Ein bulgarischer Pkw mit Anhänger, unterwegs auf der B 14 bei Waidhaus, dem Grenzort zwischen Tschechien und der Oberpfalz. Dem 23 Jahre alten Fahrer glauben die Zöllner zunächst die gemeldeten vier Stangen Zigaretten. Die Reisefreimenge deckt diese Menge ab. Dann öffnen die Beamten die Verkleidung der Rücksitzbank. Darunter, in eigens präparierten Hohlräumen, in Taschen und Plastiktüten: weitere Zigaretten, insgesamt 17.320 Stück, versehen mit bulgarischen Steuerzeichen, ohne jede Berechtigung für den deutschen Markt. Steuerschaden: 3.691,11 Euro. Der Zoll leitet ein Strafverfahren ein, der Fahrer darf weiterreisen. So berichtete es das Hauptzollamt Regensburg Anfang August.
Für sich genommen ist die Pressemitteilung eine Randnotiz im Tagesgeschäft der Zollfahndung. Im Kontext der aktuellen Tabaksteuerdebatte aber gewinnt diese Anekdote an Gewicht. Während der Bund plant, die Steuer auf Zigaretten, Feinschnitt und Alternativprodukte in den kommenden Jahren drastisch anzuheben, warnt die Branche geschlossen vor genau diesem Effekt: mehr Schmuggel, mehr Fälschung – und am Ende weniger statt mehr Einnahmen für den Fiskus.
„Größter Tabaksteuerexzess“
Am deutlichsten formuliert das der Bundesverband der Tabakwirtschaft und neuartiger Erzeugnisse (BVTE). Nachdem publik wurde, dass die Regierung, um Haushaltslöcher zu schließen, weitere 40 Cent pro Packung draufschlägt, findet Hauptgeschäftsführer Jan Mücke diese Worte: „Sollten sich die Berichte bestätigen, erleben wir den größten Tabaksteuerexzess in der Geschichte der Bundesrepublik. Die Regierung verabschiedet sich endgültig von jeder finanzpolitischen Vernunft.“ Höhere Steuern, so der Verband, bedeuteten nicht automatisch mehr Einnahmen – das hätten Deutschland und europäische Nachbarn bereits schmerzhaft erfahren.
Verband prämiert Fälschungen
Um das zu illustrieren und wohl auch um Aufmerksamkeit in eigener Sache zu bekommen, hat der BVTE ein wöchentliches Format ins Leben gerufen: die „Schmuggelzigarette der Woche“. Zunächst prämierte der Verband eine grob gefälschte Schachtel „Gauloises Blondes Lights Red“, ohne Warnhinweise, Steuerzeichen oder Rückverfolgbarkeitscode, gekauft im Grenzraum für 1,50 Euro; das Original kostet in Deutschland 9,40 Euro.
Wenig später folgte eine Marlboro-Stange, auf den ersten Blick professionell verarbeitet – erst der seit 2019 vorgeschriebene Track-and-Trace-Code entlarvt sie: Alle zehn Schachteln tragen denselben Code. Ein Käufer erwarb die Stange hinter der deutsch-polnischen Grenze für 30 Euro, gegenüber rund 94 Euro für die reguläre Stange. Die jährliche Ipsos-Entsorgungsstudie untermauert die Warnung vor dem wachsenden Schwarzmarkt: 2025 trug demnach rund jede fünfte in Deutschland konsumierte Zigarette – 20,9 Prozent – keine deutsche Steuerbanderole.
Warum Berlin höhere Steuern will
Aus Koalitionskreisen heißt es zum Kabinettsbeschluss zweierlei: Die Erhöhung diene erstens der Haushaltskonsolidierung – der Bund muss Milliardenlücken schließen, und die Tabaksteuer gilt als vergleichsweise unkomplizierte Einnahmequelle. Zweitens rahmt die Koalition sie als Gesundheitsschutz, im Einklang mit dem erklärten Ziel, die Raucherquote von Jugendlichen und Erwachsenen zu senken.
Genau dieses zweite Argument gewann zuletzt an Gewicht: Nach einem Bericht des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND) wollen CDU, CSU und SPD die im Regierungsentwurf vorgesehenen Sätze noch einmal nach oben korrigieren, um den Gesundheitsaspekt stärker zu betonen. Bundesdrogenbeauftragter Hendrik Streeck (CDU) argumentiert: Höhere Preise senkten den Konsum, weniger Konsum senke Krankheitslast und Systemkosten. Als Referenzgröße kursiert die Zahl von rund 131.000 Tabaktoten pro Jahr in Deutschland.
Rückendeckung erhält die Regierung von der Gesundheitsseite. Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ), Deutsche Krebshilfe und Deutsche Krebsgesellschaft fordern seit Langem regelmäßige, spürbare Tabaksteuererhöhungen als – nach eigener Einschätzung – wirksamste Einzelmaßnahme gegen Rauchen: In Industrieländern senke eine Preiserhöhung um 10 Prozent den Konsum um rund 4 Prozent, Jugendliche reagierten wegen geringerer Kaufkraft bis zu dreimal stärker auf Preissignale als Erwachsene. Das DKFZ beziffert die volkswirtschaftlichen Folgekosten des Rauchens auf rund 97 Milliarden Euro jährlich und fordert – deutlich über die aktuellen Regierungspläne hinaus – jährliche Erhöhungen von 10 Prozent über zehn Jahre.
Kurzfristig könnten Verbraucher geplante Käufe vorziehen, um einer Preiserhöhung zuvorzukommen. Entscheidend sind aber die langfristigen Folgen.
Welche wären das?
Das Risiko wächst, dass Konsumenten auf günstigere Bezugsquellen ausweichen. Das kann grenzüberschreitende Einkäufe, Online-Angebote aus dem Ausland und illegale Märkte betreffen. Derartige Ausweichbewegungen sehen wir schon heute bei Zigaretten, E-Zigaretten und Nikotin-Pouches.
Das steht im Kabinettsentwurf
Und darum geht es konkret: Das Bundeskabinett hat am 6. Juli 2026 einen Gesetzentwurf beschlossen, der das Tabaksteuergesetz ändern soll und jährliche Erhöhungen von 2027 bis 2030 vorsieht. Der Preis einer 20er-Packung soll schrittweise von rund 9,10 Euro (2027) über 9,91 Euro (2028) und 10,81 Euro (2029) auf 11,78 Euro (2030) klettern. Das Finanzministerium rechnet allein für 2027 mit rund 756 Millionen Euro Mehreinnahmen, in den Folgejahren mit weiteren Milliarden. Das Parlament hat das Gesetz noch nicht verabschiedet.
Wer bei der Industrie nachfragt, spürt schnell, dass hier kaum einer mit höheren Steuereinnahmen und sinkender Raucherquote rechnet. Wie tief die Skepsis sitzt, zeigen die Stellungnahmen der großen Hersteller, die der Lebensmittel Praxis vorliegen. Bei Japan Tobacco International (JTI) rechnet Sprecher Lukas Engelmann Lentzler unumwunden mit dem Finanzministerium ab: „Die erwarteten Tabaksteuer-Mehreinnahmen von etwa 8,5 Milliarden Euro sind in der Abteilung ‚Wunschdenken‘ im Finanzministerium entstanden. Das ist Excel-Poesie ohne Erfolgsaussichten.“
Als Beleg verweist er auf die Niederlande, Belgien und Frankreich, wo drastische Erhöhungen spürbare Ausweichbewegungen ausgelöst hätten. JTI plädiert für ein moderateres Modell – 4 statt 9 Prozent jährliche Erhöhung bei Fertigzigaretten, 6,4 statt 20 Prozent beim Feinschnitt – und beziffert die Mehreinnahmen bis 2030 auf 6,9 Milliarden Euro, während der Regierungsentwurf sogar Ausfälle von 3,2 Milliarden Euro im Vergleich zum Status quo nach sich ziehen könne.
Konkrete Folgen sieht Engelmann Lentzler vor allem im Osten, wo laut BVTE bereits knapp 42 Prozent der Zigaretten nicht in Deutschland versteuert sind: „Der Handel gerade im kleinen und mittelständischen Bereich wird massiven Schaden davontragen.“ Für den Standort Trier rechnet JTI im ungünstigsten Fall mit rund 700 verlorenen Arbeitsplätzen. Als warnendes Beispiel dient der Tabakindustrie Australien, wo laut Australian Bureau of Statistics 2025 rund 80 Prozent aller konsumierten Tabakwaren aus illegalen Quellen stammten – 2017, vor der großen Steueranhebung in Australien, waren es nur 12 Prozent.
Bei British American Tobacco (BAT) fällt die Kritik in der Substanz ähnlich deutlich aus. „Tabaksteuererhöhungen müssen ausgewogen, moderat und nachvollziehbar gestaltet sein“, sagt Blagoje Jovanovic, der Kaufmännische Leiter für das Deutschland-Geschäft. Aus einer eigenen Studie liefert BAT Zahlen: Im zweiten Quartal 2026 habe der Anteil nicht deutscher Zigaretten auf Packungsbasis bereits bei 26,2 Prozent gelegen, ein Plus von rund 25 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Steige der Packungspreis wie geplant, seien weitere Ausweichbewegungen absehbar. Zusätzlich kritisiert BAT den Zeitplan bis zum geplanten Inkrafttreten am 1. Januar 2027 als zu knapp.
„Der Ehrliche ist der Dumme“
Auch Reemtsma-Sprecher Peter Fobe kritisiert die Pläne und sagt: „Der Ehrliche ist der Dumme.“ Nach seiner Rechnung könnte der Preis einer 20er-Packung bis 2030 auf 12 Euro steigen, für einen 30-Gramm-Beutel Feinschnitt auf über 11 Euro – mit besonders harten Folgen dort, wo die erhöhte Mindeststeuer den Preiswettbewerb faktisch aushebelt: „Damit drohen in Deutschland bald französische oder niederländische Verhältnisse, wo der legale Markt schon faktisch zusammengebrochen ist.“ Zahlen liefert der Schwarzmarkt-Tracker des Unternehmens, gestützt auf offizielle Zoll- und Polizeimeldungen: Allein im ersten Halbjahr 2026 wurden mindestens 55,9 Millionen illegale Zigaretten und knapp 2,5 Millionen E-Zigaretten sichergestellt, bei Snus und Nikotinbeuteln liegt das Niveau bereits 79 Prozent über dem Vorjahr. Reemtsma vermutet, dass das tatsächliche Ausmaß diese Zahlen deutlich übersteigt.
Wie hart trifft es den Handel?
Die Warnungen der führenden Tabakkonzerne zielen auch auf den Einzelhandel ab. Blagoje Jovanovic (BAT) glaubt, dass legale Verkaufsstellen massiv unter Druck geraten könnten, bis hin zu konkreten Risiken für Arbeitsplätze und Standorte im Einzelhandel. „Für Tausende Einzelhändler sind Tabakwaren ein unverzichtbarer Umsatz- und Frequenztreiber und sichern die wirtschaftliche Grundlage ihres Geschäfts“, gibt auch ein Sprecher von Philip Morris zu bedenken.
Lukas Engelmann Lentzler (JTI) bringt konkrete Beispiele: Mit Blick auf die „freien Tankstellen in Mecklenburg-Vorpommern in der Nähe zur Grenze“ oder die „soloselbstständige Kioskbetreiberin“ werde deutlich, dass vor allem der kleine und mittelständische Handel „massiven Schaden von diesen geplanten Steuerschocks davontragen wird“.
Die Branche wehrt sich auch geschlossen dagegen, Zigaretten und Alternativen steuerlich gleich zu behandeln. Ein Sprecher von Philip Morris verweist darauf, dass Deutschland bei erhitztem Tabak mit einer Besteuerung von rund 80 Prozent des Zigarettenniveaus einen europäischen Sonderweg verfolge – der EU-Durchschnitt liege bei etwa 50 Prozent. Die Folge sei auch hier ein wachsender Graumarkt: Bereits jeder dritte in Deutschland konsumierte Tabakstick stamme laut einer KPMG-Erhebung aus dem Ausland, was dem Staat Einnahmen entziehe.
Peter Fobe von Reemtsma argumentiert gesundheitspolitisch: Da E-Zigaretten-Dampf deutlich weniger Schadstoffe enthalte als Tabakrauch, sinke bei einer Gleichbesteuerung der Anreiz für Raucher, auf risikoärmere Produkte umzusteigen – die Bundesregierung verspiele damit eine Chance zur Schadensminimierung. Auch bei Nikotinbeuteln fehlt bislang ein verbindlicher Rechtsrahmen, weshalb die Produkte außerhalb regulierter Strukturen gehandelt würden.
Noch pointierter äußert sich Blagoje Jovanovic von BAT, der explizit von „Diskriminierung“ spricht, wenn Produkte mit sehr unterschiedlichem Risikoprofil nahezu gleich besteuert würden. Als Beispiel nennt er Nikotinbeutel, die trotz rund 1,5 Millionen Nutzern in Deutschland ohne klare Produktstandards, Alterskontrollen oder angemessene Besteuerung existierten. Als Gegenmodell verweist er auf Schweden, das durch eine stärkere Differenzierung zwischen Zigaretten und rauchfreien Alternativen inzwischen als faktisch rauchfreies Land gelte.
E-Zigaretten als Ausstiegschance?
Gesundheitsorganisationen und Suchtmediziner sehen die Argumentation der Industrie kritischer. Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) und Fachgesellschaften wie die Deutsche Gesellschaft für Suchtmedizin weisen immer wieder darauf hin, dass die Datenlage zu Langzeitrisiken von E-Zigaretten, Tabakerhitzern und Nikotinbeuteln noch unzureichend sei – die Produkte seien schlicht zu neu, um abschließend als „risikoarm“ gelten zu können.
Zudem warnen Experten vor dem Einstiegseffekt: Insbesondere aromatisierte E-Zigaretten und Nikotinbeutel seien bei Jugendlichen beliebt, die zuvor nie geraucht hätten – hier drohe eine neue Nikotinabhängigkeit zu entstehen, statt dass bestehende Raucher zum Umstieg bewegt würden.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat dazu ebenfalls eine klare Meinung und empfiehlt ihren Mitgliedstaaten grundsätzlich, neuartige Nikotinprodukte regulatorisch und steuerlich nicht zu privilegieren, um genau diesen Effekt zu vermeiden.