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Drogerieartikel Nachfüllkonzepte im Test

Bettina Röttig | 27. Mai 2020
Drogerieartikel: Nachfüllkonzepte im Test
Bildquelle: Henkel

Deutschlands Badezimmer- und Putzschränke beherbergen vor allem eines: Kunststoff. Um die Menge zu entsorgender Duschgel- oder Reinigungsflaschen zu verringern, testen Handel und Hersteller neue Nachfüllkonzepte im Drogerie-Segment. Pro und Contra.

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Tuben, Tiegel, Flaschen: Das Drogeriesortiment ist ein verpackungsintensives. Hersteller von Beauty- und Reinigungsprodukten arbeiten daher an Lösungen, um den Einsatz von (Neu-) Plastik zu reduzieren. Lag der Fokus bisher vor allem auf dem Einsatz von recyceltem Kunststoff, werden nach dem Vorbild der Unverpackt-Läden zunehmend auch verpackungsfreie Lösungen getestet. In der Schönheitspflege sind so zunehmend feste Shampoos und Duschgele sowie Zahnpastatabletten zu finden. Auch im Wasch-, Putz-, Reinigungs-Sortiment (WPR) tut sich nun viel.

So hat Lidl Mitte Mai Reinigungs-Konzentrate in Form von Sprudeltabletten vorgestellt. Die Nachfülltabs der Lidl-Eigenmarke „W5“ für vier verschiedene Reinigungsmitteltypen (Glas-, Küchen-, Bad- oder Allzweckreiniger) werden mit Leitungswasser aufgelöst und ersetzen so den Neukauf von in Flaschen verpackten Reinigungsmitteln. Mit den Tabs kann neues PET eingespart werden, zudem Wasser und Transporte. Die Tabs waren zunächst testweise eine Woche lang in Aktion zum Preis von 1,49 Euro je Zweierpackung erhältlich.

Abfüllstationen im Test
Aufmerksamkeit erzielen Supermarkt- und Drogerieketten aktuell mit ersten Pilotprojekten, die umweltbewussten Kunden bereits aus Unverpackt- und Bio-Läden bekannt sind: Die Rede ist von Abfüllstationen am PoS. Auch sie ermöglichen, Verpackungen immer wieder zu nutzen und somit einsparen zu können. Die Drogeriemarktkette dm bietet Kunden ihrer österreichischen sowie einiger tschechischer Filialen solche Nachfüllanlagen. Ob und wann das Konzept in Deutschland ausgerollt werden soll, darüber gibt es noch keine Informationen.

Doch wie genau sehen die bisherigen Konzepte aus? Der Düsseldorfer Henkel-Konzern hat in Tschechien im November 2019 gemeinsam mit Handelspartner Rossmann ein Pilotprojekt gestartet. In ausgewählten Filialen können Kunden an automatischen Nachfüllstationen ihr gewünschtes Produkt abfüllen und die Flasche hierfür mehrfach benutzen. Dabei sind neben Persil-Waschmittel auch ein Weichspüler und Geschirrspülmittel, Fa-Handseife sowie Shampoos und Duschgele der Marke Nature Box erhältlich.

Das Nachfüllsystem sei von Henkel so konzipiert worden, dass es die höchstmögliche Kundenfreundlichkeit biete, erklärt der Hersteller. Im Laden wählen die Verbraucher eine leere Flasche des gewünschten Produkts aus und scannen an der Auffüll-Station einen auf dem Etikett befindlichen QR-Code. Daraufhin wird die richtige Produktmenge in die Flasche gefüllt und gleichzeitig ein Bon mit den relevanten Angaben (zum Beispiel das Abfülldatum) ausgedruckt. Nach Gebrauch kann die geleerte Flasche im Markt an der Station nach dem gleichen Prinzip erneut aufgefüllt werden.

Die Erkenntnisse für die Bewertung und Optimierung solcher Stationen, welche Henkel durch dieses Pilotprojekt gewinnt, möchte der Konzern nutzen, „um daraus weitere mögliche Schritte abzuleiten“. Wann und ob man das Konzept in Deutschland ausrollt, ist damit noch nicht gewiss.

Die SuperBioMarkt AG testet ein vergleichbares System seit Ende 2017 in Münster in den Arkaden und in Oldenburg. Hier hat der Kunde die Möglichkeit, vier verschiedene Produkte (Flüssigseife, Waschmittel, Allzweckreiniger, Handspülmittel) abzufüllen. „Da wir uns noch in der Testphase befinden, können wir bedauerlicherweise noch keine Angaben über Nutzen und Einsparungen tätigen“, so das Unternehmen. Das System, das auch in einem Pilotprojekt mit Basic getestet wird, stammt von Hersteller Sodasan und erfordert eine vergleichbare Handhabung wie bei Henkel: Leerflasche des gewünschten Produkts auswählen, Strichcode scannen, abfüllen, Etikett ausdrucken, aufkleben und an der Kasse bezahlen. Sehr plakativ kann dabei die Plastikmüll-Ersparnis der Kunden kommuniziert werden.

Dass Handel und Hersteller trotz Pluspunkten in Sachen Umweltschutz und dem Imagegewinn, den das Thema Plastikvermeidung beim Kunden bringen dürfte, sich noch immer auf Tests beschränken, hängt mit der erhöhten Sortimentspflege und rechtlichen Fallstricken zusammen.

Kosten- und Pflegeintensiv
Denis Schulz, Leiter Einkauf Trocken und WPR bei der Berliner Bio Company: „Alle namenhaften Hersteller aus der Naturkostbranche wie Sonett, Sodasan oder Ecover beschäftigten sich mit dem Thema intensiv. Leider bietet aus unserer Sicht keiner der Hersteller ein tragbares System an.“ Die Systeme seien entweder sehr pflegeintensiv, sehr teuer und verbrauchten viel Platz. Deshalb hat sich der Händler bisher gegen ein solches Angebot entschieden.

Zwischen 12.000 und 20.000 Euro kosten automatisierte Abfüllsysteme, erklärt Marion Reichart, Geschäftsführerin des Österreichischen Unternehmens Uni Sapon, Hersteller ökologischer Produkte. Für kleine Ladner seien solch hohe Investitionen nicht zu stemmen, daher geht das Unternehmen einen anderen Weg. Bereits in rund 80 Unverpackt-Läden in Deutschland stehen derzeit manuelle Abfüll-Stationen der Marke. Die Nachfrage wächst dynamisch. „Mein Ehemann hat rund fünf Jahre an dem Modell getüftelt, fertigt jedes Stück von Hand“, erzählt Reichart. Verkauft werden sie an die Ladner zum Materialselbstkostenpreis. „Mit 2.550 Euro sind wir das günstigste Modell am Markt und haben eine Lücke gefüllt“, sagt die Geschäftsführerin. „Wir arbeiten mit unseren Handelspartnern Hand in Hand, verdienen selbst erst nach einem Jahr an dem Konzept.“ Zwölf Monate lang erhält der Vertragshändler die Nachfüllprodukte zu 25 Prozent vergünstigt, damit sich die Investition rasch amortisiert.

Thema Haftung
Wer als Händler auf das Thema Unverpackt im Drogeriesegment setzt, sollte sich rechtlich genau auskennen. „Der Händler ist ab der Abfüllung der Produkte der Inverkehrbringer der Ware und haftet ab diesem Moment vollumfänglich für die korrekte Abgabe und Kennzeichnung der Produkte“, betont Reichart.

Bei nicht automatisierten Abfüllanlagen sei der Händler nicht befugt, Kunden die Wasch-, Putz- oder Reinigungsmittel selbst abfüllen zu lassen, erklärt Reichart. Er muss also Verkäufer für die Bedienung abstellen. Acht Produkte – Shampoo, Duschgel sowie ein WPR-Vollsortiment mit Spül- und Waschmittel, Allzweckreiniger – bieten die Österreicher in einer solchen 1,20 Meter breiten Abfüllstation an. Diese steht in der Regel hinter der Kasse, so wird das Zapfen gleich in den Check-out-Prozess eingebunden, kein zusätzlicher Verkäufer auf der Fläche wird benötigt.

Das Unternehmen unterstützt den Händler mit ausführlichen Informationen zu den gesetzlichen Vorgaben zur Abgabe und Kennzeichnung von Wasch-, Putz- und Reinigungsmitteln. So heißt es in einem ausführlichen Informationsblatt für den Handel zum Beispiel: „Wasch- und Reinigungsmittel dürfen ausschließlich im Originalgebinde abgegeben werden, welches für diesen Zweck geeignet und zugelassen ist und über die gesetzlich verpflichtende Kennzeichnung (Inhaltsstoffe, Angaben zum Hersteller, Gefahrenhinweise etc.) verfügt.“

Sollte sich ein Händler entscheiden, die selbst mitgebrachten Gefäße eines Kunden zu befüllen, so sei zwingend ein Originaletikett am Gebinde anzubringen. Uni Sapon liefert den Handelspartnern zu jedem Produkt (zusätzliche) Original-Etiketten, „selbst ausgedruckte Papieretiketten sind von Gesetzes wegen nicht erlaubt, da diese weder wasser- noch lichtbeständig sind“, so Reichart. Das Abfüllen von WPR-Produkten in Lebensmittelbehältnisse sei jedoch unbedingt zu unterlassen, rät das Unternehmen.

Ein manuelles Nachfüllsystem bietet auch Sonett, ebenfalls Hersteller für ökologische Wasch- und Reinigungsmittel. Geschäftsführer Gerhard Heid: „Wir haben seit jeher die meisten unserer Produkte auch in 10-Liter- und 20-Liter-Kanistern abgefüllt. Dafür gibt es Auslaufhähne, einfache Pumpen und eine Abtropfrinne aus Edelstahl, die wir in der gewünschten Länge liefern.“ Daneben gibt es neue Zweistellen-Abfüllstationen, zudem wird derzeit eine elektrisch betriebene Abfüllanlage mit Etikettendrucker und automatischer Dosierung angeboten.

Ressource Nachfüllkanister
Den Aufwand für Händler und Mitarbeiter halten die Unternehmen möglichst gering. So wird die manuelle Abfüllstation von Uni Sapon beispielsweise mit warmem Wasser gereinigt, dann mit Alkohol (über 40 Prozent) eingesprüht und nochmals mit Wasser durchgespült.

Die Nachfüllkanister lässt der Hersteller auf eigene Kosten von einer Spedition einsammeln (volle Palette), reinigt und befüllt diese wieder.

Auch Sonett lässt die leeren Kanister auf eigene Kosten wieder abholen, dies sei der „wichtigste Service“, so Heid. Die zurückkommenden Kanister werden vom Unternehmen gereinigt und wieder befüllt. Eine einmalige Rückholung und Wiederbefüllung eines 20-Liter-Kanisters bringt nach Informationen von Sonett 68,75 Prozent CO2-Einsparung gegenüber einem neuen Kanister (die gesamte Rückholung und Wiederbefüllung eingerechnet).

Sodasan hingegen hat seine Großgebinde von Kanistern auf die von Wein und Obstsäften bekannte Bag-in-Box-Verpackung umgestellt. „Durch diese Umstellung wird Sodasan pro Jahr mindestens 6,4 Tonnen Plastikmüll einsparen“, so das Unternehmen. Kanister enthalten laut Hersteller 72 Prozent (5-Liter-Größe) beziehungsweise 82 Prozent (20-Liter-Größe) mehr Plastik als Bag-in-Box. Hinzu komme, dass in der Produktion und im Transport von Bag-in-Box-Verpackungen deutlich weniger CO2 ausgestoßen werde als bei Kanistern. Die Entsorgung der leeren Bag-in-Box erfolgt getrennt nach Kunststoff und Pappe über das Duale System.

Frosch-Hersteller Erdal Rex sieht Abfüllstationen kritisch. „Grundsätzlich spricht nichts gegen Abfüllstationen, vor allem bei trockenen Schüttgütern. Bei flüssigen Produkten wie Wasch-, Putz und Reinigungsmitteln gibt es aber zwei wesentliche Einschränkungen: Logistik und Hygiene“, sagt Wolfgang Feiter, Marketingleiter Erdal-Rex. Nachfüllstationen hätten ein Risiko der Verkeimung. Für Frosch-Produkte würde dies beispielsweise veränderte Formulierungen erforderlich machen. „Wir nutzen bei Frosch ein vollständig entsalztes Wasser, das wir aus unserer eigenen Wasseraufbereitungsanlage gewinnen. Dadurch können wir die Konservierungsstoffe auf ein Mindestmaß reduzieren. Im Fall einer Nachfüllstation müssten wir deutlich mehr Konservierungsstoffe hinzu geben.“

Enormer Platzbedarf
Aufgrund des enormen Platzbedarfs über alle WPR-Segmente hinweg, könnten Abfüllkonzepte mit maximal ein bis zwei Marken durchgeführt werden. „Viele Kunden sind aber immer noch sehr markentreu und lassen sich nicht über die Abfüllstation bestimmen, welche Marke sie kaufen. Zumal nur ein Bruchteil der Kunden überhaupt dafür bereit sein dürfte“, sagt Feiter.

Allein durch die logistischen Einschränkungen komme man nach Schätzung von Erdal Rex auf maximal fünf Prozent der Bedarfe in den WPR-Kategorien. „Die Frage bleibt dann: Was tut man für die restlichen 95 Prozent? Lässt man dort alles beim Alten?“, fragt Feiter.

Nachfüllbeutel weiterentwickelt
Nichtsdestotrotz könnten Nachfüllstationen zum Beispiel für Drogeriemärkte ein guter Ansatz sein, um das Eigenmarken-Geschäft zu forcieren und damit generell Image-Aufbau zu betreiben, meint Feiter. „Aber da empfiehlt sich tatsächlich die eigene Hausmarke und nicht das Forcieren spezieller Marken, egal von welchem Marken-Hersteller sie kommen“, so der Manager. Den Aufwand für so einen Schritt sollte man gut abwägen und ihn nicht unterschätzen. Für alle „normale Marken“ empfehle man für das normale Regal-Geschäft eindeutig den Einsatz von Recycling-Material und Nachfüllbeuteln.

„Wir sehen ganz klar den Weg von Nachfüllkonzepten in Verbindung mit Flaschen aus 100 Prozent Altplastik aus Endverbraucher-Sammlungen.“ Seit 1991 setzt Frosch auf Nachfüllbeutel, über alle Warengruppen hinweg verkauft die Marke nach Angaben des Herstellers bereits mehr als 20 Millionen Stück im Jahr.

In diesem Jahr präsentiert das Unternehmen den ersten Standbodenbeutel, der vollständig recyclingfähig ist und damit dem Prinzip „Designed for Recycling“ folgt. Der patentierte Standbodenbeutel kann komplett wiederverwertet werden – das Plastik bleibt also im Kreislauf. Darüber hinaus spare der Beutel im Vergleich zu einer Flasche der gleichen Inhaltsmenge bis zu 70 Prozent an Verpackungsmaterial ein. Und schließlich kann dank der Nachfüllpackungen die Originalflasche immer wieder aufgefüllt werden.