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Wassersprudler Raus aus der Nische

Tobias Dünnebacke | 09. Oktober 2020
Wassersprudler: Raus aus der Nische
Bildquelle: Getty Images

Marktbeobachter sind sich einig: Das Geschäft mit Wassersprudlern wird explodieren. Vom Kuchen wollen alle etwas abhaben. Start-ups, traditionelle Hersteller und Handel. Selbst der Discount mischt mit.

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„Ich habe seit Monaten das Problem, genügend Ware zu beschaffen. Die Kunden reißen mir die Produkte aus der Hand“, erklärt der Edeka-Händler. Wir stehen vor dem Regal mit Sirup für den Sodastream-Sprudler. Besonders die neuen Geschmacksrichtungen des Pepsi-Konzerns würden stark nachgefragt, aber auch andere Varianten und Wasserfilter wie die der Firma Brita. Der Edekaner möchte lieber anonym bleiben, um seine langjährigen Lieferanten von Mineralwasser und alkoholfreien Getränken nicht zu sehr zu verärgern. Aber ihm ist klar: Wassersprudler und -filter werden in Zukunft eine große Rolle im Getränkemarkt spielen, auch für die Händler.

Um eine Vorstellung von der Bedeutung des Marktes zu bekommen, reicht ein Blick auf den größten Namen: Sodastream. Das israelische Unternehmen, das einen wichtigen Produktionsstandort im hessischen Limburg hat, wurde 2018 für 3,2 Milliarden US-Dollar von PepsiCo übernommen. Die letzte veröffentlichte Umsatzzahl für 2017 lag bei 543,4 Millionen US-Dollar.

Seitdem hält man sich mit der Kommunikation von Zahlen zurück, nur das Wachstum steht im Fokus der Unternehmens-PR: seit Jahren zweistellig. Die Marktforscher von IRI konnten für den März dieses Jahres sogar zeitweise Wachstumsraten von mehr als 80 Prozent ermitteln. Deutschland und Österreich sind die größten Märkte. 2018 soll nach internen Statistiken hier eine Milliarde Liter Wasser aus dem Sodastream-Sprudler konsumiert worden sein. Berechnungsgrundlage ist der Kohlensäurezylinderverbrauch. Vom Pepsi-Deal und von der Einführung der wichtigsten Geschmacksrichtungen des Softdrink-Konzerns erhofft man sich nachhaltige Impulse. „Da bereits heute knapp 13 Prozent aller deutschen Haushalte einen Wassersprudler besitzen, sehen wir enormes Potenzial darin, dass Sodastream-Fans nun auch ihre Lieblingsgeschmacksrichtungen von PepsiCo mithilfe unseres Systems konsumieren können“, erklärte Rüdiger Koppelmann, Geschäftsführer von Sodastream Deutschland/Österreich, zur Markteinführung.

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Berliner Start-up Mitte rechnet sich große Chancen aus
Seit fast fünf Jahren werkelt auch das Berliner Start-up Mitte an einem Wassersprudler. Zunächst hieß es, man wolle sich vor allem an Ländern orientieren, wo Leitungswasser keine Trinkqualität hat, wie beispielsweise in Teilen Asiens. Mittlerweile ist bekannt, dass Mitte auch den deutschen Markt im Blick hat. Der Einstieg ist für 2021 geplant. Das Besondere: Der Sprudler soll nicht nur die Bläschen in das Leitungswasser füllen, sondern es auch filtern und mit Mineralien und Spurenelementen anreichern. Auch Refill+, das Sprudler-System von Nestlé, soll eine individuelle Mineralisierung bieten. Das System wird aber aktuell nur in Test-Märkten angeboten und richtet sich nicht in erster Linie an die klassischen Endverbraucher zu Hause.

Gegenüber gruenderszene.de hatte Mitte-CEO Moritz Waldstein-Wartenberg bestätigt, dass es mittlerweile eine weitere große Finanzierungsrunde („einen zweistelligen Millionenbetrag“) gegeben habe. Beteiligt sind die vier Altgesellschafter Bitburger Ventures, Kärcher New Venture, Danone Manifesto Ventures und der Risikokapitalgeber Visvires New Protein. Davor war von Investments in Höhe von rund zehn Millionen Euro die Rede sowie diversen Crowdfunding-Runden. Die Berliner haben sich allerdings ob der langen Entwicklungszeit Ärger auf diversen Crowdinvesting-Portalen eingefangen. Die aktuelle Entwicklung des Sprudler-Marktes bezeichnet Waldstein-Wartenberg gerne als den „iPhone-Moment“. Die ganz große Welle soll also noch kommen.

Auch Brita sprudelt mit und kooperiert mit Edeka
Auch Filterhersteller Brita, selbst Profiteur vom Interesse an Leitungswasser als Trinkwasser, setzt noch stärker auf Sprudler-Systeme. Das Familienunternehmen aus Taunus‧stein bei Wiesbaden hat kürzlich einen Kaufvertrag für Filltech aus Warburg unterzeichnet. Die Ostwestfalen sind zum einen mit rund 130 Mitarbeitern auf die Abfüllung von handelsüblichen Co2-Kartuschen für Trinkwassersprudler spezialisiert und bauen zum anderen industrielle Füllanlagen und Pumpensysteme. Die von Filltech abgefüllten Zylinder werden laut einer Unternehmensmitteilung unter anderem als Edeka-Eigenmarke vertrieben. Demnach ist Filltech bei den Füllungen in Europa hinter Sodastream die Nummer zwei. Der Jahresumsatz des Unternehmens lag zuletzt bei rund 20 Millionen Euro. Markus Hankammer, der in zweiter Generation das mittelständische Familienunternehmen Brita führt, erklärt: „Der Erwerb von Filltech ist insofern ein Meilenstein für uns, weil wir so mit einer exzellenten Basis in den boomenden Wassersprudler-Refill-Massenmarkt eintreten mit OEM, Private Label und unserem Brita-gebrandeten Refill-Geschäft.“ (OEM steht für Original Equipment Manufacturer und meint primär einen Hersteller von Hardware.)

Starkes Signal: Discount positioniert seine Eigenmarken
Auch der Discount entdeckt das Thema für sich. Lidl beispielsweise verkauft Sodastream-Produkte zu aggressiven Kampfpreisen. Online, aber auch offline. So steht das Einstiegsmodell „Easy“ seit Anfang Oktober für 48,49 Euro im Laden. Ein Preisnachlass von 51 Prozent zur unverbindlichen Preisempfehlung. Ähnlich hohe Preisnachlässe finden sich zu anderen Sodastream-Produkten im Onlineshop des Händlers. Auch unter der Eigenmarke Freeway führt Lidl mittlerweile ein Eigenmarkensortiment für einen Limo-Sirup, passend zum Sprudler des Marktführers. Dass der Discounter der Schwarz-Gruppe auch an einem eigenen Hardware-System tüftelt, darüber wird spekuliert. Offiziell bestätigt ist das aber noch nicht.

Wettbewerber Aldi war hier schneller: Seit vergangenem Jahr gibt es die Marke Sodastar, die von dem Wiener Hersteller BL Balanced Lifestyle produziert wird.