Recycling in der Praxis Papierflaschen statt Glas? Warum nachhaltige Verpackungen komplizierter sind als gedacht

Hintergrund

Neue Verpackungsregeln aus Brüssel, schrumpfender Plastikkonsum und ein Papierhype mit Tücken: Die Verpackungsindustrie kämpft um ihre Zukunft. Wer jetzt falsch abbiegt, zahlt bald einen hohen Preis.

Mittwoch, 24. September 2025, 07:40 Uhr
Matthias Mahr
Kann die Papierflasche von Rossmann ihr Nachhaltigkeitsversprechen halten? Bildquelle: Rossmann

Eine breite Verbändeallianz aller Packmittelfraktionen bis hin zum Marken- und Handelsverband fordert derzeit von der Politik einen zeitlichen Aufschub der Packaging and Packaging Waste Regulation (PPWR) auf den 1. Januar 2027. Das Hauptargument: Die Industrie sei weder technisch noch organisatorisch in der Lage, alle Vorgaben bis August 2026 umzusetzen. Vor allem kleine und mittlere Unternehmen drohten an den neuen Pflichten zu scheitern. Konformitätsbescheinigungen, Rezyklatquoten, detaillierte Materialnachweise – all das verursache erhebliche Kosten und verlange digitale Systeme, die viele Mittelständler schlicht nicht hätten, klagen Spitzenverbände. Jede Verpackung benötigt künftig eine eigene Konformitätserklärung durch den Inverkehrbringer, dazu fehlt bei kleinen Unternehmen oft die Datenbasis.

Hinzu kommt ein politischer Konflikt: Nationale Behörden wie das Umweltbundesamt (UBA) verschärfen die Auslegung bestehender Gesetze. Jüngstes Beispiel: Folienverpackungen für Stollen gelten neuerdings als To-go-Produkte und sollen abgabenpflichtig werden. Bäckerverbände sprechen von Bürokratie-Irrsinn und einer Gefährdung regionaler Kulturgüter. „Ein Stollen ist ein handwerklich hergestelltes saisonales Genusserlebnis und auch in kleineren Portionen kein To-go-Produkt“, betont Stefan Richter als Landesobermeister des Landesinnungsverbandes Sachsen.

Immerhin zeigt der AVU-Verpackungsmonitor 2025 eine Trendwende: Das Verpackungsaufkommen in Deutschland sinkt 2023 auf 17,9 Millionen Tonnen – ein Minus von 1,1 Millionen Tonnen gegenüber dem Vorjahr. Gründe sind konjunkturelle Einbrüche, aber auch Mehrwegtrends und Verpackungsoptimierung, erklären die Macher des Verpackungsmonitors von der Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung (GVM) im Auftrag der Allianz Verpackung und Umwelt (AVU). Die PPWR scheint zu wirken. Abgeleiteten Prognosen zufolge könnte das Aufkommen bis 2030 um weitere 1,3 Millionen Tonnen sinken, vor allem bei Kunststoff.

Aber: Nur 44 Prozent der Verbraucher glauben laut Verpackungsmonitor, dass Recycling wirklich funktioniert. Ein Branchenkenner, der nicht genannt werden möchte, sagt: „Die Bevölkerung ist weiter, als Politik und Industrie oft glauben. Verbraucher sortieren, hinterfragen und belohnen nachhaltige Lösungen. Aber sie sind zunehmend skeptisch, ob aus ihrem Einsatz auch tatsächlich hochwertiges Recycling folgt – ein Vertrauensproblem, das die gesamte Branche dringend adressieren muss.“ Die Herausforderung liegt in der Praxis. Rezyklate müssen in ausreichender Menge und Qualität verfügbar sein. Schon heute zeigt sich ein Engpass: Lebensmittelkontaktmaterialien aus Rezyklat sind Mangelware. „Wenn die Nachfrage hochschnellt, aber die Kapazitäten nicht mitwachsen, stehen wir vor einer Schieflage, die den ganzen Kreislauf blockiert“, weiß der bereits zitierte Insider.

Papier kein Allheilmittel

Der Trend vom Kunststoff hin zu faserbasierten Verpackungen ist unübersehbar. Laut Zahlen der Papierindustrie machen Verpackungspapiere inzwischen zwei Drittel der gesamten Produktion von Papier in Deutschland aus – mit einem Plus von 1,5 Prozent im ersten Halbjahr 2025, während andere Papiersegmente derzeit einbrechen. Treiber sind Onlinehandel, Regulierung und das Image „Papier ist immer nachhaltig“. Doch Experten warnen. Viele Papierverbunde enthalten Kunststoff- oder Aluminiumschichten, die Recycling massiv erschweren. Die PPWR verlangt ab 2030 mindestens 70 Prozent tatsächliche Recyclingfähigkeit – viele Verbunde werden daran scheitern. „Papier wird überschätzt“, sagt deshalb nicht nur Verpackungsberater Till Isensee. „Es gibt Monomaterialien aus Kunststoff, die ökologisch klar überlegen sind“, betont Dr. David Strack, Gründer und CEO von Susy (Sustai­nable System) – siehe Kasten.

Neue Spielregeln greifen

Seit August haben sich die Spielregeln im Verpackungsmarkt geändert: Jeder Hersteller, Inverkehrbringer oder Importeur muss für jede einzelne Verpackung eine eigene Konformitätserklärung vorlegen. Grundlage dafür ist ein vollständiges Konformitätsbewertungsverfahren, gestützt auf eine technische Dokumentation. Die Anforderungen der Packaging and Packaging Waste Regulation (PPWR) gehen weit über heutige Pflichten hinaus: Deklarationspflichten zu Rezyklatanteilen, Recyclingfähigkeitsanalysen, Materialherkunft und funktionalen Eigenschaften werden ebenso verpflichtend wie die eindeutige Klärung der Rollen im Sinne der PPWR. Wer als Erzeuger agiert, trägt jetzt die volle Verantwortung.

Digitales System hilft

„Die künftigen Anforderungen lassen sich nur erfüllen, wenn Verpackungsdaten vollständig, zentral und aktuell verfügbar sind“, betont Dr. David Strack, Gründer und CEO von Susy (Sustainable System), der ein digitales Packaging-Managementsystem entwickelt hat. Insellösungen, verstreute Excel-Tabellen oder abteilungsgetrennte Systeme seien dafür zu langsam und zu fehleranfällig. Gefragt seien digitale Verpackungsmanagementsysteme, die alle relevanten Informationen verknüpfen und jederzeit auswertbar machten. 

Derzeit sorgt Rossmann mit einer Papierflasche für Aufsehen. Sie besteht nach Angaben des Drogerie-Filialisten zu 94 Prozent aus recycelter Pappe, wiegt nur 82 Gramm und spart bis zu 84 Prozent CO₂ im Vergleich zu Glas. Doch der innere Kunststoffschlauch macht sie zu einem Verbund. Das erschwert das Recycling. Ökologisch schlägt die Papierflasche Glas im Einweg deutlich, leichte Kunststofflösungen aber nicht zwingend. Zudem sind Papierflaschen teurer – akzeptabel für Premiumprodukte, aber kaum für Massenware.

Ein besonders heikler Punkt ist die Zertifizierung. Unterschiedlichste Prüfinstitute vergeben heute Siegel zur Recyclingfähigkeit. Branchenkenner fordern ein Ende des „Etikettenschwindels“. „Zertifikate sind nicht mehr wert als das Papier, auf dem sie stehen. Unternehmen kaufen sich Sicherheit, die rechtlich nicht existiert“, sagen Spezialisten auf Nachfrage der Lebensmittel Praxis unter dem Radar. Es fehle nämlich weiterhin die einheitliche Definition des Begriffs „Recyclingfähigkeit“ einhergehend mit einer Methodik, die vergleichbare Ergebnisse ermögliche.

Unterstützung erhält diese Kritik von der Nahrungs- und Genussmittelwirtschaft Bremen (NaGeB). In ihrer Stellungnahme zum neuen Mindeststandard der Recyclingfähigkeit von Verpackungen  beklagt der Verband eine „zunehmende Bürokratielast“, die kleine und mittlere Unternehmen überfordern würde. Der Verband verlangt eine verbindliche Standardisierung der Prüfmethoden sowie mehr Transparenz. „Produktschutz und Lebensmittelsicherheit sind unantastbar, eine Optimierung im Sinne der Recyclingfähigkeit darf niemals zu Lebensmittelverlusten führen“, fordert NaGeB-Vorsitzender Mirko Oeltermann im Namen seiner Mitglieder. 

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