Assistiertes Backen bei Rewe Rechnen sich Öfen mit künstlicher Intelligenz?

Hintergrund

Backen mithilfe von KI ist in vielen Rewe-Märkten Realität. Doch es geht noch mehr. Manager Thomas Weidhaas über den digitalen Backplan, Sortimentsplanung im Markt und perfekte Haxen.

Mittwoch, 14. Mai 2025, 07:40 Uhr
Susanne Klopsch
Rewe hat die KI büffeln lassen: Qualität und Auswahl in der Backstation stiegen. Bildquelle: Rewe

Die künstliche Intelligenz (KI) hat schon eine Menge gelernt: Der Ofen weiß dank Bilderkennung, was auf dem Blech liegt, backt alles perfekt aus. „Assistiertes Backen“ nennt die Rewe Group ihr Projekt, das bis 2028 das Backen in den Märkten verändert (siehe S. 56 oben). Wareneinsatz, Qualität, Frische der Backwaren sollen sich verbessern. Zudem sollen ungelernte Mitarbeiter mit immer gleich guten Ergebnissen zu jeder Zeit backen können. So weit die Idee.

Und was sagt der Projektverantwortliche? Thomas Weidhaas ist zufrieden. Er spricht von einer dynamischen Weiterentwicklung: „Aktuell sind 880 Märkte an unser System angeschlossen, in denen insgesamt 2.200 Backkammern arbeiten.“ Im Spätsommer 2024 waren es noch 650 angeschlossene Märkte mit 1.800 Backkammern. „Das System kostet natürlich ein paar Euro mehr“, sagt Manager Weidhaas. Aber im Vergleich zu den herkömmlichen Herstellern sei die Rewe mittlerweile auf einem guten Preisniveau. „Der gesamte Markt hat sich weiterentwickelt, die Investition in diese Technologie ist trotz des etwas höheren Anschaffungspreises sinnvoll.“ Das System zahle sich aus.

Amortisationszeit? Weniger als ein Jahr

Was kann er den Kaufleuten vor Ort sagen, wenn diese auf die höheren Produktionskosten und die laufenden Kosten verweisen? „Die Amortisationszeit liegt unter einem Jahr“, sagt Weidhaas. Das treffe zwar nicht auf jeden einzelnen Markt zu, schränkt er ein, aber insgesamt lasse sich das belegen. „Durch den Einsatz der Technik erzielen wir einen höheren Umsatz und einen Ertrag, der über den Investitionskosten liegt.“ Mit der steigenden Anzahl der angeschlossenen Märkte soll sich zudem die Software-Gebühr reduzieren, die Rewe an den Gerätehersteller zahlt. Die Verfügbarkeit von Brot und Backwaren hat sich verbessert. Auch die Qualität. Das freut Weidhaas. Bei der Frische sei aber noch Luft nach oben, das sagt er ganz deutlich. „Die Daten zeigen, dass die Märkte immer noch zu wenig am Nachmittag backen.“ Ziel sei es, dass der Kunde seine Ware frisch erhält. „Damit diejenigen, die nach der Arbeit zwischen 17 und 19 Uhr einkaufen, noch richtig frisches Brot und vor allem frische Brötchen bekommen.“ Das Projekt solle ja die „Öfen für alle Mitarbeiter zugänglich machen, damit alle backen können“, wie Weidhaas formuliert. 40 Prozent der Märkte seien dazu schon in der Lage.

Die Ziele des Projekts „Assistiertes Backen“

Mindestens 90 Prozent der Rewe-Backöfen beziehungsweise -Kombidämpfer sind vernetzt und arbeiten mit einem Assistenzprogramm. Die Daten werden zentral bei der Rewe in Köln gespeichert. Über eine eigene Cloud hat der Außendienst der Kölner Zugang. Strom- und Wasserverbräuche können in Echtzeit kontrolliert werden. Die KI unterstützt bei der Optimierung der Gerätelaufzeiten und Wartung. Die Gerätehersteller haben einen Supportzugang. Software-Anbieter Precibake hat Zugriff, um seine Software zu aktualisieren.

Kann die Kamera raus aus dem Ofen?
In Dresden wird mit Ofenhersteller Debag derzeit ein weiterer Test vorbereitet. Denn im derzeit eingesetzten System hat noch jeder einzelne Ofen eine Kamera. Beim ersten Test im vergangenen Jahr war diese an der Decke des Marktes montiert worden. Das funktionierte aber nicht so wie erwartet. Deshalb rüstete Debag die Software nach. „Wir sind gespannt auf die Ergebnisse des erneuten Testlaufs“, sagt der Projektverantwortliche Thomas Weidhaas.

KI soll Sortimente für den Markt planen
Zukunftsmusik, aber intensiv in Arbeit ist bei der Rewe Group das Projekt, mithilfe von KI die Sortimentsgestaltung in den Märkten insgesamt noch besser anzupassen. „Jeder Markt erhält ein individuelles Sortiment, basierend auf der Kaufkraft und den spezifischen Bedürfnissen des Standortes“, beschreibt Thomas Weidhaas das Ziel. Aktuell werde das Sortiment national festgelegt, ergänzt um regionale Anpassungen. Dann geht die KI an die Arbeit, erhebt Daten und leitet daraus Empfehlungen ab. Jeden Morgen seien dann verschiedene Teams damit beschäftigt, die Systeme zu testen und anzupassen. „Das ist notwendig, um die Technik optimal zu integrieren“, sagt Weidhaas. Insgesamt sei dies aber „ein sehr komplexer Prozess, der noch Jahre in Anspruch nehmen wird“.

Ein weiterer Baustein ist der digitale Backplan: Bislang wird der Backplan ausgedruckt. Ihn soll eine digital am Ofen abrufbare, für jeden verständliche Ansicht auf dem Gerätedisplay ablösen. Auch hier hilft KI. In Filial- und Handwerksbäckereien ist ähnliche Software verschiedener Hersteller im Einsatz. Sie erstellt auf Basis von Verkaufsdaten, Standortfaktoren und Wetter eine präzise und verlässliche Tagesprognose für den Bedarf an Brötchen und Co. Die Rewe entwickelt gerade eine eigene Lösung. Wichtig ist für Weidhaas, „dass die Mitarbeiter sagen, ‚Ja, das kann ich nachvollziehen!‘“. Über- und Unterproduktion seien gleichermaßen zu vermeiden: „Wir wollen Rendite machen und keinen Umsatz um jeden Preis.“ Es dauere aber, bis der Backplan vollständig implementiert sei: „Wir stehen erst am Anfang.“

„Heiße Theke“ 2.0

KI unterstützt künftig auch an der „Heißen Theke“ in den Märkten. Die Öfen sollen immer die gleiche Qualität liefern können – ob für Fleischkäse, Haxe, Geschnetzeltes oder Frikadellen. In einem Bayreuther Markt war 2024 der Convotherm Mini Pro von Welbilt im Test. „Der Ofen kam sehr gut an“, sagt Weidhaas, „jetzt überlegen wir, wie wir ihn in unsere Gerätearchitektur integrieren können.“ Parallel dazu wird das Sortiment für die „Heiße Theke“ national vereinheitlicht, um überall etwa zehn identische Kernartikel anbieten zu können. Im Ofen sind die Daten für die perfekte Zubereitung hinterlegt, bei Bedarf spielt die KI Aktualisierungen auf. Den nächsten Schritt hat Weidhaas schon im Blick: Welche Produkte lassen sich in Kombination wie zubereiten? „Bei Proteinen ist das einfacher als beim Backen“, erklärt er, „man kann zum Beispiel auf einem Einschub Fleischkäse und darunter Frikadellen gleichzeitig garen.“ Die Maschine schlägt Alarm, wenn sie erkannt hat, dass die Frikadellen fertig sind. Und während diese schon im Verkauf sind, gart der Fleischkäse unbehelligt weiter.

Zur Person
Thomas Weidhaas ist seit 1991 bei der Rewe. Als Funktionsbereichsleiter Vertriebskoordination Service/Senior Category Buyer Gastronomie ist er die Schnittstelle für alle Themen rund um die Theke, von Bake-off inklusive Gastro bis zu den natio­na­len Fachabteilungen und den Verkaufsorganisa­tio­nen. Seit 2018 ist er zudem Einkäufer für gastronomische Sortimente. Er ist verantwortlich für die Umsetzung des Projektes „Assistiertes Backen“.