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Henkel Klimaneutral ist nicht genug

Lebensmittel Praxis | 16. September 2019
Henkel: Klimaneutral ist nicht genug
Bildquelle: Peter Eilers

Der Konsumgüterhersteller Henkel möchte klimapositiv wirtschaften. An welchen Hebeln die Nachhaltigkeitsstrategie des Konzerns ansetzt und wie der Verbraucher mitgenommen werden kann, erklärt Uwe Bergmann, Director Sustainability Management.

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Herr Bergmann, Sie sind nun seit fast 20 Jahren mit Ihren Kollegen dabei, Henkel grüner zu machen. Was war für Sie Ihr größter Erfolg?
Gemeinsam mit vielen Kollegen das Thema Nachhaltigkeit über einen so langen Zeitraum im Fokus zu halten, kontinuierlich Fortschritte zu erzielen und zu den führenden Unternehmen zu gehören, ist für mich der größte Erfolg. Tatsächlich ist Nachhaltigkeit bei Henkel schon seit Jahrzehnten ein wichtiges Thema, der erste Umweltbericht wurde 1992 veröffentlicht. Ich kann den Erfolg also nicht allein auf mich und mein aktuelles Team verbuchen. Stolz bin ich vor allem auf unsere konstruktive Herangehensweise an das Thema, sei es beim Einsatz von nachhaltigem Palmöl und der Unterstützung von Kleinproduzenten, oder bei der Sensibilisierung der Verbraucher zum Thema Klimaschutz.

Fangen wir beim Thema Verbraucher an. Wie schaffen Sie es, Einfluss zu nehmen?
Das Verbraucherverhalten ist bei allen Produkten, bei denen in der Anwendung Energie oder Wasser verbraucht werden, der mit Abstand größte Hebel. Ich halte es für wichtig, dass Verbraucher bewusst konsumieren und faktenbasiert entscheiden können, in welchen Bereichen ihres Lebens sie Beiträge zum Klimaschutz leisten möchten. So haben wir zum Beispiel schon vor rund zehn Jahren für die Nachhaltigkeitswochen der Rewe einen Dusch-Rechner entwickelt, der gemeinsam mit dem Wuppertal Institut zu einem CO2-Fußabdruckrechner weiterentwickelt wurde. Der Rechner veranschaulicht in den Bereichen Wohnen, Ernährung, Mobilität und Freizeit, wie Verbraucher durch einen bewussten Konsum und Lebensstil einen Beitrag zum Klimaschutz leisten können.

Bitte geben Sie ein Beispiel.
Im Schnitt kommt jeder Bundesbürger auf zehn Tonnen CO2 pro Jahr. Wenn unsere Kunden ihre Duschzeit im Schnitt um 15 Prozent verkürzen würde, könnten weltweit pro Jahr 196.000 Tonnen CO2 eingespart werden. Das haben wir für alle Länder, in denen wir Duschprodukte verkaufen, mit dem nationalen Energiemix und dem Bedarf für das Aufheizen des Wassers berechnet. Wenn alle unsere Kunden ihre Wäsche komplett kalt waschen würden, wären dies pro Jahr sieben Millionen Tonnen CO2 weniger. Auch das basiert auf länderspezifischen Daten zu den verwendeten Waschmaschinen, Stromverbrauch etc. Wir versuchen mit Handlungsempfehlungen, aber auch mit unseren Produkten dazu beizutragen, Einsparungen beim Verbraucher zu erzielen.

Knapp 70 Prozent des ökologischen Fußabdrucks Ihrer Produkte entstehen nach Ihren Angaben während der Anwendung. Welche Verbesserungen können Sie wie erreichen?
Wir stellen Produkte her, deren Anwendung direkt mit dem Einsatz von Energie verbunden sind, zum Beispiel Wasch- und Spülmittel. Neue Formulierungen machen sie auch bei niedrigen Temperaturen leistungsstark. Wir animieren auf unseren Produkten zum Beispiel mit dem Logo „sei nachhaltig – wasche kalt“ dazu, Temperaturen beim Waschen zu reduzieren und so Energie und Emissionen zu sparen. Ein anderes Beispiel ist unser Colour Catcher, also Farbfangtücher für die Waschmaschine. Mit ihrer Hilfe können Textilien unterschiedlicher Farbe zusammen gewaschen werden, was die Anzahl der Waschladungen reduziert. Die Tücher haben unserer Berechnung zufolge im vergangenen Jahr dazu beigetragen, rund 169.000 Tonnen CO2-Emissionen zu vermeiden.

Wie sieht es im Bereich der Körperpflege aus?
Hier leisten unter anderem Trockenshampoos einen Beitrag. Sie werden auf das trockene Haar aufgesprüht und dann ausgekämmt. Es wird also kein warmes Wasser zum Haare waschen verwendet und somit Energie eingespart. 2018 wurden durch die Verwendung von Trockenshampoos unserer Marken Syoss, Schauma, Taft et cetera rund 15.000 Tonnen CO2-Emissionen vermieden.

Als globaler Konzern hat sich Henkel das Ziel gesteckt, klimapositiv zu wirtschaften. Innerhalb von welchem Zeitrahmen und wie gehen Sie vor?
Klimapositives Wirtschaften ist unsere langfristige Vision. Klima“neutral“ oder „Zero Emission“ ist uns nicht genug, denn vereinfacht betrachtet ist die Botschaft „ich bin kein Problem“ nicht wirklich motivierend. Deshalb geht es uns nicht darum, einfach CO2-Zertifikate für unsere Standorte zu kaufen, denn wir wollen einen greifbaren Beitrag zu den lokalen, nationalen und globalen Klimazielen leisten. Im Fokus stehen dabei unsere Produktionsbetriebe, auf die wir direkten Einfluss haben. Einen fixen Zeitrahmen zu nennen, ist jedoch schwierig. Bei 185 Produktionsstandorten in 56 Ländern sind sowohl politische als auch gesellschaftliche Bedingungen sehr unterschiedlich, zudem hängt viel von technischen Fortschritten ab. Daher haben wir uns klare Zwischenziele gesetzt. Zum Beispiel wollen wir bis 2030 in unserer Produktion 75 Prozent CO2 einsparen.

Im Vergleich zu welchem Basisjahr?
Im Vergleich zu 2010. Das Jahr ist der Ausgangspunkt unserer aktuellen, übergreifenden Nachhaltigkeitsstrategie.

Was sind die größten Hebel, um dieses Ziel zu realisieren?
Eine unserer größten Stellschrauben ist unser Energieverbrauch. Wir arbeiten kontinuierlich an Effizienzsteigerungen und wollen den Energiebedarf im Vergleich zu 2010 um 50 Prozent reduzieren. Zusätzlich wollen wir bis 2030 100 Prozent unseres Strombedarfs aus erneuerbaren Quellen decken. Dafür bauen wir zum einen die Erzeugung von Grünstrom an unseren Standorten aus, beispielsweise durch Photovoltaik-Anlagen. Da das Potenzial begrenzt ist, zum Beispiel auch aufgrund der Bestimmungen zu Abstandsgrenzen für Windturbinen und der zur Verfügung stehenden Flächen, beziehen wir Grünstrom auch direkt aus den Netzen der lokalen Energieversorger. Wenn wir Grünstrom an einem Standort nicht selbst erzeugen oder aus dem Netz eines lokalen Energieversorgers beziehen können, dann wird der Bedarf virtuell abgedeckt. Dazu schließen wir langfristige Abnahmeverträge – so genannte Power Purchase Agreements – ab, die Grünstrom aus spezifischen Anlagen in gleicher Höhe unseres Verbrauchs in das Versorgungsnetz einspeisen. Im letzten Schritt ist geplant, die verbleibenden Brennstoffe in unserer Produktion durch klimaneutrale Alternativen wie Biogas zu ersetzen und Dritte mit klimaneutraler Energie zu versorgen.

Können Sie konkrete Beispiele zu Ihren Energiesparmaßnahmen in der Produktion nennen?
Seit 2018 hat Henkel als erstes Unternehmen die Smart-Home-Technologie von Netatmo in seinen in seinen weltweit 31 Laundry & Home Care-Werken installiert. Die intelligenten Wetterstationen wurden ursprünglich für Privathaushalte entwickelt. Henkel verknüpft die Wetterdaten mit den Produktions- und Verbrauchsdaten, um die Prozesse effizienter zu gestalten und um Energie einzusparen. In der Waschmittelproduktion in Düsseldorf hat Henkel zum Beispiel mithilfe der Technologie die Brennereffizienz seines Sprühturms um 5 Prozent erhöht sowie die Prozesse für den Gasbrenner des Turms und die Temperaturkontrolle entlang des gesamten Trockenverfahrens optimiert. Darüber hinaus sind im Unternehmensbereich Laundry & Home Care die Produktionsstandorte und -prozesse weltweit verbunden. Mehr als 3.500 Sensoren an jedem Standort erfassen, wie viel Energie und Wasser jede Anlage verbraucht. Seit Einführung der Energie-Monitoring-Software 2011 konnte der Bereich Laundry & Home Care den Energieverbrauch bis Ende 2018 um 24 Prozent senken.

Mit welchen Hürden haben Sie beim Thema Energie zu kämpfen?
Es gibt noch viele offene Fragen. Strom kann in der Zukunft sicherlich nicht die einzige Lösung sein. Ich sehe großes Potenzial beim Thema Wasserstoff: Insbesondere für unseren Werkslogistikverkehr wäre das sehr spannend, da dies eine schnelle Betankung erlaubt und lange Standzeiten für das Laden von Batterien vermeidet. Gleichzeitig wäre Wasserstoff eine Möglichkeit, Strom aus erneuerbaren Energien zu speichern, zu transportieren und zu nutzen, wenn die Stromnetze in Deutschland überlastet sind oder mehr Strom produziert als nachgefragt wird. Wir haben schon heute ein Wasserstoff-Fahrzeug in unsere Flotte in Düsseldorf integriert, um Erfahrungen zu sammeln. Bei der Technik und auch den Rahmenbedingungen gibt es sicherlich noch Herausforderungen. Die Regulationen zu Eigenerzeugung und Einspeise-Vergütung für neue Energien sind sehr komplex. Hier muss sichergestellt sein, dass der Einsatz und die Eigenerzeugung von Grünstrom oder Wasserstoff aus erneuerbaren Energien für Unternehmen attraktiver wird.

Welche Nachhaltigkeits-Strategie verfolgen Sie auf Rohstoff-Basis? Das Stichwort Palmöl fiel bereits.
Rohstoffe stehen für rund 27 Prozent unseres CO2-Fußabdrucks. Hier sind wir schnell beim Thema Dosierung. Attraktive, vordosierte sowie kompakte Produktlösungen wie Caps oder Discs helfen dabei, Rohstoffe zu sparen. Palmöl ist und bleibt ein großes Thema. Als Basis für Tenside ist es für uns ein sehr wichtiger Rohstoff, der aber auch Herausforderungen mit sich bringt – Stichwort: Abholzung von Regenwald. Andere pflanzliche Alternativen sind jedoch weniger effizient und benötigen größere Anbauflächen. Bis 2020 soll das gesamte in unseren Produkten verwendete Palmkernöl aus nachhaltiger Bewirtschaftung entsprechend dem RSPO-Massenbilanzmodell stammen. Wir wollen erreichen, dass die von uns bezogenen Palmöle, Palmkernöle und Derivate vollständig zurückverfolgt werden können – zunächst bis zur Ölmühle und dann bis zur Plantage. Darüber hinaus leisten wir einen wichtigen Beitrag für die Branche mit unseren Smallholder-Projekten, bei denen wir mit der niederländischen Entwicklungsorganisation Solidaridad zusammenarbeiten. Wir haben es geschafft, mit diesen Projekten eine zusätzliche Menge nachhaltigen Palmöls in den Markt zu bringen, die unserem Bedarf entspricht. Ein weiteres wichtiges Thema sind nachhaltige Verpackungen.

Sie arbeiten mit der Branche zusammen an grünen Verpackungen und einer Kreislaufwirtschaft, haben ein Software-Tool zur Bewertung der Recyclingfähigkeit von Verpackungen freigegeben. Verschenken Sie keine Wettbewerbsvorteile?
Fortschritte hin zu einer Kreislaufwirtschaft können wir nur erzielen, wenn alle Akteure – von Herstellern, Händlern, Recyclingunternehmen bis hin zu Verbrauchern und Politik – zusammenarbeiten. Beim Thema Plastikverpackungen haben wir uns konkrete Ziele gesetzt, sowohl für den Einsatz von recyceltem Material als auch in Bezug auf die Recyclingfähigkeit. Wir sind davon überzeugt, dass es wichtig ist, dass alle Marktteilnehmer ein gemeinsames Verständnis davon haben, was Recyclingfähigkeit ist und welche Anforderungen damit verbunden sind. Mit Einzellösungen können wir nicht so viel bewegen. Bisher gab es keine Anwendung im Markt, um die Recyclingfähigkeit von Verpackungen schnell und einfach zu bewerten – diese Lücke wollen wir mit unserem Bewertungstool, EasyD4R, schließen. Daher stellen wir unsere Lösung der Branche zur Verfügung, nehmen auch das Feedback von Wettbewerbern auf. Wir nutzen etablierte Kriterien und schaffen damit Klarheit im Markt.

Wo liegen die größten Herausforderungen?
Als globales Unternehmen sehen wir, dass es international große Unterschiede beim Thema Recycling und Abfallwirtschaft gibt. Einige Länder haben keine funktionierende Sammel- und Recycling-Infrastruktur. Aber auch in Deutschland gibt es noch Optimierungspotenzial: Das System rund um unsere Abfall-Sammlung, -Entsorgung, -Aufbereitung ist sicherlich nicht perfekt, einzelne Akteure haben teils unterschiedliche Interessen. Hier könnte das System effizienter werden. Eine zentrale Herausforderung für uns als Hersteller ist nach wie vor die Verfügbarkeit an qualitativ hochwertigem Rezyklat.

Welche Lösungen gibt es?
Um nur einige Beispiele zu nennen: Sleeves machen auch Verpackungen, die aufgrund des verwendeten Rezyklats nicht kristallklar sind, attraktiver – und sie können mit einem eingebauten „Reißverschluss“ einfach entfernt werden, wodurch wiederum eine hohe Recyclingfähigkeit erreicht wird. Wir haben Metallfedern in Sprühköpfen durch Kunststoff ersetzt, damit unsere Verpackungen nicht mehr aus verschiedenen Materialien bestehen, also besser zu recyceln sind. Und wir beschäftigen uns mit der Frage: Schaffen wir es als Branche, als Unternehmen, interessante Nachfülllösungen anzubieten, die dem Verbraucher Spaß machen, die leicht sind und im Regal attraktiv aussehen?

Das Thema Unverpackt gewinnt weiter an Beachtung. Wird es Henkel-Reiniger in Geschäften auch einmal in Großgebinde zum Abfüllen geben?
Tatsächlich haben wir solche Konzepte schon in den 90ern getestet, die damals unter dem Begriff „Die Eiserne Kuh“ bekannt waren. Für den Händler bedeuten Unverpackt-Stationen grundsätzlich einen hohen Aufwand und auch der Verbraucher muss die Behältnisse reinigen, an diese denken, bevor er einkaufen geht. Natürlich beobachten wir, dass das Thema Nachfüllsysteme heute wieder intensiver diskutiert wird – und auch wir testen weiter und lernen dazu. Dabei ist es wichtig, sich mit dem Thema umfassend und rational auseinanderzusetzen: Ist ein Nachfüllsystem tatsächlich für jedes Produktsegment sinnvoll und geeignet? Können wir von anderen Bereichen lernen? Was funktioniert, zum Beispiel im Getränkesegment, und auch: Was funktioniert nicht?

Im Rahmen eines aktuellen Sonderberichts des Weltklimarates wird unter anderem gefordert, Umweltkosten bei den Preisen von Konsumgütern zu berücksichtigen. Wie sollten Ihre nachhaltigen Produkte bepreist werden im Vergleich zu weniger nachhaltigen?
Ganz grundsätzlich würden wir uns wünschen, dass die gesellschaftliche Diskussion rund um Nachhaltigkeit und Klimaschutz etwas faktenorientierter stattfinden würde, zum Teil wird doch sehr emotional und nicht immer rational argumentiert. Auf dieser Basis könnten dann auch die Verbraucher ihre Kaufentscheidung bewusster treffen – zum Beispiel durch die Initiative des nachhaltigen Warenkorbs des Rates für Nachhaltige Entwicklung, der zu Auswahl und Anwendung von Produkten informiert. Die richtigen Preissignale im Markt könnten sicherlich auch helfen. Es hätte zum Beispiel eine sehr positive Wirkung, wenn der Einsatz von Recyclingmaterial ökonomisch attraktiver würde. Noch immer ist Neumaterial günstiger als recyceltes. Und ein globaler Preis für CO2 könnte Konsumenten und Unternehmen helfen, bewusstere und klimaverträglichere Entscheidungen zu treffen. Aber wir müssen uns natürlich auch bewusst sein, dass auch in Zukunft der Preis nicht das einzige Kriterium bei der Kaufentscheidung am Regal ist.

Was fordern Sie von der Politik, um auch Ihr Klimaschutzengagement zu unterstützen?
Wir brauchen eine nachvollziehbare, greifbare, positive Vision, die die sozialen und ökonomischen Dimensionen verbindet. Mir persönlich gefiel die Überschrift der Sustainable Development Goals: The Future we want. Wir müssen das für uns übersetzen und definieren, wie die Zukunft, die wir uns wünschen, aussehen soll. Was sind erstrebenswerte Visionen zu einem attraktiven Lebensstil auf dem Land oder in der Stadt? Wo sind Beschäftigungschancen, die Unterstützung benötigen? Wir müssen zeitnah handeln. Die Politik muss hier die richtigen Anreize und Rahmenbedingungen setzen. Denn klar ist: Allein mit dem Verbot der Plastiktüte können wir das Klima nicht retten.