Vertikalisierung bei der Schwarz-Gruppe Vom Händler zum Tech-Giganten – das ambitionierte Zukunftsmodell der Lidl-Mutter

Hintergrund

Eigene Produktion, Recyclinganlagen, Reederei und Digitales – das ist heute die Schwarz-Gruppe. Wie steht es um die DNA in Neckarsulm, wenn vier von fünf Geschäftsfeldern nicht zum Kerngeschäft zählen?

Donnerstag, 15. Mai 2025, 07:40 Uhr
Matthias Mahr
Ein eigenes Ökosystem: Die Schwarz-Gruppe ist mehr als ein Händler. Auch Schifffahrt und Digitales gehören zum Konzern. Bildquelle: Schwarz-Gruppe

Am 6. November 2024 war die Ampel endgültig gescheitert. Kanzler Olaf Scholz hatte seinen Finanzminister Christian Lindner vom Regierungstisch verbannt. Wenige Tage später trafen sich die wichtigsten Vertreter der hiesigen Handelslandschaft auf dem Kongress des Deutschen Handelsverbands (HDE) in Berlin. Eigentlich sollte dort neben Vizekanzler und Wirtschaftsminister Robert Habeck auch Lindner sprechen. Während Habeck in Portugal festsaß und den Termin im Estrel-Hotel sausen lassen musste, entschied sich der FDP-Vorsit­zen­de gegen den Auftritt beim HDE. Somit wurde die Keynote des Komplementärs der Schwarz-Gruppe zu der Rede am ersten Tag des Handelskongresses. Fast unscheinbar und äußerst zurückhaltend betrat Gerd Chrzanowski die Bühne. Sein anschließendes Credo: Um Deutschland wieder in die Spur zu bringen, bedürfe es eines gemeinsamen Kraftakts von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Innovative, zukunftsgerichtete Kooperationsmodelle böten das Potenzial für eine Trendwende. Sein Vortrag war auch eine Rechtfertigung für die dynamischen Vertikalisierungsanstrengungen des drittgrößten Handelskonzerns der Welt und ein Angebot zur Zusammenarbeit an die Branche.

Vertikalisierung als Opportunität

Die Schwarz-Gruppe, zu der Lidl und Kaufland gehören, hat in den zurückliegenden 18 Jahren eine beeindruckende Entwicklung genommen. Vom reinen Handelsunternehmen hat sich der Konzern zu einem vertikal integrierten Wirtschaftsökosystem entwickelt, das nahezu alle Stufen der Wertschöpfungskette umfasst.

Begonnen hat die Vertikalisierung eher unfreiwillig und durchaus zweckmäßig mit der Übernahme der Mitteldeutschen Erfrischungsgetränke (MEG) im Jahr 2008, als dieser wichtige Lieferant in wirtschaftliche Nöte geriet. Treiber war die Angst des Händlers vor leeren Lagern und Regalen. Diese Entscheidung markierte den Beginn einer systematischen Ausweitung eigener Produktionskapazitäten. Heute stellt Schwarz unter der Dachmarke Schwarz Produktion zahlreiche Eigenmarkenprodukte wie Getränke, Schokolade, Backwaren, Kaffee und Teigwaren her. Die Motivation zur Eigenproduktion ist klar zu fassen: Es geht um Versorgungssicherheit, Qualitäts- und Kostenkon­trolle sowie die Unabhängigkeit von externen Lieferanten – und wenn nötig, die schnelle Anpassung an neue Trends im Markt.

Resilienz erreichen

Das Ziel der Schwarz-Gruppe lautet in Zeiten weltweiter Krisenherde inzwischen vor allem, nachhaltiger und resilienter gegenüber Lieferengpässen zu sein. Wenn Wasser oder Kaffee auch klimabedingt zu knappen Gütern werden, müssen die Zugänge zu Rohstoffen und ihrer Veredelung gesichert werden, heißt es in Neckarsulm. Aus Opportunität wurde Strategie. Daher wurde mit Prezero auch eine eigene Sparte für Recycling und Entsorgung geschaffen, die Wertstoffkreisläufe sichert und schließt sowie ökologische Ziele verfolgt, aber nach Aussage von Branchenkennern noch kein Geld verdient. Ebenfalls bemerkenswert: die eigene Containerreederei, die 2022 gegründet wurde. Als die Lieferketten während der Pandemie und durch eine Havarie im Suezkanal rissen, wurde sogleich in die Tailwind Shipping Lines investiert, um die Versorgungsketten künftig zuverlässiger und flexibler in eigener Regie zu gestalten.

Unabhängigkeit von US-Tech-Giganten

Die digitale Sparte „Schwarz Digits“, die Cloud-Lösungen, Cybersecurity und digitale Services anbietet, schließt die letzte große Sicherheitslücke. Rund 1,9 Milliarden Euro setzte der Lidl-Mutterkonzern im vergangenen Geschäftsjahr damit um. Insider sagen, dass die Erlöse meist durch Aufträge von Schwarz-Unter­nehmen erzeugt würden. In Schwarz Digits sieht Gerd Chrzanowski jedoch die digitale Zukunft des Konzerns als echter Tech-Gigant aus Deutschland. Nachdem ChatGPT die Welt eroberte, kaufte sich Schwarz beim Heidelberger Start-up Aleph Alpha ein, das mit künstlicher Intelligenz Datenschutz und -sicherheit revolutionieren will. 2023 investierte die Gruppe als Hauptgeldgeber rund 500 Millionen Euro in den KI-Spezialisten, heißt es. Zeitgleich entsteht derzeit in Heilbronn der IPAI, der Innovation Park Artificial Intelligence, ein KI-Campus aus Geldern des Neckarsulmer Imperiums und aus baden-württembergischen Landesmitteln. Immerhin: Mit „Kaufland.de“ gibt die Schwarz-Gruppe auch eine zur Erbinformation eines Händlers passende Antwort auf Plattformen wie Amazon oder Temu. Die Ziele am Neckar sind wie immer sehr hoch gesteckt: „Kaufland.de“ soll in den kommenden Jahren die größte europäische Online-Plattform werden und die Marktmacht globaler Player brechen. „Mit solchen unerreichbar erscheinenden Vorsätzen haben wir auch Aldi kleingekriegt“, triumphiert ein Ex-Manager im Gespräch mit der Lebensmittel Praxis. Er meint: Für Schwarz sei alles möglich, auch im E-Commerce und darüber hinaus.

Datensouveränität 
gewährleisten

Im November 2024 haben die Schwarz-Gruppe und Google eine strategische Partnerschaft beschlossen. Dabei kooperiert die Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland) mit Google, um Google Workspace (Mail, Kalender, Docs, KI-Tools) über ihre eigene europäische Cloud-Plattform Stackit bereitzustellen. Die Daten werden dabei ausschließlich in europäischen Rechenzentren gespeichert und verschlüsselt. Neu daran ist: Die Schlüssel liegen bei der Schwarz-Gruppe beziehungsweise den Kunden, nicht bei Google. Die Neckarsulmer nutzen Google Workspace für ihre 575.000 Mitarbeiter und vermarkten die Anwendung extern an Unternehmen sowie Behörden als „souveräne Cloud-Lösung“, die den strengen europäischen Datenschutzvorgaben entsprechen. Zudem bietet Schwarz Digits XM Cyber als digitalen Schutz an. Von der Partnerschaft profitieren beide: Google erhält Zugang zum europäischen Markt mit hohen Datenschutzanforderungen, die Schwarz-Gruppe kann ihren Kunden modernste Lösungen bieten.

Risiken steigen mit der Komplexität

Immer gibt es allerdings auch ein Aber: Die hohe Kapitalbindung und die zunehmende Komplexität der Managementstrukturen können Risiken schaffen. Besonders dann, wenn vier von fünf Geschäftsfeldern in ihrer Managementspitze von Handelsfremden besetzt sind. Fehlendes Know-how kann zu ineffizienten Abläufen führen. Kritische Stimmen von Branchenkennern weisen darauf hin, dass die starke Orientierung auf digitale und nicht-handelsübliche Geschäftsfelder wie Cloud-Services die traditionelle Händler-DNA gefährde. Ob Schwarz auf lange Sicht gegen internationale Giganten wie Amazon Web Services (AWS) oder Google bestehen kann, bezweifeln derzeit Experten. Das sei doch sehr ambitioniert, ist im Markt zu hören. Denn: Noch stehe keine Gelddruckmaschine im nördlichen Schwabenland. Was aber für die Absichten der Schwarz-Gruppe spricht: Im Cloud-Computing-Markt ist nach unterschiedlichsten Schätzungen erst eine Marktsättigung von rund 25 Prozent erreicht. Da bleibt viel Luft nach oben in Europa und für die Neckarsulmer.

Bekenntnis zu „Made in Germany“

Chrzanowski hat in seiner Berliner Rede das Schwarz-Ökosystem skizziert. Die vertikale Integration ist nach seinen Aussagen ein wesentlicher Grund für die Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Branchenprimus. Dadurch sei es möglich, Prozesse zu optimieren, Innovationen schneller umzusetzen und unabhängiger von externen Einflüssen zu agieren. Der Vordenker der Schwarz-Gruppe machte Mut, wieder auf „Made in Germany“ zu setzen. Das stehe für Werte wie Effizienz, Leistung und Qualität. „Um die Chancen der Digitalisierung voll auszuschöpfen, müssen wir unsere Kräfte bündeln“, rief er den Kongressteilnehmern zu. Einzelkämpfer hätten in Zeiten des disruptiven Wandels keine Chance mehr.

Dass unsere Daten auf amerikanischen Servern sicher sind, daran zweifelt Chrzanowski. Seine Antwort darauf: heimische Entwicklungen, die Europas Souveränität und Widerstandsfähigkeit stärken sollen – sicher gerne mit der Schwarz-Gruppe am Steuer und der deutschen Wirtschaft im gemeinsamen Boot. Die Vertikalisierung setzt sich fort. Die Schwarz-Gruppe ist in Deutschland ein Taktgeber.

Was Aldi anders macht

Auch Aldi Süd und Nord setzen auf Vertikalisierung, jedoch selektiver als Lidl. Die Eigenproduktion ist stärker auf Produktgruppen wie Kaffee konzentriert. Aldi bezieht viele Produkte weiterhin von externen Lieferanten, insbesondere im Bereich Backwaren. Hier kommen zahlreiche regionale Bäcker und große Anbieter wie Harry-Brot oder Lieken zum Einsatz. Nach Angaben eines Branchenkenners ist Aldi wesentlich effizienter und konservativer im Kostenmanagement als Lidl aufgestellt. Aldi schließe nicht rentable Geschäftsfelder konsequent, Lidl dagegen toleriere längerfristige Verluste im digitalen Bereich. In puncto Kundenbindung müsse Aldi nichts tun, weil es die loyalsten Kunden der Branche habe. Anders Lidl, das massiv in Loyalitätsprogramm und Plattformen investiere, damit aber keinen Gewinn erwirtschafte.