Anzeige

Rinderhaltung Werkzeuge des Naturschutz

Jens Hertling | 17. Dezember 2019
Rinderhaltung: Werkzeuge des Naturschutz
Bildquelle: Jens Hertling

Rewe-Kaufmann Ulrich Pebler hat zusammen mit dem Naturschutzbund Deutschland (Nabu) ein Modellprojekt auf die Beine gestellt, das nicht nur regional in Rheinland-Pfalz eine Vorreiterrolle haben könnte.

Anzeige

Dass der Naturschutzbund (Nabu) mit dem Lebensmittelhändler Ulrich Pebler zusammenarbeitet, hat Gründe. Die Naturschützer verantworten seit zehn Jahren die Beweidung des ehemaligen Standortübungsplatzes auf der Schmidtenhöhe in der Nähe von Koblenz. Um eine Verbuschung des Geländes zu verhindern, setzt der Nabu Heckrinder ein, die zur Erhaltung der Kulturlandschaft beitragen. Ab und an musste ein Rind geschossen werden, um den Bestand der Herde im Rahmen zu halten.

Rückblick
Die Schmidtenhöhe ist nicht nur eine bilderreiche Naturroute für Fahrradfahrer und Wanderer. Auf 130 Hektar sorgen rund 30 Rinder (inclusive Kälber) und 20 Jungstiere der imposanten, urwüchsigen Heckrinder und robuste Konikpferde hinter einem hoch sensiblen Elektrozaun für eine dynamische Entwicklung des Areals. Durch den Einsatz der Tiere auf den verschiedenen Weiden hat sich die Schmidtenhöhe auch zu einem Naturparadies entwickelt. Doch zwischenzeitlich drohte diese Idylle unterzugehen. Das Problem: Die Schmidtenhöhe wurde ab 1957 vorwiegend von den Panzerbataillonen der Bundeswehr genutzt. „Der Rückzug der Panzer 1992 gefährdete diese Artenvielfalt jedoch massiv: Innerhalb kürzester Zeit waren die Tümpel zugewachsen, Brombeerhecken und Sträucher machten sich breit“, sagt Petra Lübbert, Festangestellte der Nabu-Agrar-Umwelt-gGmbH, die sich um die Pflege und der Vermarktung der Heckrinder kümmert. „Die Lösung der Probleme war das Heckrind“, sagt Lübbert. Die Tiere sind von Natur aus bestens ausgestattet und eignen sich hervorragend für die ganzjährige Haltung im Freien. Im Winter wird nur bei länger anhaltender Schneedecke zugefüttert. Kälber werden selbst bei Minusgraden erfolgreich geboren und aufgezogen. Heckrinder gelten als resistent gegen viele Krankheiten und sind bei der Wahl der Nahrung genügsam. Damit sind sie für den ganzjährigen Einsatz im Freien prädestiniert. Sie sind damit ideale Partner für die Landschaftspflege. Die Beweidung trägt wesentlich zur Erhaltung der Kulturlandschaft bei und unterstützt damit den Arten- und Biotopschutz. „Die Heckrinder schaffen damit Platz, zum Beispiel für die seltenen blauflügeligen Ödland-Schrecken, aber auch für die vom Aussterben bedrohte Gelbbauchunke“, berichtet Naturschützerin Lübbert.

Doch so nützlich die Rinder auch sind, ihre Herden wachsen unaufhörlich. Das Problem eines zu großen Bestandes hatte der Nabu auch auf der Schmidtenhöhe. Die Herde ist hier in den letzten drei Jahren immer mehr angewachsen. Die Regulierung der Herde erfolgte bislang durch Verkauf und Schlachtung. Das bei der Schlachtung gewonnene Fleisch vermarktet der Nabu auch weiterhin durch Selbstvermarktung. Das 10-Kilogramm-Fleischpaket kostet 150 Euro.

Besonderes Fleisch für eine breitere Gruppe
Die Verantwortlichen beim Nabu waren sich aber einig, dass das besondere Fleisch vom Heckrind einem größeren Kundenpotenzial zugänglich gemacht werden sollte. Dazu wurden regionale Kooperationspartner gesucht. Bei Rewe-Händler Ulrich Pebler, der seit Jahren eng mit Produzenten aus der Region zusammenarbeitet, rannten die Naturschützer damit offene Türen ein. Dennoch verging mehr als ein Jahr, bis Kaufmann Pebler das erste Heckrind an seiner Fleischtheke in Nassau anbieten konnte.

Das Tier wird auf der Weide geschossen
Der Nabu durfte auf der Schmidtenhöhe in der Vergangenheit immer wieder einzelne Tiere schießen lassen. Aber er brachte sie nicht wie sonst üblich in den Schlachthof. Denn: Was schon mit einem herkömmlichen Stallbullen ein Mega-Stress ist, wäre für das nahezu wild-lebende Heckrind noch schlimmer. Denn das Tier müsste zusätzlich eingefangen und transportiert werden. Deshalb wird das Tier auf der Weide geschossen. Das geschossene Rind wird zunächst nach Bendorf gebracht, wo es ein Fachbetrieb ausweidet und enthäutet. Dann wird es im Kühlwagen zur Schlachterei Bayer in den Taunus gefahren und zerlegt. Dort hängt der Schlachtkörper zehn Tage im Kühlhaus, bevor die Aufbereitung erfolgt. Für den Nabu und dem Kaufmann Ulrich Pebler ist an dem Projekt alles neu. Vor kurzem ist das Fleisch des mittlerweile dritten Tieres auf diese Weise im Nassauer Supermarkt verkauft worden. Gut 330 Kilo Fleisch gibt ein Heckrind her. Die Preise für Bratenstücke und Filet liegen laut Pebler mit 19,90 Euro für ein Kilogramm etwa ein Viertel über dem üblichen Niveau. Das scheint den Kunden das besondere Fleisch aber wert zu sein. „Das Fleisch wird sehr gut angenommen. Aber als Händler darf man nicht die gleiche Gewinnerwartung hegen wie bei einem herkömmlich erzeugten Rindfleisch“, sagt Pebler. Neben den rassebedingten Merkmalen, profitiere die Qualität des Fleisches von der ganzjährigen wilden Haltung, sagt Pebler. „Es ist wesentlich herzhafter, kerniger im Geschmack“, so Pebler. Durch die Bewegung entstehe eine feine Fettmarmorierung, die das Fleisch in der Zubereitung zart und saftig macht. Für beide Seiten hat sich die Kooperation gelohnt. Der neu aufgestellte Verkauf der geschossenen Tiere hilft dem Nabu, die Kosten der Beweidungsprojekte zu decken. „Dem Nabu reicht es aus, wenn er durch die Vermarktung der Produkte die Unterhaltungskosten des Projektes decken kann“, sagt Lübbert. Im Gegenteil, die Tiere sollen ja als „Werkzeuge des Naturschutzes“ die Verbuschung der Flächen verhindern“, sagt Petra Lübbert. Ungewohnt für die heutige Zeit: Das Fleisch ist nicht immer, sondern nur alle vier bis sechs Wochen erhältlich. Der Daseinszweck der Rinder sei der Naturschutz, so Lübbert. Auch bei Ulrich Pebler ist die Begeisterung groß. „Wenn es bei mir klappt, können weitere Kaufleute in die Vermarktung einsteigen“, sagt Pebler. „Er ergänzt: „Und es ist eine wichtige Aufgabe für den Naturschutz.“