen Jahren mit dem GOA-Programm angefangen haben, haben wir unsere Landwirte gefragt, ob sie sich das vorstellen können. Viele waren interessiert. Das Stallmanagement ist eines der wichtigsten Vorrausetzungen. Gutes Futter und Hygiene spielen ebenfalls eine wichtige Rolle.
Kleine-Tebbe: Im Grunde ist es bei uns ähnlich. Wir haben mit unseren Partnerlandwirten noch nicht die jahrelange Praxis wie in Dänemark. Wir konnten aber viel mitnehmen, was wir im GOA-Programm lernen durften. Die Landwirte, die bei uns mitmachen, haben in den vergangenen Jahren gezeigt, dass sie durch ihr Stallmanagement sehr gut aufgestellt sind. Wir halten den Kontakt zu den Landwirten und dem Schlachthof Brand Qualitätsfleisch sehr eng: Wir wollen nicht nur faire Partner, sondern auch eine gelebte Partnerschaft. Die Zusammenarbeit entlang der Wertschöpfungskette ist ein wichtiges Thema: Alle Partner sprechen miteinander und lernen voneinander.

Herr Komp, verkaufen Sie auch Produkte der „Herzenssache“ in Ihren Märkten?
Komp: Wir sind der Edeka Ruhr angeschlossen bzw. Fleischwerke Rastings. Bisher verkaufen wir dies noch nicht. Die Ware, bei der wir beim Verkauf auch darauf hinweisen ist das Kikok-Programm. Das läuft hervorragend. Kikok wirbt auch mit einer antibiotikafreien Aufzucht. Die Genetik der Rasse bewirkt, dass die Tiere langsamer wachsen und damit für das Erreichen des Schlachtgewichtes mehr Zeit haben. Die Tiere dieser Rasse sind daher robuster. Die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung, die den Einsatz von Antibiotika erfordern würde, ist sehr gering.

Was wollen die Kunden?
Komp: Bei unseren Kunden sehe ich verschiedene Sensibilitäten. Das hat bei uns mit Bio angefangen. Bio hat sich sehr stark durchgesetzt. Es geht weiter mit dem Thema Regionalität. Wir haben bei uns das Programm Bauernliebe, wo Bauern aus NRW exklusiv in der Haltungsstufe 3 produzieren. Ich kann mir auch sehr gut vorstellen, dass die Antibiotikafreie Aufzucht ein Label wird. Ich sehe aber nicht so viel Potenzial wie bei Bio. Mit Bio erreiche ich eine große und breite Käuferschicht. Für die „Herzenssache“ schätze ich einen Anteil von 2 bis 3 Prozent am Gesamtumsatz.

Wie oft kommen Kunden und fragen gezielt nach Fleisch aus antibiotikafreier Aufzucht?
Komp: Die Verbraucher fragen uns nach Herkunft – regional oder bio. Nach Antibiotikafrei wird fast nie gefragt. Beim Kikok-Hähnchen ist das Verkaufsargument die Farbe und der intensivere aromatische Geschmack.
Kleine-Tebbe: Antibiotika in der Nutztierhaltung ist ein Thema, welches bei vielen Verbraucherinnen und Verbrauchern weit weg vom Alltag ist. Wir haben festgestellt, dass das Argument „100% antibiotikafreie Aufzucht“ nur dann wirklich wahrgenommen wird, wenn der Verbraucher aktiv darüber aufgeklärt wird – auch das sehen wir als eine unserer Aufgaben. „Reinert Herzenssache“ ist durch die Erweiterung der Kriterien in den Bereichen Tierwohl und Regionalität jedoch als Gesamtkonzept zu sehen und durch die Auslobung der Haltungsform Stufe 4 („Premium“) noch einfacher als Tierwohlkonzept zu erkennen. Mit diesem Zusammenspiel treffen wir auf viel Zuspruch seitens der Verbraucherinnen und Verbraucher.

Wie ist das Käuferverhalten?
Komp: 80 Prozent unserer Kunden entscheiden an der Theke nach dem Angebot oder nach dem Preis. Wenn ich beispielsweise die Kunden am Eingang begrüße und ihnen die Vorteile einer langsameren Aufzucht erkläre, haben sie ein großes Interesse auf dem Weg zur Theke. Dort schalten sie dann aber wieder in Richtung des billigen Preises um.

Wer ist die Zielgruppe? Gab es denn Käuferanalysen?
Kleine-Tebbe: Im Rahmen der Weiterentwicklung der Marke haben wir die Zielgruppe komplett neu aufgerollt. Wir haben bei TFB im letzten Jahr eine umfangreiche Verbraucherstudie über den deutschen Wurstmarkt durchgeführt, bei der wir unter anderem eine Typologie der verschiedenen Wurstkonsumenten aufgesetzt haben. Die Zielgruppe von „Reinert Herzenssache“ ist zwischen 30 und 69 Jahre alt, zu zwei Dritteln weiblich und hat ein grundsätzliches Interesse daran, den eigenen Alltag nachhaltiger zu gestalten und entsprechende Produkte einzukaufen. Unsere Analyse hat ergeben, dass wir für die Marke ein Käuferpotential von über 20 Mio. Deutschen haben.

Wieviel teurer ist das Produkt?
Kleine-Tebbe: Die Preisfindung obliegt dem Handel. Wir empfehlen für „Reinert Herzenssache“ eine Positionierung zwischen Konventionell und Bio.

Kann man mit antibiotikafreier Aufzucht und Mast beim Kunden wirklich punkten?
Sögaard: Ja. Das hat sich auch gezeigt. Wir sehen das in einer langfristigen und internationalen Perspektive. Zum Schluss entscheidet der Markt, wie weit und in welche Richtung wir gehen. Wir haben unsere 53 Landwirte und die 400.000 Schlachtschweine – auf diesem Niveau werden wir auch bleiben. Das ist die doppelte Menge an Schweinen, die wir in Dänemark als Bio aufziehen. Bio haben wir seit 25 Jahren und GOA-Schweine seit sechs Jahren. Nachhaltigkeit ist für uns sehr wichtig. Deshalb ist die GOA-Haltung auch ein Teil unserer Danish-Crown-Nachhaltigkeitsstrategie.

Wohin gehen die Schweine aus dem GOA-Projekt??
Sögaard: Wir haben in Dänemark Händler, die haben komplett auf GOA umgestellt und haben damit einen großen Erfolg. Die Tiere sind weltweit gefragt. Ein besonders großer Markt ist zum Beispiel die USA.

Sollte es noch mehr solche Projekte geben? Ist der Bedarf im Handel da?
Komp: Wir brauchen neue innovative Produkte, die einen Mehrwert für uns und die Umwelt haben. Der Handel ist sehr empfänglich für Neuerungen und probiert alles aus – ich habe aber auch schon viel Produkte kommen und gehen sehen.

Wie sollte der Handel die Produkte vermarkten?
Kleine-Tebbe: Das ist eine sehr individuelle Frage – jeder Händler weiß am besten, welche Themen bei ihm funktionieren und wie er sie am besten platziert. Wir geben aber auch eine Hilfestellung: Bei Nachhaltigkeitskonzepten ist es wichtig, dass man über sie spricht. Wir unterstützen den Handel am PoS durch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die den Verbraucherinnen und Verbrauchern das Konzept erklären. Weitere Möglichkeiten sind Regalwerbemittel, wie Regalschienen oder Wobbler, aber auch klassische Medien wie Handzettel und Kundenmagazine. Wichtig ist, über die Produkte zu sprechen und die Relevanz der Themen deutlich zu machen – das ist die große Herausforderung. Seit Anfang Juli gibt es die Kennzeichnung mit dem Haltungsform-Label neben Frischfleisch auch für Wurstprodukte. Die Produkte von „Reinert Herzenssache“ zählen zur Haltungsform Stufe 4 („Premium“), sodass teilnehmende Händler auch diese Kennzeichnung aktiv in der Vermarktung nutzen können.

Schnell gelesen: Resumee des Round Table

  • Die antibiotikafreie Fleischerzeugung ist ein Thema - Dänemark macht es schon seit 6 Jahren vor
  • Die Vertreter der Human- und Veterinärmedizin sind sich einig, dass der Antibiotikaverbrauch auf ein Minimum reduziert werden muss.
  • Der Handel ist bereit, diese Produkte zu listen.
  • Die Landwirte sind gefragt, entsprechende Produkte anzubieten.

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